Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: wiener neustadt

Bild der Woche – Synagoge Wiener Neustadt

Am 9. November fand auch in Wiener Neustadt eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome statt. Professor Dr. Werner Sulzgruber, der die Veranstaltung organisierte und dafür verantwortlich zeichnete, verlas am…

Am 9. November fand auch in Wiener Neustadt eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome statt.
Professor Dr. Werner Sulzgruber, der die Veranstaltung organisierte und dafür verantwortlich zeichnete, verlas am Schluss knapp 200 Namen von Juden, die aus Wiener Neustadt vertrieben und ermordet wurden. SchülerInnen zündeten für jedes der Opfer eine Kerze an.

Höhepunkt der Gedenkveranstaltung war aber sicher die einmalige und einzigartige Projektion der Synagoge von Wiener Neustadt auf jenes Haus, das heute am Platz der Synagoge steht.

Projektion der Synagoge Wiener Neustadt

Projektion der Synagoge von Wiener Neustadt anlässlich der Gedenkveranstaltung am 9. November 2013


Ansicht der Synagoge Wiener Neustadt, um 1905

Ansicht der Synagoge von Wiener Neustadt, um 1905. Bild aus: Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt, Wien 2010, S. 39


Am 16. März 1902 fand die Grundsteinlegung, schon am 18. September 1902 die Schlusssteinlegung für die Synagoge statt. Architekt war kein Geringerer als Wilhelm Stiassny, der offenbar ohne Honorar arbeitete.
In der sehr markanten Rosette mit einem Davidstern von mehreren Metern Durchmesser fand sich der Bibelspruch aus Jesaja 56,7:

Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.

Anmerkung: Auf dem Bild oben kann gut erkannt werden, dass mit dem Vers auch eine Jahreszahl angegeben wird. Ich konnte weder beim Fotografieren noch auf Bildern erkennen, auch in der Literatur nicht finden, welche Buchstaben gekennzeichnet sind, aber es liegt nahe, dass 5662 (= 1902) angegeben wurde. (Rosch HaSchana, also der 1. Tischre und somit der Beginn des jüdischen Jahres 5663, war erst am 2. Oktober 1902!)

Bereits am 10. Oktober 1938 erfolgte im Auftrag der Gestapo die “Übergabe bzw. Übernahme des Tempelgebäudes für die SS Formation”.

In der Pogromnacht selbst wurde der Davidstern abgemeißelt und das riesige Zierfenster herausgebrochen. Weiters wurden einzelne Fenster beschädigt, die Einrichtung zerstört und Tempelgeräte gestohlen. Nationalsozialisten hatten offenbar Fackeln in die Synagoge geworfen, die Brandstellen verursachten. Aber sie wurde nicht, wie so viele im Reichsgebiet, als Ganzes in Brand gesteckt. Grund für die Verschonung des Gebäudes war der Umstand, dass die Synagoge zu diesem Zeitpunkt bereits “übernommen” war.

Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt, Wien 2010, S. 38 und insbes. 47


Mehr Informationen zur virtuellen Rekonstruktion der Synagoge in Wiener Neustadt im “DAVID“.

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Wiener Neustadt

Personen- und Familienbiografien über Jüdinnen und Juden, die aus Westungarn nach Wiener Neustadt kamen Dr. Werner Sulzgruber schrieb: Ich suche für die Dokumentation von Personen- und Familienbiografien von Jüdinnen und…

Personen- und Familienbiografien über Jüdinnen und Juden, die aus Westungarn nach Wiener Neustadt kamen

Dr. Werner Sulzgruber schrieb:

Ich suche für die Dokumentation von Personen- und Familienbiografien von Jüdinnen und Juden,
die um 1900 und später (teils bis 1938) in Wiener Neustadt gelebt haben, Informationen zu den folgenden Familien, welche aus dem ehemaligen Westungarn nach Wiener Neustadt kamen.

Viele der Vorfahren von Wiener Neustädter Jüdinnen und Juden stammen aus Ungarn, vor allem aus Mattersdorf.

Leider sind so manche familiären Zusammenhänge von gleichnamigen Personen (z. B. Familie Breuer) unklar.

