Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Kunst und Kultur

Die ehemalige Synagoge in Kobersdorf

Seit einigen Monaten ist auch hier im Blog das jüdische Kobersdorf eines unserer Hauptthemen und wird ein solches wohl auch noch einige Zeit bleiben. Vor allem, weil erst ein kleiner…

Seit einigen Monaten ist auch hier im Blog das jüdische Kobersdorf eines unserer Hauptthemen und wird ein solches wohl auch noch einige Zeit bleiben. Vor allem, weil erst ein kleiner Teil (10%) der Grabsteine bzw. Grabinschriften des jüdischen Friedhofs von Kobersdorf aufgearbeitet ist, aber auch, weil wir sehr gerne den Prozess der ehemaligen Synagoge Kobersdorfs, die derzeit restauriert wird, begleiten.

Da wir sowohl von EinzelbesucherInnen als auch bei Gruppenführungen immer wieder auf die Kobersdorfer Synagoge angesprochen werden, ging’s am vorletzten Sonntagvormittag, einem der letzten schönen und wolkenlosen Herbsttage, nach Kobersdorf. Noch zumal die Synagoge vor genau 160 Jahren, am 11. April 1860, feierlich eingeweiht wurde.

In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten innen zerstört, später von der Sturmabteilung der NSDAP als Turnhalle und Vereinsheim verwendet. Eine Sprengung wie den nahegelegenen Synagogen in Deutschkreutz und Lackenbach 1941 blieb der Kobersdorfer Synagoge erspart.
1994 wurde die ehemalige Synagoge vom “Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf” von der Israelitischen Kultusgemeinde erworben, 2010 wurde das Gebäude endlich unter Denkmalschutz gestellt.
2019 kaufte das Land Burgenland die ehemalige Synagoge, die Restaurierungsarbeiten haben schon begonnen. Auf der Webseite der Landesregierung Burgenland erhalten Sie alle Informationen zum Synagogengebäude (Geschichte der Synagoge, Baugeschichte) und dem aktuellen Stand der Restaurierungsarbeiten!

Sitzplan der alten Synagoge, 1. Hälfte 19. Jahrhundert

Sitzplan der alten Synagoge, etwa 1830-1860



Nachdem die alte Synagoge in Kobersdorf Mitte des 19. Jahrhunderts, als die jüdische Bevölkerung mit etwa 600 Einwohnern/Einwohnerinnen ihren Höchststand erreichte, zu klein geworden war, begann man ca. 150m entfernt mit der Errichtung der neuen Synagoge, die am 11. April 1860 feierlich eingeweiht werden konnte.

Rabbiner war damals Abraham Shag Zwebner.
“Shag” oder “Shog” war der Vulgoname nach dem im jüdischen Volksmund so genannten Aufenthaltsort seines Vaters, Rabbiner Jehuda Löb Shag bzw. Shog, Ipolyság.

Zwebner wurde am 17. April 1801 (04. Ijjar 561) in Hlohovec (deutsch: Freistadl) in der Slowakei geboren, studierte bei Rabbiner Chatam Sofer (1762-1839) in Pressburg, wo er auch die Smicha erhielt, also die formelle Einsetzung als Rabbiner. 1851 kam er als Rabbiner nach Kobersdorf (übrigens im selben Jahr, in dem Rabbiner Esriel Hildesheimer als Rabbiner nach Eisenstadt kam). In seine Amtszeit fiel auch der Neubau der Synagoge von Kobersdorf im Jahr 1860.

Von seinen Werken wurden nur sein Responsenwerk Ohel Avraham” (“Zelt Abrahams”), 1881, und seine Predigten Draschot HaRo’sch” (“Predigten von Rabbiner Abraham Shag”), 1904, gedruckt. Am 19. Mai 1873 (22. Ijar 5633), im Alter von 72 Jahren, ging Rabbiner Zwebner nach Eretz Israel, näherhin nach Jerusalem, wo er am 25. März 1876 (29. Adar 636) verstarb. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof auf dem Ölberg in Jerusalem.

Seine Ehefrau Leni (Rebekka Lea), geb. Spitz, starb schon 1863 und ist am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben.

Leopold Moses, Archivar und Bibliothekar, 1888 in Mödling bei Wien geboren, 1943 in Auschwitz ermordet, besuchte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes, darunter auch Kobersdorf, nicht ohne die Bedeutung von Rabbiner Zwebner ausdrücklich zu erwähnen:

Die Kobersdorfer Juden studieren nicht ‒ vielleicht kommt das von ihrem reichlichen Kohlensäuregenuss ‒ und typisch für ihr Wesen ist jener Jude mit dem Tischa b’Av-Bärtchen in dem von Gesundheit strotzenden Gesicht, den ich da in der Woche vor dem 9. Av breitspurig in der Mitte der großen Gaststube des jüdischen Wirtshauses stehen und ein Glas Rotwein mit Kennermiene trinken sah. So kommt es auch, dass in Kobersdorf, das geistig-jüdische Leben nie so ganz jene Pflege fand, deren es sich sonst überall im Lande erfreute, und dass dort auch das Rabbinat nicht ganz so hervorragende Persönlichkeiten aufwies wie in den Nachbargemeinden.

Und doch finden wir auch in der bescheidenen Reihe der der Nachwelt bekannten Rabbiner Kobersdorfs einen Mann von großem Zuschnitt, der auch unserer Zeit noch viel bedeutet, und das ist der im Jahre 1801 in Freistadtl geborene Schüler des Chatam Sofer R. Abraham Zwebner, der nach dem Aufenthaltsort seines Vaters Ipolysag, meist nur R. Abraham Schag genannt wurde. Von diesem Manne rühren die Schriften Ohel Abraham und Deraschat ha Rosch her, aber noch bedeutender als durch diese wurde er für die innere Entwicklung der ungarischen Judenschaft durch die Tatsache, dass er auf der Versammlung der orthodoxen Rabbiner, die gegen den Kongress der Reformfreunde im Jahre 1865 einberufen worden war, gegen die Trennung der Gemeinden auftrat und als sein Standpunkt nicht durchdrang, nach Erez Jisrael ging, wo er im Jahre 1876 starb. Er mochte dabei wohl gedacht haben, dass allem Streit innerhalb der Judenheit des Exils keine Bedeutung innewohnt, wenn man ihn unter dem Gesichtswinkel des seiner Kinder beraubten Landes Jisrael betrachtet, und dass es nur darauf ankäme, die Erlösung herbeizuführen, um den Streit über den Standort des Almemor, über die ungarische oder deutsche Predigt und dergleichen weltbewegende Dinge mehr verstummen zu machen.

