Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: wolf

Bornstein Mose Israel Aron – 10. November 1885

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt Mose Israel Aron Bornstein, 03. Kislew 646 (= Dienstag, 10. November 1885) Standortnummer: 216 Foto 1993 Foto 2016 Die Grabinschrift Inschrift Mose Bornstein: Zeilengerechte Transkription…

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Mose Israel Aron Bornstein, 03. Kislew 646 (= Dienstag, 10. November 1885)

Standortnummer: 216

  • Grabstein Bornstein Mose - 10. November 1885

    Foto 1993

  • Grabstein Bornstein Mose - 10. November 1885

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Mose Bornstein: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ“נ‎‏‏
[2] ein edler Mann, der Erhabene, unter den Häuptern auserwählt, איש יקר המעלה, מראשי סגולה ‎‏‏
[3] das Haus Israel, der berühmte Rabbiner, der Scharfsinnige und Weise, בית ישראל, הרב המפורסם, החריף ובקי,‎
[4] die Leuch(te) d(er) D(iaspora), siebenfach geläutert in der Logik der Tora, המאו“הג מזוקק שבעתים בהגיון התורה,
[5] in G(ottes)erkenntnis, in reiner und überaus großer Gottesfurcht, groß- דעת ה, יראה שהורה ועצומה, מדות ‎‏‏
[6] herzig und fähig in den Handlungen, תרומת וכשרון המעשה, ‎‏‏
[7] die Krone seiner Familie und die Zierde Israels, עטרת משפחתו ותפארת ישראל,‎‏‏
[8] MORENU und Rabbiner מורנו הרב ‎‏‏
[9] Mose Israel Aron משה ישראל אהרן
[10] Barnstein, d(as Andenken) d(es Gerechten) m(öge bewahrt werden). בארנשטיין זצ“ל
[11] Seine Geburtsstadt war Groß-Krakau. Er vollbrachte Großes עיר מולדתו קראקוי רבתי, ויעש חיל ‎‏‏
[12] an Wohltätigkeit und Freigebigkeit in verschiedenen Ländern. בצדקות ונדיבות במדינות שונות‎‏‏
[13] Am Ende seiner Lebensjahre erschien der Geist seiner Gerechtigkeit ובסוף שנות חייו הופיע רוח צדקתו‎‏‏
[14] und erhabenen Demut im Zelt der Tora וענתנותו הנשגבה באהלו של תורה‎‏‏
[15] Tag und Nacht hier (in) unserer Gemeinde. Er starb alt und satt an Tagen יומם ולילה פה קהלתנו וימת זקן ושבע
[16] i(n der) R(esidenz)s(tadt) Wien am Mittwoch, dem 3. Kislew, und wurde zu Grabe בע“מ וויען ביום ד ג כסליו והובל
[17] gebracht unter großem Wehklagen, ach Herr! Ach, Seine Majestät! לקברות בהספד רב, הוי אדון! הוי הודו!
[18] am Freitag, V(orabend) d(es heiligen) Sch(abbat), dem 5. Kislew 646 n. (d.) k(l). Z. ביום ו עש“ק ה כסליו תרום לפ“ק
[19] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’ ‎‏‏



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Bornstein Sara Ester – 23. April 1885

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt Sara Ester Bornstein, 08. Ijjar 645 (= Donnerstag, 23. April 1885) Standortnummer: 629 Foto 1993 Foto 2016 Die Grabinschrift Inschrift Sara Bornstein: Zeilengerechte Transkription und…

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Sara Ester Bornstein, 08. Ijjar 645 (= Donnerstag, 23. April 1885)