Ich bitte um Informationen zu den jeweiligen Familien, falls solche gemacht werden können.
Zuschriften bitte unter: werner_sulzgruber @ hotmail.com

English Version:

Biographies about persons and families, who came from West-Hungary to Wiener Neustadt

I am searching for informations – preparing biographies of persons and families – about Jewish people, who lived around 1900 and later (till 1938) in Wiener Neustadt. Members of the following families, who have their origin in West-Hungary, came once to Wiener Neustadt (Lower Austria).

Many of the forefathers of Jews in Wiener Neustadt are from Hungary, especially from Mattersdorf. Some relations in families (e.g. family Breuer) are not clear.

I am interested in data about these Jewish people/families and I hope that somebody can help in the current documentation.

Contact please: werner_sulzgruber @ hotmail.com

  • Andau: Tauber
  • Deutschkreutz: Bohenszky, Hacker, Kerö, Kohn
  • Eisenstadt: Adler (Pollak), Ungar, Wessely [Jewish?]
  • Frauenkirchen: Popper (Winkler), Schimmel
  • Kobersdorf: Bauer, Hacker, Reininger, Winkler
  • Lackenbach: Bauer, Beinhacker, Bum (Braun), Leitner (Braun), Wellisch
  • Mattersdorf: Adler (Moses), Breuer, Buxbaum, Rosenberger (Feldmann), Rosenfeld, Schischa, Schlesinger, Schulhof


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Web-Tipp der Woche – Jüdische Gemeinde Wiener Neustadt

Kein Jude soll über Nacht hier bleiben … Bild-© Wenn das Zitat auch aus den Jahren 1544/45 stammt, als der Stadtrat von Wiener Neustadt das von Ferdinand I. verhängte Aufenthaltsverbot…

Kein Jude soll über Nacht hier bleiben …

Wenn das Zitat auch aus den Jahren 1544/45 stammt, als der Stadtrat von Wiener Neustadt das von Ferdinand I. verhängte Aufenthaltsverbot für Juden erneuert hatte, darf es hier doch auch für die neueste Zeit stehen: Hatte Wr. Neustadt nicht nur im Mittelalter zu den ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Österreichs, sondern auch in den 1920er und 1930er Jahren zu den größten Kultusgemeinden gezählt, erfolgte nach 1945 keine Neugründung. Alle jüdischen Gebäude (mit Ausnahme des Friedhofs) bestehen nicht mehr, in Wiener Neustadt gibt es heute keine jüdische Gemeinde.

Treue LeserInnen unserer “Koscheren Melange” wissen, dass wir immer wieder hier über die jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt berichteten. Gerne begleiteten wir die schon 2007 von Dr. Werner Sulzgruber ins Leben gerufene “Initiative AKJF und Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt” und waren unmittelbar beteiligt sowohl an der Aufarbeitung der hebräischen Inschriften am jüdischen Friedhof in Wr. Neustadt als auch insbesondere natürlich an der Aufarbeitung der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine, die am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt zu sehen sind.

Nun ging eine sowohl sehr liebevoll und schön gestaltete als auch ausgesprochen informative Website über die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt online, die wir Ihnen hiermit – als unseren Web-Tipp der Woche – sehr ans Herz legen möchten:

juedische-gemeinde-wn.at

.

Einstiegsseite 'juedische-gemeinde-wn.at'

Zu finden sind auf der Website nicht nur viele Informationen über die Geschichte der jüdischen Gemeinde, sondern u.a. auch alle Daten zum jüdischen Friedhof (inklusive einer sehr bedienungsfreundlichen Datenbank zu den dort Begrabenen) sowie – besonders erwähnenswert – eine Fülle an kostenlos zur Verfügung gestelltem Lernmaterial für SchülerInnen.


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Bild der Woche – Der Bischof

Pesach-Haggada, Schreiber: Joseph ben David aus Leipnik (Mähren). Geschrieben und illustriert 1740 in Altona/Hamburg, 40 fols, 350 x 260. London, British Library, Sloane 3173, 7v. Vor einiger Zeit berichteten wir…

Pesach-Haggada, Schreiber: Joseph ben David aus Leipnik (Mähren). Geschrieben und illustriert 1740 in Altona/Hamburg, 40 fols, 350 x 260. London, British Library, Sloane 3173, 7v.