Leopold Moses, Bilder aus Österreich, in: Jüdische Presse 11 (1925) 51-52 (18.12. 1925), 338f

In der Tat war die Diskussion über den Standort der Bima / des Almemors, also des Vorlesepults, auch in die jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes übergeschwappt (zur Begriffserklärung siehe den Artikel Bima” in der Jüdischen Allgemeinen). Orthodoxe Synagogen haben meist die Bima / den Almemor in der Mitte der Synagoge, reformierte Synagogen haben sie nach vorne zum Toraschrein gerückt (“geostet”). So wurde zum Beispiel die Bima in der Synagoge von Schlaining erst nach vorne zum Toraschrein, später wieder zurück in die Mitte gerückt. Oder auch Rechnitz: Der Gemeindevorstand plante die Verlegung der Bima, worauf Rabbbiner Gabriel Engelsmann (Rabbiner von 1822 bis 1850) antwortete “Gut, dann verlasse ich morgen Rechnitz”, worauf die Bima in der Mitte und der Rabbiner in Rechnitz blieb (siehe Jüdische Presse 8 (1922), 37-38, 6.10.1922)…

In Kobersdorf war die Bima schon in der ersten Synagoge natürlich in der Mitte (siehe Sitzplan oben), auch in der nun neugegründeten Synagoge kam ein Verrücken nicht in Frage. Dafür war Rabbiner Zwebner Garant, hatte er doch bei Mose Schreiber, dem Chatam Sofer, in Pressburg studiert, der ein glühender Verfechter der mittigen Position der Bima war:

Für Chatam Sofer repräsentiert die Bima den Altar im Tempel, der auf dem Innenhof des Tempels stand und zwar genau in der Mitte. Die Synagoge sei ein kleiner Tempel, ‘Mikdasch me’at’ (Orach Chajim 28).

Bima” in der Jüdischen Allgemeinen)

Der ehemalige Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erklärt die Position der Bima in der Mitte als Symbol für die Tatsache, dass die Israeliten um den Berg Sinai lagerten, als sie die Tora
empfingen (Eisenberg Paul Chaim, Erlebnisse eins Rabbiners. Geschichten und Geschichte, Wien 2006, 66ff).
Die auf dem Foto erkennbaren Stufen führten zum Toraschrein!



Ebenfalls ein Schüler von Chatam Sofer war zur selben Zeit der Rabbiner von Deutschkreutz: Rabbi Joachim Katz (Menachen Katz-Proßnitz) trat sein Amt in Deutschkreutz nur wenige Monate nach dem Tod seines Lehrers 1840 an und übte dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1891, also über 50 Jahre aus. Rabbiner Katz-Proßnitz war ein Vertreter der strikten Orthodoxie, duldete keine Neuerungen, das gesamte Gemeindeleben war in Übereinstimmung mit der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, geregelt. Er galt aber nicht nur als ausgesprochen gelehrt und äußerst fromm, sondern sogar als wundertätig.

Und dieser fromme, gelehrte Mann besuchte einmal Kobersdorf und äußerte Kritik am Gitter der Frauenabteilung in der Synagoge. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie er reagiert hätte, wäre die Bima nicht in der Mitte, sondern vor dem Toraschrein gewesen … Aber lesen Sie den Reisebericht von Otto Abeles:

Otto Abeles, Journalist, Zionist, 1879 in Brünn (Mähren) geboren, Deportation nach Bergen-Belsen, 1945 kurz nach seiner Befreiung gestorben, kommt Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts auch nach Kobersdorf:

Sie sind einfache Leute, die Kobersdorfer. Eine Kehilla “prosterer” Juden, meist Viehhändler und Hausierer, die tagsüber auswärts sind oder gar erst vor Sabbateingang nach Hause kommen und wenig Zeit, auch nicht besondere Neigung zum “Lernen” haben. Aber sie sind fromm und treu, ein kräftiger, mit der Natur vertrauter Judenschlag und sie haben ihre Grundsätze.

Vor vielen Jahrzehnten wirkte hier eine Leuchte in Israel, der milde, liebevolle Rabbi Abraham Zwebner. Von ihm erzählen alle; die Jungen nach der Überlieferung, die Ältesten ‒ das einfache, ruhige Leben lässt viele Greise und Greisinnen mit frischen Sinnen und frischen Augen den siebzigsten und achtzigsten Geburtstag feiern ‒ weil sie ihn noch persönlich kannten und mit der ganzen Gemeinde ein Stück Weges geleiteten, als er nach Erez Israel zog, noch in rüstigem Mannesalter, um dort auf heiligem Boden sich der Lehre hinzugeben. Bevor er seine Gemeinde verließ, erbaute er die schöne, würdige Synagoge. Sie ist sein Denkmal.

