Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: schawuot

Schawu’ot 5782

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot! חג שבועות שמח! Am 2. Tag von Schawuot wird traditionell das biblische Buch Rut gelesen. Dieses hat 4…

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!


Am 2. Tag von Schawuot wird traditionell das biblische Buch Rut gelesen. Dieses hat 4 Kapitel und 85 Verse. Rut ist eine der fünf Festrollen (Megillot, neben Ester, Hoheslied, Kohelet und Klagelieder).

Im 4. Kapitel, Vers 12, wird auch Tamar erwähnt:

Dein Haus gleiche dem Haus des Perez, den Tamar dem Juda geboren hat, durch die Nachkommenschaft, die der HERR dir aus dieser jungen Frau geben möge.

Tamar ist die Schwiegertochter von Juda, der sie unwissentlich geschwängert hatte. Die Geschichte kennen wir aus Genesis 38:
Juda, der vierte Sohn Jakobs, sah am Wegesrand Tamar, die er für eine Dirne hielt und wollte zu ihr kommen. Sie verlangte von ihm als Pfand für den von ihm versprochenen Ziegenbock seinen Siegelring, seine Schnur und den Stab in seiner Hand. Tamar wurde schwanger, was dem Juda gemeldet wurde. Dieser verfügte, dass sie wegen der begangenen Unzucht verbrannt werden sollte.

Als man sie hinausführte, schickte sie zu ihrem Schwiegervater und ließ ihm sagen: Von dem Mann, dem das gehört, bin ich schwanger. Auch ließ sie sagen: Sieh genau hin: Wem gehören der Siegelring, die Schnüre und dieser Stab?

Genesis 38,25

Juda erkannte sein Pfand und dass Tamar im Recht war, da Juda ihr einen Kindsvater, nämlich seinen jüngsten Sohn Schela, verweigert hatte. Tamar gebar die Zwillinge Perez und Serach.

Die jüdische Holzschnitt-Bilderbibel des Moses dal Castellazzo (1466-1526) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ist einer der schönsten Beweise für die Existenz eines im 15. Jahrhundert vorhandenen rabbinisch-jüdischen Bibelbilderzyklus.
Moses dal Castellazzo, Sohn des Gelehrten Abraham Sachs, der im 15. Jahrhundert aus Deutschland nach Italien eingewandert war, wurde schon in jungen Jahren mit der religiösen jüdischen Traditionsliteratur vertraut gemacht. 1521 bat er den Dogen von Venedig um die Gewährung des Privilegs, eine von ihm geschaffene Holzschnittfolge zu den fünf Büchern Mose zehn Jahre lang allein im Raum von Venedig drucken und verkaufen zu dürfen. Das Original dieser Holzschnitt-Bilderbibel ist heute nicht mehr erhalten, das Druckverfahren, dessen sich Moses bediente, war völlig veraltet und eine billige Technik, um nicht wohlhabende Käuferschichten zu erreichen. Dabei wurden auch die Sprachen der Käufer berücksichtigt: Italienisch, Judendeutsch und vielleicht Spagnolisch.

Eine der beiden Bibelszenen im Werk des Moses dal Castellazzo, die ihre Vorlagen im 11. Jahrhundert haben, ist die Darstellung von der Verurteilung Tamars zum Tod auf dem Scheiterhaufen durch Juda:

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, Folio 34, Verurteilung Tamars zum Tod

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, Folio 34, Verurteilung Tamars zum Tod


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Mose empfing die Tora …

… am Sinai und übergab sie Josua, Josua (übergab sie) den Ältesten, die Ältesten (übergaben sie) den Propheten, und die Propheten (übergaben sie) den Männern der großen Versammlung. משה קבל…

… am Sinai und übergab sie Josua, Josua (übergab sie) den Ältesten, die Ältesten (übergaben sie) den Propheten, und die Propheten (übergaben sie) den Männern der großen Versammlung.
משה קבל תורה מסיני, ומסרה ליהושע, ויהושע לזקנים, וזקנים לנביאים, ונביאים מסרוה לאנשי כנסת הגדולה.