Vor einiger Zeit berichteten wir hier anlässlich der Eröffnung, dass im Stadtmuseum von Wiener Neustadt die Ausstellung “Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt” zu sehen ist.
In der Ausstellung zu sehen ist auch ein Bildnis des berühmten Bischofs Kollonitsch, das unwillkürlich einige Assoziationen in mir hervorrief:
Denn in einer Pesach-Haggada, die 1740 in Altona (Hamburg) von Joseph ben David aus Leipnik geschrieben und illustriert wurde, finden wir eine Darstellung, wie Abraham die Götzenstatuen seines Vaters Terach zerstört.

Das Bild ist eine Illustration zum Text “Anfangs waren unsere Vorväter Götzendiener …”. Im Vordergrund liegen zerbrochene Teile von zwei Götzenstatuen. Abraham ist gerade damit beschäftigt, eine dritte zu zerschlagen. Hinter einem Fluss, über den eine Brücke führt, sehen wir eine ummauerte Stadt und dahinter auf vier Bergen Götzenstatuen. Ganz links Poseidon mit seinem Dreizack, weiter rechts Zeus mit Waage und Donnerkeil (?) – und dazwischen eine Figur, die wie ein katholischer Bischof aussieht!

Ein katholischer Bischof in Hamburg, das protestantisch dominiert war und ist? Und was hat das Ganze mit Wiener Neustadt zu tun?
Nun, erwähnter Maler Joseph ben David kam aus Leipnik in Mähren und nach Mähren flohen viele Juden, nachdem sie 1670/71 von Leopold I. aus Wien vertrieben worden waren. Wir kennen viele Erklärungen für diese Vertreibung, ganz wesentlich aber waren sicher die aggressiven judenfeindlichen Reden von Bischof Leopold Karl von Kollonitsch, der 1670 Bischof von Wiener Neustadt geworden war.

Und so ist vielleicht wirklich mit der Darstellung des katholischen Bischofs als Götze, 70 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Wien, niemand anderer als Bischof Leopold Kollonitsch aus Wiener Neustadt gemeint (an ihn erinnert heute u.a. die den Bahnhof mit der Innenstadt verbindende Kollonitschgasse) …

Joseph ben David wurde übrigens der Begründer der jüdischen “Hamburger Malschule”. In Wien selbst lebten (nach 1670) wohlhabende “Hofjuden”, die meistens ein Stadtpalais bewohnten und oft für ihre Privatsynagogen illustrierte und illuminierte Handschriften bei den Schreibern/Miniaturisten in Mähren bestellten.


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Bild der Woche – ‘Judensau’

Am Dienstag wurde im Stadtmuseum in Wiener Neustadt die Ausstellung “Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt” eröffnet. Zu den wertvollsten und zweifellos beachtenswertesten Objekten der Ausstellung gehört das Kalksandsteinrelief…

Am Dienstag wurde im Stadtmuseum in Wiener Neustadt die Ausstellung “Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt” eröffnet.
Zu den wertvollsten und zweifellos beachtenswertesten Objekten der Ausstellung gehört das Kalksandsteinrelief der sogenannten Judensau aus dem 15. Jahrhundert (?), das sich auf dem Haus Hauptplatz 16 befand.

'Judensau', Stadtmuseum Wiener Neustadt

An den Zitzen einer großen Sau saugen vier Juden, ein fünfter befindet sich am Boden und ein sechster klammert sich an den Schwanz.

Im Mittelalter galt die Sau als Symbol für Ausschweifung und Schlemmerei, sie repräsentierte also Sünder, die in jeder Hinsicht ausschweifend lebten. Bereits der Fuldaer Abt und Mainzer Erzbischof Rabanus Maurus (780 – 856) stellt die Verbindung zwischen der Sau und den Juden her. Dadurch sollten die Juden als unrein und als Sünder abqualifiziert werden.

Die ältesten Belege von “Judensau”-Darstellungen in Deutschland stammen aus dem Beginn des 13. Jahrhunderts. Das Thema “Judensau” wurde auch mit dem Thema “Ecclesia und Synagoga” (“Kirche und Synagoge” – das Motiv entsteht im 9. Jahrhundert) verbunden. So reitet auf dem Chorgestühl des Erfurter Doms die Synagoge, dargestellt durch einen Mann mit Judenhut, auf einer Sau in das Turnier gegen die auf einem edlen Pferd reitende Kirche.