Als der gestrenge Rabbi von Zelem (Deutsch-Kreuz) anlässlich eines Leichenbegräbnisses nach Kobersdorf kam, stellte er entrüstet aus, das Gitter der Frauenabteilung in der neuen Schul sei nicht undurchsichtig genug und forderte die Balbattim auf, ein so dichtes Drahtnetz anzubringen, wie es in Zelem die Frauen vor den Blicken der Männer einwandfrei bewahre. Er kam bei den Kobersdorfern nicht gut an. Sie meinten, wenn dieses Holzgitter ihrem großen Rabbi Abraham Zwebner genügt habe, so sei die Absonderung der Frauengalerie durch ein Drahtnetz bestimmt nicht erforderlich. So wird denn vermutlich die Drohung des Zelgemer, nie wieder nach Kobersdorf zu kommen, wenn man nicht das Holzgitter der Weiberschul durch ein dichtmaschiges Sieb verstärkt, von ihm erfüllt werden müssen. Die Kobersdorfer dürften kaum die gewünschte Änderung in ihrer Synagoge vornehmen. Allerdings bemerkte der fromme Handwerker, in dessen Begleitung ich die Synagoge besichtigte: Die Zeiten sind anders geworden. Stimmt. Und mit ihr die Tracht der Frauen.

Kobersdorf ist ein jüdischer Luftkurort. Hier ist den Gesetzestreuen verstattet, ungestört jüdische zu leben. Sie werden von der Kehilla brüderlich aufgenommen, von der Bauernbevölkerung, in deren Häuser sie wohnen, auf das freundlichste behandelt. Man hat hier die herrlichsten Föhrenwälder, einen köstlichen Gesundbrunnen und den feierlichsten Sabbat.

Otto Abeles, Ein Sommertag in Kobersdorf, in: Die neue Welt, 2 (1928), Heft 50 (31.8.1928), 427f


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Rosch haSchana 5781

Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5781. שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה! Selbstverständlich haben wir…

Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5781.

שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה!

Selbstverständlich haben wir auch einen Neujahrs-Podcast gestaltet zum Thema “Jüdischer Kalender”.

Im folgenden Beitrag geht es um das Neujahrsfest in Eisenstadt, wie es Alfred Fürst in seinen “Sitten und Gebräuchen des Jahres” 1908 beschreibt:

Das dankbarste Feld hat der Redner [bei der Predigt im Synagogengottesdienst] stets zur Zeit der Jahreswende, da das ganze Denken und Fühlen der Gemeinde ernsteren Gedanken zugänglich ist; da das pietätvolle Besuchen der Gräber, die bußfertige Ausübung menschenfreundlicher, gottgefälliger Handlungen dem Juden ebenso ans Herz gewachsen sind, wie das rein menschliche Hoffen und Harren auf ein gutes, neues Jahr. Ein Gemisch von Zagen und Hoffen charakterisiert auch die Liturgie dieser Bußezeit. Bloß am Neujahrstage, am Gerichtstage der “Einschreibung” [d.h. das Los der Menschen wird von Gott bestimmt] überwiegt interessanterweise der so seligmachende Optimismus des Judentums. Die Schofarpredigt (vor dem Blasen der Neujahrsposaune), vor dichtgefüllter Galerie auf dem Almemor gesprochen, vermeidet es ängstlich ein strenges, strafend-ermahnendes Wort auszusprechen; bloß die Verdienste, die Wünsche der Gemeinde werden wohlwollend aufgezählt. Alles erscheint im Geiste so milde, so sanft, so verklärt licht, als wäre es ein innerer Widerschein des Gotteshauses, dessen Anblick heute wirklich bloß von Unschuld und Verklärtheit spricht. Hell, licht ist jeder Tempelschmuck: das Porocheth [Toravorhang] vor der Bundeslade, die Tischdecken und Toramäntelchen, auch die “Ständer” (Betpulte) sind mit schneeigen Servietten bedeckt; einer Schar von Engeln aber gleicht nach einem Bildes des Midrasch [nicht wissenschaftlicher Kommentar zur Bibel] ‒ die andächtige Gemeinde, in ihre linnenen Totenkleider ernst gehüllt, Frauen sogar oft ganz in Weiß. Wahrlich die Harmonie der Eintracht und Liebe steigt mit den 30 Schofartönen zum “Eigner der Liebe” empor”!

Und auch in den Familienhäusern hörst du keinen Laut der Lieblosigkeit, des Ärgers: süß ist die Sprache des neuen Jahres, süß ist der Honig, den man jetzt drei Wochen lang mit den Feiertagsbraten genießt. Die “Barches” [Weizengebäck am Schabbat] müssen bis zum Schlussfest rund geflochten sein, um die Runde des Jahres anzuzeigen, geschickte Hausfrauen backen darauf kleine Kronen, Vögelchen, auch segnend ausgebreitete Kohenitenhände [Priesterhände]. In die Suppe kommen lange, feine Nudeln, ‒ das Jahr möge lang und fein sein, Enden werden nicht gegessen, ‒ das Leben möge nicht enden, hingegen liebt man die Köpfe vom Fisch und Geflügel, ‒ man möge zum Kopf werden, nicht zum Schwanz (Oberster und Letzter). Als Gemüse kochen die Frauen gern süßes Kraut oder Rüben, ‒ das “Hab” (Haperl = Haupt vom Kraut) möge sich “mehren” (Möhren = Rüben); man vermeidet scharfe Speisen und in die Mehlspeise gibt man keine dunkle Füllung, Mohn oder Schokolade. ‒ Ist dieses Menü verspeist, gönnt sich der Fromme Mann kein Schlummerstündchen, ‒ er könnte sonst das Jahr veschlafen, ‒ sondern eilt in den Tempel zu “Thillim” [Psalmen, die gesagt werden, um in dieser Zeit nichts Böses zu sprechen]. Nach dem Minchagebete [Nachmittagsgebet] aber, dessen Zeit von nun an um 4 Uhr ist, eilt Jung und Alt, Mann und Weib zum Teich in den Hofgarten, um “Taschlich” [symbolisches Sündenversenken] zu machen. Ob es bei dieser großen Toilettenparade auch noch ohne jede Kritik, ohne missgönnischen Blick abgeht!?

Aladar Alfred Ahron Fürst wurde 1877 in Eisenstadt geboren und promovierte an der Universität von Budapest zum Doktor der Philosophie. Er war 19 Jahre lang an der Hauptrealschule in Stuhlweißenburg Lehrer, ab 1921 unterrichtete er am jüdischen Knabengymnasium Budapest ungarische und deutsche Sprache. Fürst starb 1950 in Jeursalem. Veröffentlichungen: neben zahlreichen Artikeln in ungarischen und deutschen Zeitschriften erschien u.a. 1898 seine Dissertation “Gessner Salomon” und 1914 die Artikelserie “die jüdischen Realschulen Deutschlands” in der “Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums”.