Standortnummer: 629

  • Grabstein Bornstein Sara - 23. April 1885

    Foto 1993

  • Grabstein Bornstein Sara - 23. April 1885

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Sara Bornstein: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ“נ‎‏‏
[2] eine edle Frau, auserwählt unter Tausenden. אשה יקרה, מרבבה נבחרה, ‎‏‏
[3] In der Weisheit war sie stark und großartig in der Mildtätigkeit. בחכמה גברה, ובצדקות נאדרה, ‎
[4] Die Würdevollste unter den Töchtern und die Zierde der Frauen, הוד הבנות ותפארת הנשים
[5] Frau Sara Ester, a(uf ihr sei) F(riede), מרת שרה אסתר ע“ה ‎‏‏
[6] Tochter des Großen in der Tora und in der Gottesfurcht, בת הגדול בתורה וביראה ‎‏‏
[7] des Berühmten an Stolz und Pracht, המפורסם לגאון ולתפארת‎‏‏
[8] d(es ehrenhaften) MORENU Salman Posner, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden), aus Warschau, כמו’ה זלמן פוזנר ז’ל מווארשוי ‎‏‏
[9] und Ehefrau des friedfertigen Mäzens, des großen Rabbiners, ואשת הנדיב השלם, הרב הגדול
[10] des Gerechten, der erhaben war in seiner Großherzigkeit, הצדיק נשגב במדות תרומת
[11] d(es ehrenhaften) MORENU Mose Israel Aaron כמו’ה משה ישראל אהרן ‎‏‏
[12] Bornstein. בארנשטיין‎‏‏
[13] Sie starb im Alter von 76 Jahren am Donnerstag, dem 8. Ijjar מתה בת עו שנים ביום ה ח אייר
[14] und wurde zu Grabe gebracht unter bitterem Wehklagen והובלה לקברות בהספד מר
[15] und großer Trauer am 11. Ijjar 645. ואבל רב ביום יא אייר תרמה
[16] I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’ ‎‏‏

Sockel

Inschrift Sara Bornstein Sockel: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] R. Stresnak, Wien ר’ שטרעשנאק וויען



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Ungar Jenny – 20. Oktober 1895

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt Jenny (Tscharna) Ungar, 02. Marcheschwan 656 (= Sonntag, 20. Oktober 1895) Standortnummer: 810 Foto 1993 Foto 2016 Die Grabinschrift Inschrift Jenny Ungar Sockel: Zeilengerechte Transkription…

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Jenny (Tscharna) Ungar, 02. Marcheschwan 656 (= Sonntag, 20. Oktober 1895)

Standortnummer: 810

  • Grabstein Ungar Jenny - 20. Oktober 1895

    Foto 1993

  • Grabstein Ungar Jenny - 20. Oktober 1895

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Jenny Ungar: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ“נ
[2] eine g(ottes)fürchtige, bescheidene und fromme Frau von strahlender אשה יראת ה צנועה וחסודה טובת
[3] Anmut und Güte, eine Edelgeborene, ausgezeichnet unter Tausenden, abstammend von חן וחסד, בת נדיב דגולה מרבבה מגזע
[4] von Untadeligen und Frommen, vermehrte sie ihren Ruhm durch ihre guten תמימים וישרים הגדילה שמה במעשיה
[5] Taten. הטובים
[6] Fr(au) Tscharna, a(uf ihr sei) F(riede), מר’ טשארמא ע“ה
[7] Ehefrau des CHAVER אשת החבר
[8] H(errn) Simcha Ungar, s(ein Licht möge) l(euchten). ר’ שמחה אונגאר נ“י
[9] Sie entschlief in ihre Welt noch jung an Tagen in ihrem 22. נפטרה לעולמה צעירת ימים בשנת כ“ב
[10] Lebensjahr zum Leid des Bräutigams ihrer Jugend und der ganzen לשנות חייה לדאבון בעל נעוריה וכל
[11] Familie ihres Elternhauses am 2. des Monats Marcheschwan משפחת בית אביה ביום ב’ לחדש מרחשון
[12] 656 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). תרנו לפ“ק
[13] Sie war klug und verständig, mit einer lauteren und rechtschaffenen Seele. טובת שכל ודעת נפש תמה וישרה,
[14] Sie achtete auf die Anordnungen G(ottes) und in ihrem Haus erstrahlte ihr Licht. שומרת פקודי ה’ בביתה תופיע נהרה,
[15] Ihr Inneres war als das einer anmutigen und demütigen Frau voll von Herrlichkeit. אשת חן וענוה, כבודה בת מלך פנימה,
[16] Zart und fein war sie, schön wie Kezia, die Zimtblüte, und Jemima, das Täubchen. רכה וענוגה, נעימה כקציעה וימימה,
[17] Ihre Würde und Mildtätigkeit sahen alle, die sie kannten. נדיבת רוחה וצדקתה חזו כל יודעיה
[18] Gott wird ihr gnädig sein und den um sie Trauernden Tröstungen zuteil werden lassen! אלהים יחונן עפרה, וישלם נחומים לאבליה!
[19] I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה

Sockel

Inschrift Jenny Ungar Sockel: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Pongratz



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Spitzer Fany – 23. Jänner 1879

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt Fany (Fradel) Spitzer, 28. Tevet 639 (= Donnerstag, 23. Jänner 1879) Standortnummer: 635 Foto 1993 Foto 2016 Die Grabinschrift Inschrift Fradel Spitzer: Zeilengerechte Transkription und…

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Fany (Fradel) Spitzer, 28. Tevet 639 (= Donnerstag, 23. Jänner 1879)

Standortnummer: 635

  • Grabstein Spitzer Fany - 23. Jänner 1879

    Foto 1993

  • Grabstein Spitzer Fany - 23. Jänner 1879

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Fradel Spitzer: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) g(eborgen) פט
[2] die ehrenwerte Frau, die Erhabene, האשה היקרה הקצינה
[3] die Gepriesene und Bedeutende, klug המהללה והחשובה טובת שכל
[4] und edlen Geistes, ausgewählt unter Tausenden, ein Eck- ויקרת רוח דגולה מרבבה אבן
[5] stein ihres Hauses und das Kapitell einer Säule für ihre Kinder. Weisen פנת ביתה וגלת כתרת בניה חכמת
[6] Herzens übertraf sie die tüchtigen Frauen mit ihren Eigenschaften לב עלתה בבנות חיל במדותיה
[7] Frau Fradel, a(uf ihr sei) F(riede), מרת פראדל ע’ה
[8] geborene Kauders, מולדת בית קוידערס
[9] Witwe des angesehenen Herrn, eines Erhöhten unter den Edlen אלמנת הנגיד נעלה בין יקירי
[10] und Führern der Gemeinde, d(es) l(öblichen), e(hrenhaften) H(errn) Abraham ומנהיגי העדה ה“ה כ“ה אברהם
[11] Spitzer שפיטצער
[12] Halevi, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden). Sie starb mit 61 Jahren am Donnerstag, הלוי ז“ל. מתה בת ס’א שנים ביום ה
[13] dem 28. Tevet, und wurde begraben tags darauf mit großer כ’ח טבת ונקברה למחרתו בכבוד
[14] Ehre, am Freitag, V(orabend des) h(eiligen) Sch(abbat), dem 29. desselben (Monats), im Jahr גדול ביום ו עש’ק כ’ט בו בשנת
[15] 639 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). תרלט לפ“ק
[16] I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה



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Nathan und die Wölfe von Eisenstadt

Ein erster Schritt zu einer längst fälligen Biografie der Familie Wolf Auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts, dem älteren und dem jüngeren, liegen mehr als 40 Familienangehörige der Familie Wolf…

Ein erster Schritt zu einer längst fälligen Biografie der Familie Wolf

Auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts, dem älteren und dem jüngeren, liegen mehr als 40 Familienangehörige der Familie Wolf begraben, wenn nur die engsten Angehörigen gezählt werden. Nehmen wir Schwiegerkinder und -eltern, Tanten, Onkel, Schwäger und Schwägerinnen usw. dazu, kommen wir auf weit mehr als 100 Gräber. Dass die Wurzeln der Familie bis in die Wiener Gemeinde zurückverfolgbar sind, wurde hier im Blog schon abgehandelt.

Das Österreichische Jüdische Museum befindet sich im sogenannten Wertheimerhaus, das 1875 von der Familie Wolf gekauft und zum Firmensitz der 1790 gegründeten „Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ wurde, wie schon Bernhard Wachstein 1922 anmerkte:

Die Bürolokalitäten des Hauptsitzes der Firma in Eisenstadt befinden sich jetzt in dem von Simson Wertheimer erbauten Hause, das seit 1875 im Besitze der Firma ist. …

Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922, Anm. 1, Seite 286f

'Weinhandlung Leopold Wolf's Söhne', heute jüdisches Museum Eisenstadt

„Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne“, heute jüdisches Museum Eisenstadt