Mit diesem Satz beginnt der wohl bekannteste Traktat der Mischna: die „Sprüche der Väter“ (hebr.: פרקי אבות „Pirke Avot“) oder einfach „Avot“, „Väter“.

Machsor, Parma, Biblioteca Palatina, Ms. Parma 2895, S. 271

Machsor, Parma, Biblioteca Palatina, Ms. Parma 2895, Mitte 15. Jahrhundert, Illustration des Wortes ‚Mose‘



Das Fest Schawu’ot hat viele Namen, darunter auch חג מתן תורה „Fest der Toragebung“, der Tag, an dem Gott dem Volk Israel die Tora gegeben hat, der Tag, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.
Die Illustration des Wortes „Mose“, also des 1. Wortes der Sprüche der Väter am Titelblatt in dem Machsor aus Ulm/Udine aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, zeigt eine schöne Möglichkeit, das Motiv der Gesetzgebung ikonografisch zu verwerten.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!


Kleiner Exkurs zum Traktat „Sprüche der Väter“:

Der Traktat „Pirke Avot“ (wörtlich „Abschnitte, Kapitel/Sprüche der Väter“) enthält die Traditionskette von Mose bis zum Ende der tannaitischen Zeit, also die vier Generationen der rabbinischen Gelehrten von Hillel und seinem Gegenspieler Schammai bis Jehuda ha-Nasi („Rabbi“), gest. um 217, weiters vor allem die ethischen Grundsätze sowie moralische Betrachtungen vieler bedeutender Rabbinen.

Avot hat 5 Kapitel, erst in späterer Zeit kam das Kapitel 6 dazu, die Lobrede auf das Gesetz (קנין תורה „Kinjan Tora“, „Erwerb der Tora“), das aber nicht zur Mischna gehört. Kapitel 6 sollte den sechsten der Schabbatnachmittage zwischen Pesach und Schawu’ot, an denen traditionell Avot gelesen wird, ausfüllen.

Möglicherweise bildete der spät in die Mischna aufgenommene Traktat Avot einst den Abschluss der Mischna, da die heute als 4. Ordnung geführte Ordnung „Nezikin“ (Beschädigungen), in der Avot an 9. Stelle zu finden ist, damals am Ende des Werkes stand.

Mit den im eingangs zitierten ersten Satz von Avot genannten „Ältesten“ sind die Führer Israels, die Josua überlebten, gemeint, siehe Richter 2,7: „Und das Volk diente dem Herrn, solange Josua lebte und solange die Ältesten am Leben waren, die Josua überlebten…“.

Die ebenfalls genannten „Propheten“ umfassen auch Männer wie die Richter oder Samuel. In der hebräischen Bibel gehören die Bücher Josua, Richter, 1 und 2 Samuel, 1 und 2 Könige zu den Prophetenbüchern als die sogenannten früheren Propheten, während die Propheten nach dem christlichen Sprachgebrauch (also Jesaja, Jeremia, Ezechiel und die 12 „kleinen“ Propheten) die sogenannten späteren Propheten sind.

Die „Männer der großen Versammlung“ oder „Männer der Großen Synagoge“ sind eine historische Fiktion und verbinden die Führer Israels von Esra und Nehemia, also das Führungsgremium Israels in der Perserzeit bis in die Zeit Alexanders des Großen (323 v.d.Z.). Sie verbinden also die Zeit der Propheten mit der Bewegung der Pharisäer (deren erster Vertreter um 300 v.d. Z. Simon der Gerechte war, der laut rabbinischer Tradition, z.B. Leviticus Rabba 13,5, auf Alexander den Großen traf).