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Über das Waschen der Hände

Eines der schönsten, wertvollsten und interessantesten Objekte unserer Dauerausstellung ist das aus der Judaica-Sammlung Sándor Wolfs stammende Handwaschbecken. Das Handwaschbecken, eine typische Jugendstilarbeit, unter Verwendung islamischer Ornamentik, dürfte wohl für…

Eines der schönsten, wertvollsten und interessantesten Objekte unserer Dauerausstellung ist das aus der Judaica-Sammlung Sándor Wolfs stammende Handwaschbecken.

Das Handwaschbecken, eine typische Jugendstilarbeit, unter Verwendung islamischer Ornamentik, dürfte wohl für den synagogalen Gebrauch bestimmt gewesen sein. Aus welcher Synagoge es stammt, lässt sich nicht mehr feststellen.

Synagogales Handwaschbecken, vermutlich Bezalel, 1910

Synagogales Handwaschbecken, vermutlich Bezalel, 1910; Dauerleihgabe des Landesmuseums Burgenland, Inv.Nr.: 53.223



Material(ien): Messingblech, Glasfluss gefasst, gedrückt, getrieben, punziert, gegossen.
Hergestellt: um 1910, vermutlich Bezalel
Höhe: 63 cm, Breite: 40 cm, Tiefe: 24 cm [1].

Auf der oberen Seite des Handwaschbeckens befinden sich die beiden Gesetzestafeln mit den Anfangsworten bzw. -buchstaben der 10 Gebote, flankiert von zwei Löwen, an den beiden Seiten jeweils eine Hirschkuh. Sowohl der Löwe, das Wappentier des Stammes Juda, als auch die Hirschkuh, das Wappentier des Stammes Naftali, repräsentieren ganz allgemein das Judentum. Vor allem die in Jagdszenen gerne als gejagtes Tier dargestellte Hirschkuh ist die in Sprüche Kapitel 5, Vers 19 genannte Geliebte, die zum Symbol für das trotz aller Verfolgungen Gott die Treue haltende Judentum wird.

Unmittelbar über dem eigentlichen Becken findet sich in vier Zeilen der Segensspruch über das Händewaschen in hebräischer Sprache und Schrift.

בּרוּך אתה ה’ אלהינוּ
מלך העולם אשר קדשנוּ
בּמצותיו וצונוּ על
נטילת ידים

Die Übersetzung lautet:

Gesegnet seist Du, Gott, unser Herr, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns auf das Waschen der Hände verpflichtet hat.

Da es eher ungewöhnlich ist, dass sich dieser Segensspruch auf einem Handwaschbecken, das für den synagogalen Gebrauch bestimmt ist, findet, soll hier näher auf Bedeutung und Verwendung dieses Segensspruches eingegangen werden.

Gesegnet seist Du, Gott, unser Herr, König der Welt

Als Segensspruch im eigentlichen Sinn wird der ‒ meist standardisierte ‒ ausgesprochene Segen, näherhin jener, mit dem die Menschen Gott loben und danken, bezeichnet. Diese Segenssprüche werden hebräisch ›Brachot‹ (Singular: ›Bracha‹) genannt und dürfen als Kernelement des jüdischen Gebetes bezeichnet werden. Denn es sind die Segenssprüche, die den Menschen zur richtigen Gottesfurcht führen, wie es im Traktat Menachot 43b des babylonischen Talmud zur Stelle 5. Buch Mose, Kapitel 10, Vers 12:

Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir …« heißt: »Rabbi Meir sagte: Der Mensch ist verpflichtet, täglich hundert Segenssprüche zu sprechen …

Die Vorschrift, täglich hundert Segenssprüche zu sprechen, finden wir auch im Schulchan Aruch (›gedeckter Tisch‹), dem für das orthodoxe Judentum maßgeblichen Gesetzeskodex des Josef ben Ephraim Karo (Erstdruck 1565), wo es heißt:

Der Mensch ist verpflichtet, jeden Tag wenigstens hundert Brachot zu sprechen; der König David hat dies angeordnet ….

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 6, § 7

Die jüdische Religion kennt drei Arten dieser Segenssprüche:

  1. jene, die vor Erfüllung einer religiösen Pflicht (hebr. ›mitzwa‹) gesprochen werden,
  2. die sogenannten Genuss-Brachot, also Segenssprüche, mit denen wir Gott für alle Dinge, die uns gut tun und die wir von ihm erhalten haben (z. B. Brot und Wein oder die Tora) danken, sowie
  3. Segenssprüche, die reine Lobpreisungen oder Danksagungen sind.

Gemeinsam allen drei Segenssprüchen sind jeweils die direkte Anrufung Gottes (Gott, unser Herr) sowie die ausdrückliche Nennung seiner Eigenschaft als Herrscher der Welt (König der Welt).

Der Segensspruch auf dem Handwaschbecken ist der erste der morgendlichen Segenssprüche und wird täglich nach den ersten Versen des Morgengebetes gesprochen. Unmittelbar auf diesen Segensspruch folgt ein Segensspruch der 2. Art (s. o.), mit dem Gott als Schöpfer des Menschen und als ›Arzt alles Fleisches und Wunder vollbringend‹ gelobt wird. Während diese ersten beiden Segenssprüche im Morgengebet Gott für die Existenz des Menschen generell danken, folgen danach mehrere Segenssprüche, mit denen Gott für die Gabe der Tora gedankt wird bzw. solche über die ›mitzwot‹, also die Verpflichtung(en), sich der Tora zu widmen sowie eine Gruppe von Segenssprüchen, mit denen der Mensch Gott dankt, dass er ihm die 613 Ge- und Verbote erteilt hat und schließlich mehrere Segenssprüche über Dinge, die dem Menschen guttun.