Es ist schon erstaunlich, dass es bis zum heutigen Tag keine gründliche Biografie über die mittlerweile weltweit verzweigte Familie Wolf oder zumindest über die Generationen der Familie, die Eisenstadt und weite Regionen des heutigen Burgenlandes bis 1938 maßgeblich prägten, gibt. Richard Berczeller hat die Familie Wolf immerhin als „burgenländische Rothschilds“ bezeichnet. Der Korrektheit halber muss angemerkt werden, dass Ernst Wolf, Sohn von Adolf Wolf (dort mehr Informationen über Ernst Wolf), 1924 im Eigenverlag das hier oft zitierte Buch „Die Familie Wolf“ herausgegeben hat, in dem er im Vorwort erst aus den Memoiren der Glückel von Hameln (1645-1724) zitiert:

Meine lieben Kinder, ich schreibe Euch dieses, damit, wenn heute oder morgen Eure lieben Kinder oder Enkel kommen und sie ihre Familie nicht kennen, ich dieses in Kürze aufgestellt habe, damit Ihr wisst, von was für Leuten Ihr her seid.

und schreibt weiter:

… will ich als ältester Enkel in der männlichen Linie ein Familienregister der Nachkommen unseres Großvaters Leopold Wolf und seiner Gattin Rosa, geb. Spitzer aufstellen und in Druck legen lassen.
Es ist in der heutigen Zeit, in der man uns als Fremde und Zugewanderte anfeindet, von sehr großer Bedeutung, dass wir unsere Bodenständigkeit in Mitteleuropa durch drei Jahrhunderte nachweisen können. Wir haben eine Reihe von bedeutenden Ahnen und auch diejenigen unter uns, die aus Mischehen stammen, können auf diese Vorfahren mit Stolz zurückblicken.

Die Worte haben wohl heute dieselbe Gültigkeit, nur dass es bald vier Jahrhunderte sind … die Arbeit von Ernst Wolf wurde jedenfalls nie wirklich ernsthaft fortgeführt. Ernst Wolfs z.T. akribisch erstellte Stammbäume und Kurzbiografien dürfen auch heute als Standardwerk oder zumindest als Basis für alle weiterführenden biografischen Arbeiten über die Familie Wolf gelten.
Dass Ernst Wolf bei den biografischen Angaben doch manch Fehler unterlaufen ist, dürfte daran liegen, dass er nicht selbst recherchiert hat, sondern im März 1923 an seine Verwandten die Bitte richtet, ihm Daten (Nachkommentafeln, Reproduktionen von Familienbildern etc.) zukommen zu lassen. Dass er die Daten nicht überprüfte, sollte ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Zweck seines Buches und vor allem sein Zielpublikum waren andere – Ich übergebe dieses Werk meinen lieben Verwandten…. -, als bei wissenschaftlichen Publikationen.

Die „Söhne“

Wer sind aber nun genau die „Söhne“ in „Leopold Wolf’s Söhne“? Leopold Wolf, gest. 11. Jänner 1866, hatte 2 Söhne: Adolf, der 2 Söhne hatte (Ernst und Leopold), und Ignaz, der sieben Töchter und ebenfalls zwei Söhne hatte: Leopold und das wohl bekannteste und berühmteste Familienmitglied: Sohn Alexander, der sich selbst (ung.) Sandor nannte.

Noch erstaunlicher als das Fehlen einer Biografie allerdings und auch ein wenig ärgerlich ist aber, dass die spärlichen Informationen, die wir über die Familie finden, nicht nur lücken-, sondern oft auch fehlerhaft sind und viele Fragen offen bleiben.
Das beginnt damit, dass wir 3 verschiedene Geburtsdaten für Ignaz Wolf finden, beim Geburtsdatum seiner Ehefrau Hermine Neubrunn sich zwischen dem Datum am Grabstein und jenem im Geburtsmatrikeneintrag von Trenčín in der Westslowakei eine Differenz von mehr als 2 Monaten auftut, dass Adolf Wolf laut Geburtsmatriken eigentlich Arnold Adolf heißt und dass wir für zumindest 2 Töchter von Ignaz Wolf verschiedene Vornamen finden (Adele/Adelheid und Kathi/Gisela) oder dass Tochter Helenes Geburtsdatum gar um ein ganzes Jahr abweicht… Selbstredend schwerwiegender: dass es nahezu keine detaillierteren Informationen über die enorme wirtschaftliche Bedeutung des Wolf’schen Imperiums gibt.