Die Sau spielte auch bei der Prozedur des Judeneides eine große Rolle. Nach dem Schwabenspiegel (13. Jahrhundert) musste der schwörende Jude barfuß auf einer blutigen Schweinshaut stehen. Diese Haut musste von einer Sau stammen, die in den vergangenen 14 Tagen Junge gehabt hatte, und sie musste entlang des Rückens aufgeschnitten sein. Die Zitzen, auf denen der Jude zu stehen hatte, mussten sichtbar sein.

Mehr Informationen zum Motiv der “Judensau” und Literatur: de.wikipedia.org/wiki/Judensau.

Tipp: Die Ausstellung im Stadtmuseum Wiener Neustadt können Sie bis 29. Mai 2011 besichtigen!



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Der Blauglockenbaum

Die Frage … Die mit Abstand von Besucherinnen/Besuchern am häufigsten gestellte Frage in unserem Museum ist – und das mag überraschen – keine zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Geschichte,…

Die Frage …

Die mit Abstand von Besucherinnen/Besuchern am häufigsten gestellte Frage in unserem Museum ist – und das mag überraschen – keine zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Geschichte, sondern, um welchen Baum es sich im Hof des Wertheimerhauses handelt!

Denn dieser viereckige Hof wird tatsächlich von einem wahrlich beeindruckenden Baum dominiert: einer Paulownia (Paulownia tomentosa oder Blauglockenbaum).

Und da sehr oft nach dem Baum gefragt wird (freilich gibt es auch genügend botanisch sattelfeste BesucherInnen, die nicht fragen, sondern den Anblick nur genießen), sind wir mittlerweile nicht um einigermaßen erschöpfende Antworten verlegen … Antworten, die wir Ihnen nun auch hier im Blog nicht vorenthalten wollen ;)

Auch der Zeitpunkt für diesen Blogbeitrag ist bewusst gewählt, denn der Blauglockenbaum blüht in seiner ganzen Pracht nur wenige Tage Ende April/Anfang Mai.

  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums
  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums
  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums


Der Blauglockenbaum ist in seinem lateinischen Namen nach der russischen Zarentochter Anna Pawlowna (1795 – 1865) benannt.

Damit wären auch schon die notwendigsten Informationen zum Baum gegeben, denen ein Facebookeintrag oder Bild-der-Woche-Beitrag gerecht werden würde – wenn mit der Namensnennung von Anna Pawlowna nicht doch auch einige Assoziationen verknüpft wären, die sich aufdrängen und im Blog eines jüdischen Museums durchaus ihren Platz finden dürfen:

Anna Pawlowna und die Geschichte der Juden im Russischen Reich

Denn Anna Pawlowna, Tochter des russischen Zaren Paul I., war die Schwester der Zaren Alexander I. und Nikolaus I. von Russland. Gleich nach der Thronbesteigung Alexanders I. wurde eine Sonderkommission eingesetzt, die sich mit der Frage der Stellung der Juden beschäftigte und 1804 zum ersten “Jüdischen Statut” führte. Ein Statut, das Maßnahmen zur “Verbesserung” der Juden vorsah mit dem erklärten Ziel, die Einwohner des Reiches vor den “nachteiligen” Aktivitäten der Juden zu schützen. Hatte Zar Alexander I. als probatestes Mittel, die Juden in die Gesellschaft zu integrieren, ihre Bekehrung zum Christentum gesehen, bildete die Regierungszeit seines Bruders und Nachfolgers Nikolaus I. eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des russischen Judentums. Der entschlossene und hartnäckige Widerstand der Juden jedoch ließ die seit 1840 bestehende “Kommission für die Juden” zur Einsicht gelangen, dass keine der drastisch verschärften “Verbesserungsmaßnahmen” (Erziehung durch staatlichen Zwang, Besteuerung der traditionellen Tracht usw.) ihr Ziel erreicht hatte.