Da dieser Segensspruch über das Waschen der Hände eben schon zu Hause während des Morgengebetes als erster Segensspruch des ganzen Tages gesagt wird, gilt er als für den ganzen Tag gesagt und muss in der Synagoge eigentlich nicht mehr wiederholt werden.

Das Vorhandensein des Segensspruches auf unserem Objekt ist auch der Grund, warum man grundsätzlich auch an ein Handwaschbecken für den häuslichen Gebrauch denken könnte. Dagegen und doch für ein Handwaschbecken für den synagogalen Gebrauch spricht aber die Größe des Beckens und die Tatsache, dass wir doch öfter auch auf älteren Handwaschbecken für den synagogalen Gebrauch (19. und frühes 20. Jahrhundert), vornehmlich aus dem Osten, sehr wohl den Segensspruch finden.

Da kam die Zeit wo die Abendmahlzeit gehalten wird, alle standen auf um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große, silberne, mit getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam mit den Augen, und schlich sich zur Türe hinaus. Die schöne Sara folgte ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes, eilig zog er sie fort, durch die dunklen Gassen Bacherachs, eilig zum Tor hinaus, auf die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt.

Heinrich Heine, Der Rabbi von Bacherach, insel taschenbuch, Frankfurt/Main (1)1985, 22

… der uns durch seine Gebote geheiligt und uns auf das Waschen der Hände verpflichtet hat

Das Händewaschen selbst diente so wie alle anderen Reinigungsbräuche ursprünglich wohl der Abwehr von Dämonen und hatte im heißen Orient naheliegender Weise auch hygienische Gründe. Man wusch und/oder badete sich vor einem Besuch bei einem Höhergestellten, insbesondere natürlich, wenn man vor Gott erschien, um ein Opfer darzubringen (1. Buch Mose, Kapitel 35, Vers 2; 2. Buch Mose, Kapitel 30, Verse 19-21). Das Händewaschen als ausdrücklich genanntes Ritual vor und nach dem Essen findet sich erst im Neuen Testament (Matthäus, Kapitel 15, Vers 2 u. a.) sowie im Traktat Chullin des babylonischen Talmud 105a:

Das Waschen vorher und nachher ist Pflicht, das in der Mitte [also zwischen zwei Speisen, Anm. d. V.] ist freigestellt.

Heute wird der Segensspruch über das Waschen der Hände auch vor dem Essen von Speisen mit Brot verwendet, nach dem Essen müssen die Hände gewaschen werden, jedoch immer ohne Segensspruch:

… wenn das Brot die Größe eines Eies hat, sagt er Bracha über das Waschen; bei weniger als dies sagt er keine Bracha über das Waschen.

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 40, § 1

Später wurden die Vorschriften, die Hände zu waschen, auf andere Bereiche ausgedehnt, so nach dem Verrichten der Notdurft, dem Schneiden und Reinigen der Nägel, nach dem Besuch des Friedhofes, vor dem Beten etc.

Das Händewaschen morgens nach dem Erwachen hat außer der Gesundheit schätzenden Sauberkeit noch die Bestimmung, unsere Hände, und durch sie unser ganzes leibliches Wesen, das im Schlaf nur ein physisches Dasein hatte, für ein Gott dienendes tätiges Leben zu weihen. Ähnlich wie der Priester sich durch Händewaschen (2. Buch Mose, Kapitel 30, Vers 20) zum heiligen Tempeldienst zu weihen hatte.

Hirsch Samson Raphael, Israels Gebete, Basel 1992, 6

Hebräisch heißt dieses ›Händewaschen‹ נטילת ידים ›netilat jadajim‹, womit eigentlich ein Heben der Hände, nämlich

aus der niederen, bloß physischen Natur zu ihrer höheren sittlichen Bestimmung

Hirsch Samson Raphael, Israels Gebete, Basel 1992, 6

angedeutet sein soll (hebräische Wortwuzel נטל ›ntl‹). Damit geschieht mit dem Händewaschen schon konkrete Vorbereitung auf den beginnenden Gottesdienst. Lau leitet das Wort ›netila‹ vom aramäischen Wort ›natla‹ ›Gefäß‹ her und sieht darin die Aufforderung, dass das Händewaschen

nur mit einem mit sauberem Wasser gefüllten Gefäß vorgenommen werden muss…

Lau Israel Meir, Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh (4)1997, 7

Das vorliegende Handwaschbecken dient(e) zum Waschen der Hände vor und nach dem Synagogenbesuch, der Segensspruch wird jedoch, da schon am Morgen geschehen, nicht gesprochen:

Man soll vor dem Gebet die Hände bis zum Gelenk mit Wasser waschen (Rambam). Darum, wenn man auch seine Hände am Morgen gewaschen hat …, wenn man nachher mit den Händen irgendeine unsaubere Stelle berührt hat, das sind die Stellen, die beim Menschen bedeckt sind, an denen sich Schweißkügelchen vorfinden, oder wenn man den Kopf gerieben oder wenn man sie am Morgen nicht bis zum Gelenk gewaschen hat, muss man sie vor dem Gebet nochmals waschen. Wenn man kein Wasser hat, muss man sich danach bemühen, vier Mil (18 Minuten gleich ein Mil) weiter zu gehen (wohin man doch gehen wollte) oder ein Mil zurück. Wenn man aber fürchtet, inzwischen könnte die Zeit des Gebetes vorübergehen, reinige man seine Hände an einer Erdscholle oder mit Staub oder jeder Sache, die reinigt, und bete: ›denn es heißt (Psalm, Kapitel 26, Vers 6), ich wasche in Reinheit meine Hände … ich wasche mit Wasser, wenn es möglich ist, und wenn nicht, in Reinheit, mit jeder Sache, die reinigt‹.