Nathan Alexander/Sándor Wolf

Insbesondere sind auch die verfügbaren Informationen über die herausragendste Persönlichkeit der Familie, Alexander/Sándor Wolf, das 6. Kind von Ignaz und Hermine Wolf, ausgesprochen mager und z.T. schlicht falsch:

So finden wir sowohl in der gedruckten Literatur als auch online hundertfach das Geburtsdatum 21. Dezember 1871 für Alexander/Sándor Wolf, auch auf Dokumenten, für die er offensichtlich selbst seine Daten zur Verfügung stellte, wie etwa den Nationale-Dokumenten der Universität Wien, wo sich im Gedenkbuch auch eine ausführlichere Biografie findet.

In den Geburtsmatriken allerdings – hat sich niemand die Mühe gemacht, Originalquellen anzusehen? – finden wir nur einen Eintrag vom 30. Dezember 1871 mit Geburt Nathan Wolf (s.u.)!, Vater: Ignaz Wolf, Mutter: Hermine Neubrunn! Entweder das tradierte Geburtsdatum 21. Dezember ist falsch, oder aber – wohl wahrscheinlicher – in den Matriken wurde das Beschneidungsdatum anstatt des Geburtsdatums eingetragen?

Der jüdische Name „Nathan“ von Alexander/Sándor Wolf ist – verwunderlich genug – bis dato offenbar völlig unbekannt, außer auf einigen privaten genealogischen Einträgen (und dort „Nathanel„) ist er nirgends zu finden.


Matriken Geburt Nathan

Matriken Geburt (?) Nathan


Alexander/Sándor (Nathan) Wolf war – in fast unzulässiger Kürze aufgezählt – Weinhändler, Kunstsammler und Forscher, ehrenamtlicher Landeskonservator für das Burgenland, 1926 Mitgründer des Burgenländischen Landesmuseums, Initiator für das jüdische Zentralarchiv für das Burgenland, Publizist, Mitglied unzähliger Gesellschaften und Vereine für Kunst und Kultur, Geschichte, Volkskunde, moderne Kunst etc., Zionist.
Sándor Wolf, neben seinem enormen wirtschaftlichen Einfluss vor allem ein kunstsinniger und feinsinniger Humanist, ein bedeutender Sammler und Mäzen, dessen Haus ein beliebter Treffpunkt für das Who-is-who der damaligen Kunst- und Kulturszene war. Zu seinen Gästen gehörten z.B. die Schriftsteller Anton Wildgans, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel oder Felix Salten und die Musiker Wilhelm Kienzl, Edmund Eysler und Anton von Webern.

Exkurs: Lucie Rie

Wenig verwunderlich, dass Sándor Wolf auch ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Nichte Lucie Marie hatte, die am 16. März 1902 als Tochter von Sándors Schwester Kathi (Gisela) Wolf und Prof. Dr. Benjamin Gomperz geboren wurde und später als Keramikerin unter dem Namen Lucie Rie weltbekannt wird (geh. am 07. September 1926 im Stadttempel Wien Hans Rie). Sie starb am 01. April 1995 in London. Lucie war in ihrer Jugendzeit vor allem von den römischen Keramikobjekten in der Sammlung ihres Onkels beeindruckt und später in ihrem Werk beeinflußt. Der sehr enge Kontakt zwischen Nichte und Onkel zeigt sich auch darin, dass Sándor Wolf mit Lucie 1922 eine Reise in die wichtigen italienischen Städte, 1924 eine Reise nach Frankreich unternahm und einige Tage in Monaco verbrachte. Auch noch aus seiner Zeit in Palästina sind uns viele Briefe von Sándor Wolf an Lucie Rie erhalten.