Die „Sprüche der Väter“ sind der einzige nichtgesetzliche Traktat der Mischna, er ist also rein haggadisch.
Das Wort „Haggada“ kommt von hebräischen להגיד „lehaggid“, „erzählen“, „sagen“, die Haggada umfasst die nichtgesetzliche Bibelauslegung genauso wie erbauliche Erzählungen, profanes Wissen, Anekdoten, Sagen, Märchen, Fabeln usw. Haggada ist in der rabbinischen Tradition alles, was nicht Halacha ist (Halacha kommt von הלך „halach“, „gehen“ und bezeichnet die Regeln für den Lebensweg, im weitesten Sinn das religiöse Gesetz).

Sowohl im palästinischen als auch im babylonischen Talmud fehlt der Traktat Avot. Es gibt also keine Gemara. „Gemara“, von גמר „gmar“, im babylonischen Aramäisch „vollenden“, auch „lernen“, meint die Vervollständigung der Mischna durch die Auslegung der rabbinischen Gelehrten. Mischna und Gemara zusammen ergeben den Talmud.


Die „Sprüche der Väter“ in Hebräisch und deutscher Übersetzung finden Sie auf talmud.de.

Zum Durchblättern und Hören: Sayings of the Jewish fathers: comprising Pirqe Aboth in Hebrew and English, with notes and excursuses, Cambridge 1897.

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MIT dem Anfang …

In der 3. Folge unseres Podcasts „Koscher-Schmus“ geht es am Vorabend von Schawu’ot um die Tora und um das erste Wort der Tora …


Koscher-Schmus1 ‒ Der Podcast des Österreichischen Jüdischen Museums befasst sich mit häufigen Fragen von Besucherinnen und Besuchern ‒ in dieser 3. Folge geht es am Vorabend von Schawu’ot um die Tora und um das erste Wort der Tora…


[1] Schmus (‎שמוס): aus jiddisch שמועס mit der Bedeutung: „Plauderei, Gespräch, Klatsch“ [Zurück zum Text (1)]


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Schawu’ot 5775

Der kommende Schabbat ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Es ist, wie schon an anderer Stelle angemerkt, in erster Linie das „Fest der Toragebung“, der Tag, an dem Gott…

Der kommende Schabbat ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Es ist, wie schon an anderer Stelle angemerkt, in erster Linie das „Fest der Toragebung“, der Tag, an dem Gott dem Volk Israel die Tora gegeben hat, der Tag, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!

Und zum Stichwort Tora ein originelles Fundstück aus dem Wien der Zwischenkriegszeit:

Scan Buchseite Grammatik Moses Rath

Genesis 1,1-5 in Hebräisch sowie sefardischer, deutsch-aschkenasischer und polnisch-aschkenasischer Aussprache (Auszug aus dem Hebräischlehrbuch von Moses Rath).

Und selbstverständlich reichen wir gerne noch die deutsche Übersetzung nach:

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.

Der Verfasser des hebräisch-deutschen Lehrbuchs „Sfat Amenu“ (Die Sprache unseres Volkes, Wien 1920) war Moses Rath, der während des 1. Weltkriegs aus Kolomea in der Westukraine nach Wien gekommen war. Er erteilte Hebräischunterricht und war der letzte Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde vor der Shoa.

Vielen Dank an Chaya-Bathya (Claudia) Markovits für Idee und Scan!


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Schawu’ot 5773

Am kommenden Dienstag ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Schawu’ot („Wochenfest“) – „das Fest mit den vielen Namen“, wie es Rabbiner Joel Berger nennt. Allen voran ist es neben…

Am kommenden Dienstag ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Schawu’ot („Wochenfest“) – „das Fest mit den vielen Namen“, wie es Rabbiner Joel Berger nennt. Allen voran ist es neben dem „Fest der Erstlingsfrüchte“ das „Fest der Toragebung“ (זמן מתן תורתנו „sman matan toratenu“): Gott hat dem Volk Israel durch Mose die Tora gegeben. Von vielen wird dieser Tag auch als der Tag gesehen, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.

Eine wohl nicht so bekannte, aber höchst eindrucksvolle Darstellung der Gesetzgebung auf dem Sinai finden wir in der berühmten Amsterdamer Haggada, sowohl in der Erstausgabe von 1695 als auch in der Ausgabe von 1712.