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 12, § 5


[1] Die Bezalel-Akademie für Kunst und Design wurde 1906 vom Bildhauer und Maler Boris Schatz (1867-1932) in Jerusalem gegründet, bereits 1911 studierten etwa 460 Studenten an ihr. Sie wurde 1932, nach dem Tod Schatz's geschlossen und 1935 unter dem Maler und Graphiker Joseph Budko (1888-1940) als ›New Bezalel‹ wiedereröffnet. Für die kunsthistorische Analyse des Handwaschbeckens danke ich Frau Dr. Felicitas Heimann-Jelinek, Wien. [Zurück zum Text (1)]


Erstpublikation als Printversion: Johannes Reiss, Über das Waschen der Hände, in: Forscher ‒ Gestalter ‒ Vermittler. Festschrift Gerald Schlag, hrsg. von Wolfgang Gürtler und Gerhard Winkler, (WAB) Band 105, Eisenstadt 2001, 357-361.

Der Blogartikel ist eine überarbeitete Version des gedruckten Artikels.


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Pesach 5780 – Einzigartiges für den Sedertisch

Morgen ist der 14. Nisan und damit Erev Pesach. Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5780! חג פסח כשר ושמח! Außerdem wünschen wir unseren christlichen Leserinnen und Lesern…


Morgen ist der 14. Nisan und damit Erev Pesach.

Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5780!

חג פסח כשר ושמח!

Außerdem wünschen wir unseren christlichen Leserinnen und Lesern ein frohes Osterfest!


Auffällig ist es, reichlich ungewöhnlich und in Teilen auch rätselhaft: das Objekt, wohl ein “Centerpiece” für den Sedertisch, das seit einiger Zeit einen Ehrenplatz im Pesach-Raum unserer Dauerausstellung innehat. Das religiöse Setting, dem es zugehört, ist ‒ so viel ist klar ‒ das Seder-Essen zu Pesach, bei dem eine Reihe zeichenhaft verstandener Speisen auf dem Tisch platziert wird, von Bitterkräutern bis Charoset (ein braunes Apfel-Nuss-Gemisch). Damit erklärt sich die Funktion der kleinen Tellerchen, die unser Objekt aufweist ‒ es fand seinen Platz eben auf einem Sedertisch.

"Centerpiece" für Sedertisch, chassidisch, 1774

“Centerpiece” für Sedertisch, chassidisch, 1774



Als deutlich schwieriger erweist sich die Interpretation des Figurenensembles: Wen oder was sollen die fein gearbeiteten Gestalten jeweils darstellen? Klar scheint immerhin: Bekrönt ist das Stück mit dem Pesachlamm, das von den Israeliten gemäß biblischer Erzählung vor dem Verlassen Ägyptens bzw. von späteren Generationen im Jerusalemer Tempel geschlachtet wurde, Weinranken und Trauben verweisen auf die vier Becher Wein, die beim Seder getrunken werden, und als zentrale Figur fungiert der Hohepriester.
Übrigens: In einem wesentlichen Detail seiner Darstellung des Brustschilds des Hohepriesters irrt der Künstler. In Exodus 28,21 lesen wir: “Die Steine sollen auf die Namen der Söhne Israels lauten, 12 Steine auf ihre Namen…”. Beide Brustschilde (bei der Zentralfigur und bei 01, s.u.), haben aber offensichtlich 16 bzw. 20 Steine.

Gar nicht so eindeutig scheint dagegen die Zuordnung der kleineren Figuren, die bei den besagten Tellerchen platziert sind ‒ wir grübelten, wir diskutierten, wir blätterten nach, wir fragten hier und dort. Sind es vielleicht priesterliche Figuren? Die Bekleidung könnte dies nahelegen. Einer der von uns Konsultierten sah in den Figuren dagegen Klezmer-Musikanten ‒ was uns, trotz Harfe, die einer der Figuren beigegeben scheint, nicht überzeugte, und zwar schlicht, weil weitere musikalische Attribute nicht auszumachen sind. Ebenso wenig überzeugte letztgenannte These Prof. Günter Stemberger, an den wir uns mit der Bitte um Interpretationshilfe wandten ‒ und der uns folgende Deutung vorschlägt:

01) Hohepriester? Aaron?

01) Hohepriester? Aaron?

01 ist jedenfalls der HP [Hohepriester; Anm. CM], dem aber (anders als in der zentralen Figur, die eine christliche Mitra trägt) die Kopfbedeckung fehlt. Das Räucherfass ist natürlich auch christlich, das Motiv als solches bezieht sich wohl auf Jom Kippur, wo der HP mit einer Räucherpfanne voll Kohlen ins Allerheiligste geht (Lev 16,12-13) ‒ da trägt er allerdings nicht den Brustschild (doch cf. Ex 28,30 und mYoma 7,5).

02) Hohepriester? König Salomon?

02) Hohepriester? König Salomon?

Wenn der Bezug zu Jom Kippur stimmt, könnte 02 der HP sein, der das Gefäß mit dem Opferblut ins Allerheiligste trägt (der Weihrauch ist ja schon vergeben), oder aber auch das Gefäß mit Manna (Ex 16,33 ‒ diese Szene ist auf dem Verduner Altar dargestellt).

03) Harfner? König David?

03) Harfner? König David?

Der Harfner in 03 erinnert natürlich an David, könnte aber auch ein Levit im Tempel sein (cf. 2 Chron 5,12), allerdings nicht (oder kaum) zu Jom Kippur.

04) Levit? Mose?

04) Levit? Mose?

Bei 04 kann ich nur raten. Durch seine Kleidung (Kragen) unterscheidet sich die Figur von den anderen. Könnte es vielleicht ein Levit mit dem großen Schlüssel für den Tempel sein (mit der Ne’ila wieder ein Jom Kippur-Bezug)?