Lucie Rie beauftragte 1928 den erst 25-jährigen Architekten Ernst Plischke mit der Einrichtung ihrer Wohnung in der Wollzeile in Wien, was für Plischke den Karrierestart bedeutete. Seit 1999 ist die Wohnung als Gesamtrekonstruktion im Hofmobiliendepot zu sehen. „Sie ist ein Highlight der österreichischen Wohnkultur zwischen den Kriegen und erinnert an die Freundschaft zweier österreichischer Künstler, die in der Emigration eine Weltkarriere gemacht haben“ (siehe „Die Wohnung Lucie Rie von Ernst Plischke“, von Eva B. Ottilinger, Seite 53 (*.pdf). In Tony Birks: Vienna and Eisenstadt. In: ders.: Lucie Rie. Reprint. Yeovil 1995. S. 9-15, gibt Lucie Rie einen Einblick in ihre Zeit in Eisenstadt bei der Wolf-Familie (s. dazu bes. auch The Lucie Rie Archive at the Crafts Study Centre, Sektion 3 und 5, mit Fotos aus der Zeit).

Frieda Löwy-Wolf und das Erbe ihres Bruders Sándor

Sándor Wolf musste nach der Beschlagnahmung seines Besitzes im Frühjahr 1939 über Triest nach Palästina fliehen und starb am 02. Jänner 1946 in Haifa. Wenige Monate davor hatte er in einem Brief seinen Verwandten mitgeteilt, dass er einen neuen Anfang in Eisenstadt für unmöglich und sinnlos hält:

… mit einem Gefühl großer Unlust, weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat ….

Den ganzen Brief von Frieda Löwy-Wolf finden Sie in unserem Blogartikel „und sie alle werden nicht mehr zurückkehren…“.

Nur am Rande angemerkt sei: Dies ist wohl der deutlichste Beleg dafür, dass Sándor Wolf in Haifa keinesfalls „inmitten seiner Reisevorbereitungen für eine Rückkehr nach Eisenstadt“ starb, wie wir in der Wikipedia leider lesen (die Fußnote führt übrigens zur Anmerkung „Beleg fehlt“)… aber in diesem sehr dünnen und aus wissenschaftlicher Sicht fast fahrlässigen Artikel wird auch das Gebäude, in dem heute unser jüdisches Museum untergebracht ist und das jahrzehntelang der Verwaltungssitz der „Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ war, mit keinem Wort erwähnt.

Bereits Anfang der 1920er Jahre hatte Sándor Wolf am Standort des heutigen Landesmuseums, gleich neben unserem Haus, sein Wolf-Museum errichtet, mehr dazu in unserem Blogartikel „Ein entzückendes kleines Barockpalais„.

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf erbte nach dem Tod von Bruder Sándor (s.u.) dessen Kunstsammlung mit immerhin 26.000 Kunstobjekten, darunter ein beträchtlicher Teil Judaica. Die Republik Österreich war nicht bereit, die Kaufsumme von 1.100.000 öS aufzubringen, ein kleiner Teil wurde vom Amt der Burgenländischen Landesregierung angekauft, der größte Teil wurde 1958 von der Galerie Fischer in Luzern versteigert (zum Umgang mit der lokalen Presse mit dem jüdischen Erbe im Jahr 1958 siehe unseren Blogartikel „Zu einem möglichst günstigen Preis…“).

Frieda Löwy-Wolf war es auch, die am 13. März 1946, etwas mehr als 2 Monate nach dem Tod ihres Bruders Sándor, in Haifa an Freunde in Europa schrieb:

Mein geliebter Bruder Sándor Wolf hat uns am 2. Jänner für immer verlassen. Er war eine Woche krank, und leider konnte die Kunst der Ärzte ihn nicht am Leben erhalten. Sie haben ihn gekannt und werden meine, der ganzen Familie und aller Freunde Trauer um diesen wahrhaft guten Menschen verstehen. Wie hätte er sich mit Ihren Briefen gefreut. … Auch die Nachricht, dass seine Sammlung in Eisenstadt unversehrt erhalten, kam um wenige Tage zu spät.
Er hatte ein schönes reiches Leben, und er hat es auf seine Weise voll und ganz genossen. Nicht einmal die Nazis konnten ihm seinen schönen Glauben an Gott und die Menschen rauben.