Ein russischer Jüngling in Wiener Neustadt

Erst vor wenigen Wochen wurde ich zufällig in die erwähnte Zeit gleichsam zurückversetzt, und zwar durch einen (zumindest für mich) ausgesprochen bemerkenswerten Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Wiener Neustadt:

Grabstein von Jakob Berlin, 1908, jüdischer Friedhof Wiener Neustadt


Die Grabinschrift

Inschrift blaugb: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) g(eborgen) פ“נ
[2] der frisch Verheiratete, Edle und Untadelige. הא ברך היקר והתמים,
[3] Er verbrachte Nächte wie Tage שם לילות כימים,
[4] über den Worten der Weisen, על דברי חכמים,
[5] Jakob Berlin, יעקב ברלין,
[6] Nachkomme der Geonim aus Wolozyn. נכד הגאונים מוואלאזין,
[7] Im Alter von 21 Jahren ging er zur ewigen Ruhe ein. בן כ“א שנה הלך למנוחות.
[8] Seine Eltern in Dwinsk ließ er in Trauer zurück. את הוריו בדווינסק עזב לאנחות
[9] Am 4. Cheschwan 669 (= Donnerstag, 29. Oktober 1908). ד“ חשון שנת ת“ר“ס“ט.“


Anmerkungen

2. Zeile:
Siehe Kommentar von Yoav unten.

3. Zeile:
Vgl. (babylonischer Talmud) Moed Qatan 25b (נשים/משים לילות כימים).

6. Zeile:
Gaon, Plural: Geonim; Titel, der sich in den Lehrakademien im babylonischen Exil (586/7-539 v.d.Z.) entwickelte und zwischen 589 n.d.Z. und 1034 der Amtstitel des Leiters einer hohen rabbinischen Schule war. Insbesondere im Umfeld des Rabbi Elia von Wilna (Gaon von Wilna, 1720-1797) wird der Titel auch noch später für besondere Gelehrte verwendet.

Valozhin (Volozhin), Wolozyn (polnisch), Stadt in Weißrussland, 75 km nordwestlich von Minsk. Berühmtheit erlangte vor allem die Jeschiva, also die traditionelle jüdische Schule von Volozhin, die 1803 von Rabbi Chaim ben Isaac Volozhin (1749 – 1821), einem Schüler des Gaon von Vilna, gegründet wurde. 1854 übernahm Naftali Zvi Jehuda Berlin die Leitung der Jeschiva und schloss selbige im Jahr 1892. Mütterlicherseits ist Naftali Berlin ein direkter Nachfahre des ersten Rabbiners von Eisenstadt, Rabbi Meir Eisenstadt (A”SCH; gestorben 1744).

Der in Wiener Neustadt begrabene Jakob Berlin ist zwar offensichtlich ein sehr naher Verwandter von Naftali Zvi Jehuda Berlin, trotzdem konnte eine direkte Verwandtschaft leider nicht nachgewiesen werden. Wahrscheinlich ist Jakob der Sohn oder Enkelsohn eines Bruders von Naftali Zvi Jehuda Berlin.

8. Zeile:
Dvinsk, im jüdischen Kontext manchmal auch “Dawinsk”, heutiges Daugavpils, die zweitgrößte Stadt Lettlands, etwa 230 km südöstlich der lettischen Hauptstadt Riga. Dvinsk war der Name der Stadt in der Zeit von 1893 – 1920, als sie Teil des Russischen Reiches war. Auf Deutsch ist die Stadt unter dem historischen Namen “Dünaburg/Dinaburg” bekannt. In der Stadt leben heute knapp 500 Juden.

In Dvinsk konnte kein Familienangehöriger der Berlins gefunden werden. Zudem ist noch fraglich, ob das hebräische Wort הורים (oben übersetzt mit “Eltern”) wie meist im engsten Sinn des Wortes, nämlich als leibliche Eltern, oder im weiteren Sinn verstanden wird und etwa seine Toralehrer o.Ä. meint.

P.S.: Sehe grad, dass es mir offensichtlich nicht möglich ist, einen Beitrag zu schreiben ohne zumindest 1 Grabstein zu erwähnen ;)


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir schon jetzt das Buch “Das jüdische Wiener Neustadt” von Werner Sulzgruber, das im September 2010 erscheinen wird! Ich freue mich sehr, dass ich dazu die Transkriptionen/Übersetzungen der hebräischen Grabinschriften beisteuern durfte. Wir werden natürlich berichten …


11 Kommentare zu Der Blauglockenbaum

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