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, fol 10v


Unter dem Bild finden sich 2 Zitate: 1) משה ידבר והאלהים יעננו בקול „… Mose redete und Gott antwortete im Donner“ (2. Buch Mose 19,19) und 2) ויאמרו כל אשר דבר יהוה נעשה ונשמע „…Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen“ (2. Buch Mose 24,7).

(Scan aus „Schubert U., Jüdische Buchkunst, 2. Teil, Graz 1992, Abb. 66“)

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Schon 1625 hatte Matthäus Merian d.Ä. seine „Icones Biblicae“ als Kupferstiche mit Versen und Reimen in 3 Sprachen herausgebracht. 1630 erschien in Straßburg die Lutherbibel, in der Merian die Kupferplatten erstmals zur Illustration einer Foliobibel verwendet und die Zahl der Bilder erweitert hatte. Das Zeitalter des Kupferstichs in der Bibelillustration hatte damit begonnen und die Holzschnitte abgelöst.

Etwa zur selben Zeit, nämlich 1626, gründete Menasse ben Israel in Amsterdam eine hebräische Druckerei und gab eigene, neue Schrifttypen in Auftrag. Das „Be’otiot Amsterdam“ (באותיות אמסטרדם „Mit den Buchstaben von Amsterdam“), von vielen (nicht-niederländischen) Schreibern auf die Titelseiten gesetzt, ist legendär, wenngleich oft unrichtig und nur verwendet, weil die Qualität der Amsterdamer Buchstaben so hervorragend war.

Bald entsprachen Holzschnittillustrationen nicht mehr den Wünschen der jüdischen Gemeinde von Amsterdam, im 17. Jahrhundert hatte der Kupferstich in den hebräischen bzw. judendeutschen Drucken bislang nur auf der Titelseite Verwendung gefunden.
Auch ein erst in den 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts zum Judentum konvertierter christlicher Theologe (so die opinio communis) war von den neuen Kupferstichtechniken angetan und in Amsterdam als Kupferstecher tätig. Die bedeutendste Arbeit dieses Abraham bar Jakob sind die im Auftrag des Aluph Mose Wesel geschaffenen Kupferstichillustrationen für die 1695 in Amsterdam gedruckte sogenannte Amsterdamer Haggada.

Wohl dem Manne (M. Wesel), der die Weisheit gefunden und mich (Abraham bar Jakob) den Weg im heiligen Handwerk gewiesen hat … Früher, heißt es, wurden die Bilder in Holz geschnitten, was nicht so glanzvoll war, … Heute, da die Bilder in Kupfer gestochen sind, ist es wie der Vorzug des Lichtes gegenüber der Finsternis, ein Höchstmaß an Schönheit.

Als Vorlage für die Haggada-Illustrationen herangezogen – ob vom Auftraggeber angeregt oder vom Künstler, bleibt offen – wurden jedenfalls die bei christlichen Käufern sehr beliebten Kupferstiche des eingangs erwähnten Matthäus Merian d.Ä. Dass die Amsterdamer Haggada dadurch völlig um das rabbinische Legendengut gebracht wurde, liegt auf der Hand, die Kupferstiche von Matthäus Merian waren für die Illustrierung der Pesach-Haggada völlig ungeeignet. Weitere schwerwiegende Mängel und das Fehlen aller Ritusdarstellungen sowie traditioneller Textillustrationen in der Erstausgabe von 1695 führten jedenfalls zu heftigen Widerständen.
Die Neuauflage von 1712 sollte hier Abhilfe schaffen, beide Ausgaben der Amsterdamer Haggada wurden v.a. aufgrund der Neuordnung ihrer Bilder als auch der neuen Technik zur Vorlage für fast alle jüdischen Illustratoren des 18. Jahrhunderts.

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, fol 15v


Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, Detail


Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schavu’ot!

חג שבועות שמח!