Der Artikel eröffnet eine Beitragsserie zur Familie Wolf, die Sie mit dem Schlagwort „wolf“ abrufen können (selbstverständlich wurden auch ältere Beiträge zum Thema „Familie Wolf“ mit aufgenommen).

PS: Wer noch mehr erfahren möchte, findet ausführliche Informationen (mit Bildern von den Matrikeneinträgen und weiteren Fotos) bei den online gestellten Grabsteinen.

1 Kommentar zu Nathan und die Wölfe von Eisenstadt

Wolf Ignaz – 18. Jänner 1906

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt Ignaz (Esriel) Wolf, 22. Tevet 666 (= Donnerstag, 18. Jänner 1906) Standortnummer: 643 Foto 1993 Foto 2016 Die Grabinschrift Inschrift Ignaz Wolf: Zeilengerechte Transkription und…

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Ignaz (Esriel) Wolf, 22. Tevet 666 (= Donnerstag, 18. Jänner 1906)

Standortnummer: 643

  • Grabstein Wolf Ignaz - 18. Jänner 1906

    Foto 1993

  • Grabstein Wolf Ignaz - 18. Jänner 1906

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Ignaz Wolf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] {Levitenkrug} {כד של לויים}
[2] Hier ist geborgen פה נטמן
[3] ein erhabener und verehrter Mann mit edelstem Geist und nobelstem Herzen, איש נעלה ונערץ ביקרת רוחו ונדיבת לבבו
[4] ein viel geehrter Nachkomme von gerühmten und angesehenen Frommen. חוטר נאמן מגזע ישרים מפוארים ונכבדים,
[5] Gutes tat er seinem Volk, ein Bannerzeichen war er in seiner Familie. טוב עשה בעמיו, ויהי לנס התנוסס במשפחתו
[6] Ausgezeichnet durch seine Werke war er in seiner Gemeinde, ונהדר במפעלותיו בעדתו,
[7] berufen, in den Fußspuren von Gerechtigkeit und Liebe zu gehen. צדק וחסד יקראהו לרגליו
[8] Der berühmte Fürst הנגיד המפורסם
[9] d(er) e(hrenhafte) H(err) Esriel Wolf Halevi, a(uf ihm sei) F(riede), כ“ה עזריאל וואלף הלוי ע“ה
[10] Sohn des erhabenen Vorstehers, d(es ehrenhaften) H(errn) Löb, a(uf ihm sei) F(riede). בן האלוף המרומם כ“ה ליב ע“ה
[11] Der Name seiner Mutter war Rebekka. ושם אמו רבקה
[12] Geboren am 13. Elul 601, נולד ביום י“ג אלול תרא
[13] starb er am 22. Tevet 666 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung) ומת ביום כב טבת תרסו לפ“ק
[14] und wurde mit bitterem Wehklagen und einer würdigen Trauerfeier am 24. desselben (Monats) begraben. ונקבר בהספד מר ואבל כבד ביום כד בו.
[15] „Fort ist die Ehre und fort ist die Treue“, werden klagen über ihn die in seinem Haus Geborenen אי כבוד ואי יקר יקוננו עליו ילידי ביתו
[16] und seine Familienangehörigen. Es erlosch der Glanz ihres Lichtes, und niemand ונלוי משפחתו, נחשך נוגה אורם ואפס
[17] tat ihnen mehr Gutes, führte und leitete sie. Nach seinem Namen und seinem Gedächtnis מטיבם, מנהיגם ומנהלם, לשמו ולזכרו
[18] verlangt ihre Seele. Gemeinsam weinten über ihn alle seine Bekannten תאות נפשם. ויחד עליו יבכיון כל יודעין
[19] und Verwandten und jene, die ihn ehrten und schätzten und sie ließen ihm zuteil werden, ומכיריו, מכבדיו ומוקיריו וישימו גם
[20] zusammen, Ehre und Ruhm. יחד כבוד תהלתו

Sockel

Inschrift Ignaz Wolf Sockel: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Hier ruht
[2] Unser geliebter Gatte und Vater
[3] Unser Stolz, unsere Freude, unser Vorbild,
[4] Herr Jgnatz Wolf
[5] geboren 26. August 1841
[6] gestorben 18. Jänner 1906.



1 Kommentar zu Wolf Ignaz – 18. Jänner 1906

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