Wie Sie sehen, nehme auch ich den Tempelbezug zentral; in Einzelheiten ist der Künstler ziemlich frei (bzw. unwissend) und lehnt sich auch an christliche Vorbilder an (sind vielleicht deshalb die Priester in der Liturgie ohne Kopfbedeckung?). Der Bezug zu Pesach ist dabei äußerst locker.

emer. Univ.-Prof. Dr. Günter Stemberger, Email vom 23. September 2018

Nicht ausgeschlossen ist freilich auch ein unmittelbarer Bezug zur Exodus-Erzählung, konkret: zu Mose und Aron, wie das Landesmuseum Burgenland ‒ von dem wir das Objekt, das aus dem Jahr 1774 datiert und chassidischer Provenienz ist und einst Alexander Wolf gehörte, freundlicherweise als Leihgabe erhalten haben ‒ vermutet:

…in der Mitte erhebt sich ein Säulchen mit der Gestalt des segnenden Hohepriesters; die 4 vergoldeten Teller neben den Figuren der Könige David, Salomon, Aron und Moses…

Burgenländisches Landesmuseum: “Objektdaten”


Keine Kommentare zu Pesach 5780 – Einzigartiges für den Sedertisch

Zum Verdienst ihres Ehemanns…

English version, see below Über einen besonders schönen und faszinierenden Toravorhang Diesen prächtigen Toravorhang ließ niemand Geringerer als Hermine (Hendel) Wolf, geb. Neubrunn, im Jahr 1910 für ihren verstorbenen Ehemann…

English version, see below


Über einen besonders schönen und faszinierenden Toravorhang

Toravorhang Eisenstadt 1910, Leihgabe jüdisches Museum Wien,

Toravorhang Eisenstadt 1910, Samt, Brokat, Glassteine – genäht, gestickt,
Leihgabe jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr.: 13379



Diesen prächtigen Toravorhang ließ niemand Geringerer als Hermine (Hendel) Wolf, geb. Neubrunn, im Jahr 1910 für ihren verstorbenen Ehemann herstellen. Geboren am 26. Dezember 1845 in Trenčín (heute Westslowakei), gestorben am 17. August 1931 in Baden bei Wien und begraben am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt, überlebte sie ihren Ehemann Ignatz (Esriel) Wolf, gest. 18. Jänner 1906 und ebenfalls am jüngeren jüdischen Friedhof begraben, um 25 Jahre.
Hermine Wolf war u.a. Präsidentin des Eisenstädter Frauenvereins, Ehemann Ignatz Wolf Gesellschafter der Firmen Leopold Wolf’s Söhne, Eisenstadt, und M. Bauer, Wien, Handelskammerrat der Ödenburger Handelskammer, Mitbegründer der Eisenstädter Sparkassa und 1863 sowie 1880-1885 Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Eisenstadt.

Hermine und Ignatz Wolf sind die Eltern, u.a., von Leopold Wolf und Nathan (Alexander/Sándor) Wolf!

Die Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne hatte ihren Hauptsitz im sogenannten Wertheimerhaus, in dem sich heute das Österreichische Jüdische Museum befindet (siehe v.a. unseren Blogartikel “Nathan und die Wölfe von Eisenstadt“)

Der Toravorhang im Detail


Kapporet ‒ Querbehang

Toravorhang Eisenstadt 1910,  Kapporet (Querbehang)

Toravorhang Eisenstadt 1910, Kapporet (Querbehang)



Inschrift Toravorhang 1910 Querbehang: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] {Krug und Becken}


Oberhalb des Spiegels

Toravorhang Eisenstadt 1910,  Detail oberhalb des Spiegels

Toravorhang Eisenstadt 1910, Detail above the main text


Inschrift Toravorhang 1910 SpiegelOBEN: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] {Krone und zwei Löwen (Löwe von Juda) als Kronenhalter}
[2] D(ie Krone) d(er Tora) כ”ת


Spiegel

Toravorhang Eisenstadt 1910, Spiegel

Toravorhang Eisenstadt 1910, main text



Inschrift Toravorhang 1910 Spiegel: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Dies ist ein Geschenk זאת נדבת
[2] der gottesfürchtigen Frau, אשת יראת אלהים
[3] Frau Hendel Wolf, s(ie möge) l(eben), מרת הענדל וואלף תחי’
[4] Tochter d(es Herrn) Nataniel Neubrunn, a(uf ihm sei) d(er Frieden). בת ר’ נתנאל נייברון ע”ה
[5] Sie brachte die Gedächtnisgabe dar im Tempel d(es Herrn) הגישה מנחת זכרון בהיכל ה’
[6] zum Verdienst der Seele ihres von Herzen freigiebigen Ehemanns. לזכות נשמת בעלה איש נדיב לב
[7] Gut und gütig übte er Wohltätigkeit und Liebesdienste, טוב ומטיב עושה צדקה וחסד
[8] d(er) e(hrenhafte) H(err) Esriel Wolf, a(uf ihm sei der) F(rieden), כה”ר עזריאל וואלף ע”ה
[9] Halevi, הלוי


Unterhalb des Spiegels

Toravorhang Eisenstadt 1910, Detail unterhalb des Spiegels

Toravorhang Eisenstadt 1910, Detail unterhalb des Spiegels



Inschrift Toravorhang 1910 SpiegelUNTEN: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] der verstarb am 22. Tevet 666 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung) (= 18. Jänner 1906). שנפטר ביום כ”ב טבת ת”רס”ו לפ”ק
[2] Eisenstadt, im Jahre 670 n(ach der kleinen Zeitrechnung) (= 1910) אייזענשטאדט בשנת ע”תר”ל
[3] {Krug und Becken}


Anmerkung

Sowohl zweimal (im Querbehang und unterhalb des Spiegels) das Symbol des Kruges mit Becken als auch der Namenszusatz “Halevi” in der letzten Zeile des Spiegels weisen deutlichst auf die levitische Herkunft von Ignatz (Esriel) Wolf hin.