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Heilige Pyrotechnik – Schawuot meets Pfingsten

Die Festkalender von Judentum und Christentum bescheren uns an diesem Wochenende eine exakte terminliche Übereinstimmung – Pfingsten, das Fest der Geist-Sendung, trifft Schawuot, das „Wochen“-Fest, das an die Gabe der…

Die Festkalender von Judentum und Christentum bescheren uns an diesem Wochenende eine exakte terminliche Übereinstimmung – Pfingsten, das Fest der Geist-Sendung, trifft Schawuot, das „Wochen“-Fest, das an die Gabe der Tora an das Volk Israel erinnert. Die beiden Festzeiten haben freilich mehr gemein als nur ihren Termin, nämlich 7 Wochen nach Ostern bzw. Pesach; beiden Festen liegt je eine biblische Theophanie-Erzählung zugrunde – und beide Geschichten geizen nicht mit bombastischen erzählerischen Effekten.

In der für Schawuot maßgeblichen Erzählung zunächst lagert das Volk Israel, nach erfolgreichem Auszug aus der ägyptischen Sklaverei, am Sinai – es folgt, vom biblischen Erzähler drastisch ausgemalt, der Auftritt des Herrn:

Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig und der Hörnerschall wurde immer lauter. Mose redete und Gott antwortete im Donner. Der Herr war auf den Sinai, auf den Gipfel des Berges, herabgestiegen

2 Mose 19,18ff.

– und übermittelt dem Volk die 10 Gebote.

Damit Schwenk in Richtung Christentum. Von der nicht weniger eindrucksvollen Pfingst-Theophanie berichtet die neutestamentliche Apostelgeschichte: Die Apostel sind (nach der Himmelfahrt Jesu) versammelt, da

… kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

Apg 2,2ff.

Offenkundig findet sich in beiden Erzählungen, was der israelische Schriftsteller Meir Shalev spöttisch die „üblichen pyrotechnischen Effekte“ nennt, die die Auftritte des Herrn (den biblischen Berichten zufolge) zu begleiten pflegen (Shalev hat konkret übrigens ein weiteres, dabei ähnlich pompöses Erscheinen des Herrn im Blick, nämlich in den Schlussreden des Buches Hiob – siehe Meir Shalev: Der Sündenfall – ein Glücksfall? Alte Geschichten aus der Bibel neu erzählt. Zürich 1999. S. 203). In beiden Fällen eine feurige und lautstarke Angelegenheit also …

Ausführlich hat Schalom Ben-Chorin – dessen dreibändige „Heimkehr“-Reihe („Jesus, Paulus und Maria in jüdischer Sicht“), wiewohl einige Jahrzehnte alt, noch immer zum Lesenswertesten zählt, was die jüdisch-christliche Begegnung publizistisch hervorgebracht hat – genau diese „pyrotechnische“ Übereinstimmung (und weitere Analogien) zwischen Pfingst-Ereignis und dem Sinai-Geschehen herausgearbeitet,

…wo der Herr im Feuer auf den Offenbarungsberg herabfährt (2. Mose 19,18) und die Stimme Gottes aus dem Feuer zum Bundesvolke spricht (5. Mose 5,23f.). (…) Schon vor der Offenbarung am Sinai … spricht Gott aus dem Feuer zu Mose im brennenden Dornbusch. (…) Jahwe redet aus dem Feuer. Sprache und Zunge sind im Hebräischen dasselbe, Laschon. Deshalb erscheint hier der Geist, der Geist Gottes, … in der Form von feurigen Zungen und inspiriert damit die Zungen der Begeisterten, die in allen Sprachen reden. Damit wird wieder ein Schabuothmotiv aufgegriffen, denn nach der Haggada wurde die Thora in allen siebzig Sprachen der Völker verkündigt, zumindest ihr Herzstück, der Dekalog.

Schalom Ben-Chorin: Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht. 5. Aufl. München 1987. S. 122 (zum Pfingstereignis im Ganzen: S. 114-123)

In diesem Sinne wünschen wir „feurige“ Feiertage – Chag Schawuot sameach bzw. ein schönes Pfingstfest!

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