About an especially beautiful and fascinating Torah Ark curtain

Torah Ark curtain, Eisenstadt 1910, Loaned by the Jewish Museum Vienna

Torah Ark curtain, Eisenstadt 1910, Velvet, brocade, glass stones – sewn, embroidered, Loaned by the Jewish Museum Vienna, Inv.-Nr.: 13379



This magnificent Torah Ark curtain was made by none other than Hermine (Hendel) Wolf, born Neubrunn, who in 1910 made the Torah Ark curtain in remembrance of her dead husband. Hermine Wolf was born on the 26th of December 1845 in Trenčín (West Slovakia), and died on August 17th 1931 in Baden. She was buried in the younger Jewish Cemetery of Eisenstadt, and lived 25 years longer than her husband, Ignatz (Esriel) Wolf, who died on the 18th of January 1906. Ignatz was also buried in the younger Jewish Cemetery of Eisenstadt.

Hermine Wolf was, amongst other things, the president of the Eisenstadt womens association. Her husband, Ignatz Wolf, worked for the company Leopold Wolf’s Söhne (Eisenstadt), M. Bauer (Vienna), and was Handelskammerrat of the Ödenburger Handelskammer. Ignatz also helped form the Eisenstadt Sparkassa, and in 1863 and 1880 -1885 served on the board of the Israelitischen Kultusgemeinde Eisenstadt.

Hermine and Ignatz Wolf are the parents of Leopold Wolf and Nathan (Alexander/Sándor) Wolf!

The wine shop Leopold Wolf’s Söhne had their headquarters in, what at the time was called the Wertheimerhaus, which today is the Austrian Jewish museum (see our blog article “Nathan und die Wölfe von Eisenstadt“)

The Torah Ark curtain in detail


Kapporet ‒ Tassels

Torah Ark curtain Eisenstadt 1910,  Kapporet (Tassels)

Torah Ark curtain Eisenstadt 1910, Kapporet (Tassels)



Inschrift Toravorhang 1910 Querbehang: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] {Pitcher and basin}


Above the main text

Torah Ark curtain Eisenstadt 1910,  Detail above the main text

Torah Ark curtain Eisenstadt 1910, Detail above the main text


Inschrift Toravorhang 1910 SpiegelOBEN: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] {Two lions holding up a Crown (Lion of Judah)}
[2] T(he Crown) o(f the Tora) כ”ת


The main text

Torah Ark curtain Eisenstadt 1910, main text

Torah Ark curtain, Eisenstadt 1910, main text



Inschrift Toravorhang 1910 Spiegel: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] This is a gift זאת נדבת
[2] of the God-fearing woman, אשת יראת אלהים
[3] Mrs. Hendel Wolf, s(he may) l(ive), מרת הענדל וואלף תחי’
[4] daughter o(f Mr.) Nataniel Neubrunn, m(ay peace be) u(pon him). בת ר’ נתנאל נייברון ע”ה
[5] She brought the gift of memory to the temple o(f the Lord). הגישה מנחת זכרון בהיכל ה’
[6] For the merit of the soul of her generous husband. לזכות נשמת בעלה איש נדיב לב
[7] He was good and kind and practiced charity and love, טוב ומטיב עושה צדקה וחסד
[8] t(he) h(onorable) M(r.) Esriel Wolf, m(ay peace be) u(pon him). כה”ר עזריאל וואלף ע”ה
[9] Halevi, הלוי


Under the main text

Torah Ark curtain Eisenstadt 1910, Detail under the main text

Torah Ark curtain Eisenstadt 1910, Detail under the main text



Inschrift Toravorhang 1910 SpiegelUNTEN: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] who died on the 22nd of Tevet 666 b(y the) s(mall) c(ount) (= 18 January 1906). שנפטר ביום כ”ב טבת ת”רס”ו לפ”ק
[2] Eisenstadt, in the year 670 b(y the small count) (= 1910) אייזענשטאדט בשנת ע”תר”ל
[3] {Pitcher and basin}


Annotation

The symbol of the pitcher with a basin as well as the suffix “Halevi” in the last line of the text show the Levitic origin of Ignatz (Esriel) Wolf.


2 Kommentare zu Zum Verdienst ihres Ehemanns…

Kafka und das Judentum

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 herzlich ein zur Lesung ” … etwas zähes Judentum ist noch in mir, nur hilft es…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des
Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019
herzlich ein zur

Lesung
” … etwas zähes Judentum ist noch in mir, nur hilft es meistens auf der Gegenseite.”

Einführende Worte: Alfred Schmidt
Lesung: Charlotte Aigner


Wann: Sonntag, 01. September 2019, 10.30-11.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, im Judentum einen der bestimmenden Bezugspunkte in Franz Kafkas Schreiben ‒ und Leben ‒ zu sehen. Für Walter Benjamin waren die jüdisch-kabbalistische Tradition einerseits, die Erfahrung des entfremdeten modernen Großstadtmenschen andererseits, die beiden weit von einander entfernten Brennpunkte, um die Kafkas Schreiben sich bewegt. Doch war jenes “zähe Judentum”, das er selbst noch in sich spürte, ein vielfach gebrochenes. Denn schon für die Vätergeneration, Angehörige des zu Wohlstand gelangten deutschsprachigen Prager Bürgertums, war die eigene Tradition bereits zu einem äußerlichen Festhalten an sinnentleerten, mitunter bis zu grotesken Komik sich steigernden religiösen Gebräuchen verkommen. ‒ Kafkas persönliches Ringen um ein erneuertes, authentisches Verhältnis zum Judentum äußert sich in vielen biographischen Details, wie etwa seinem wachen Interesse an der zionistischen Bewegung. Viel schwieriger ist es allerdings den Einfluss des Judentums auf Kafkas literarisches Schaffen zu bestimmen, wo das Thema kaum ja explizit auftaucht, und doch in so vielen Texten ungreifbar gegenwärtig zu sein scheint.

Die Lesung versucht sowohl den biographischen als auch den literarischen Zeugnissen von Kafkas vielschichtigem Verhältnis zum Judentum nachzugehen.


Eine Kooperationsveranstaltung mit der Österreichischen Franz Kafka Gesellschaft.

Logo Franz Kafka Gesellschaft

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Download Gesamtprogramm des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 im Burgenland (programm2019.pdf, 2.34MB)

EDJCPoster2019

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