Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Kunst und Kultur

Kafka und das Judentum

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 herzlich ein zur Lesung “ … etwas zähes Judentum ist noch in mir, nur hilft es…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des
Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019
herzlich ein zur

Lesung
“ … etwas zähes Judentum ist noch in mir, nur hilft es meistens auf der Gegenseite.“

Einführende Worte: Alfred Schmidt
Lesung: Charlotte Aigner


Wann: Sonntag, 01. September 2019, 10.30-11.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, im Judentum einen der bestimmenden Bezugspunkte in Franz Kafkas Schreiben ‒ und Leben ‒ zu sehen. Für Walter Benjamin waren die jüdisch-kabbalistische Tradition einerseits, die Erfahrung des entfremdeten modernen Großstadtmenschen andererseits, die beiden weit von einander entfernten Brennpunkte, um die Kafkas Schreiben sich bewegt. Doch war jenes „zähe Judentum“, das er selbst noch in sich spürte, ein vielfach gebrochenes. Denn schon für die Vätergeneration, Angehörige des zu Wohlstand gelangten deutschsprachigen Prager Bürgertums, war die eigene Tradition bereits zu einem äußerlichen Festhalten an sinnentleerten, mitunter bis zu grotesken Komik sich steigernden religiösen Gebräuchen verkommen. ‒ Kafkas persönliches Ringen um ein erneuertes, authentisches Verhältnis zum Judentum äußert sich in vielen biographischen Details, wie etwa seinem wachen Interesse an der zionistischen Bewegung. Viel schwieriger ist es allerdings den Einfluss des Judentums auf Kafkas literarisches Schaffen zu bestimmen, wo das Thema kaum ja explizit auftaucht, und doch in so vielen Texten ungreifbar gegenwärtig zu sein scheint.

Die Lesung versucht sowohl den biographischen als auch den literarischen Zeugnissen von Kafkas vielschichtigem Verhältnis zum Judentum nachzugehen.


Eine Kooperationsveranstaltung mit der Österreichischen Franz Kafka Gesellschaft.

Logo Franz Kafka Gesellschaft

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Download Gesamtprogramm des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 im Burgenland (programm2019.pdf, 2.34MB)

EDJCPoster2019

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Eröffnung Rudolf Gelbard-Bibliothek und Lesung „Cella oder die Überwinder“

Die IKG.KULTUR und das Österreichische Jüdische Museum laden im Rahmen des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 herzlich ein zur Eröffnung der Rudolf Gelbard-Bibliothek und anschließend zur Lesung mit Katharina…

Die IKG.KULTUR und das Österreichische Jüdische Museum laden im Rahmen des
Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019
herzlich ein zur

Eröffnung der
Rudolf Gelbard-Bibliothek

und anschließend zur

Lesung mit Katharina Stemberger

Franz Werfel,
Cella oder die Überwinder

Am Klavier: Eva Varhaníková


Wann: Sonntag, 08. September 2019, 15 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Prof. Rudolf Gelbard („The man on the Balcony“) wurde 1930 in Wien geboren und als Kind mit seinen jüdischen Eltern 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Als eines der wenigen Kinder überlebte er die Internierung in Theresienstadt und setzt sich seit seiner Befreiung als Mitglied der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer für die Aufklärung über die NS-Verbrechen ein. Neben seiner laufenden Tätigkeit in Schulen, auf Symposien und in Lehrveranstaltungen war er auch als Mitglied der Kulturkommission der Israelitischen Kultusgemeinde tätig.

Für seine Verdienste und seine aufklärerische Vortragstätigkeit wurde er von der Republik Österreich mit dem Berufstitel Professor und weiteren Auszeichnungen, darunter die Joseph-Samuel-Bloch-Medaille, geehrt. Seit 2008 wird vom Republikanischen Club ‒ Neues Österreich der „Rudolf Gelbard Preis für Aufklärung gegen Faschismus und Antisemitismus“ vergeben. Gelbard selbst war der erste Preisträger dieser Auszeichnung.

Prof. Rudolf Gelbard starb am 24. Oktober 2018 in Wien. Für das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt ist es eine große Ehre, die Privatbibliothek von Prof. Gelbard in seinen Räumlichkeiten präsentieren zu dürfen.


Franz Werfels Romanfragment „Cella oder Die Überwinder“ entstand in den Jahren 1938/39, am Beginn des werfelschen Exils (er starb 1945 in Beverly Hills).
Werfels Roman, der zahlreiche historische und zeitgeschichtliche Bezüge zum burgenländischen Judentum herstellt bzw. in freier Form verarbeitet, erzählt die Geschichte des jüdischen Eisenstädter Rechtsanwalts Bodenheim und seiner Familie in den Wirren des Jahres 1938 ‒ in Summe: ein „jüdischer Heimatroman“ (N. Abels) als Geschichte des Heimat-Verlustes:

Das Land, aus dem wir vertrieben wurden, heißt das Burgenland, die Hauptstadt dieses Landes, in der wir lebten, heißt Eisenstadt. Diese Hauptstadt ist nur ein lächerliches Landstädtchen, eine Stunde von Wien entfernt. Niemand in der weiten Welt kennt auch nur den Namen. Wenn jetzt in der Fremde dieser Name unter uns fällt, dann zucken wir die Achseln und sagen: Drecksnest. Wer diese Heimat verloren hat, der hat nicht viel verloren. Trotzdem geschieht es bis zum heutigen Tage oft, dass ich vom Burgenland und von Eisenstadt träume…

Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder. Versuch eines Romans. [Gesammelte Werke in Einzelbänden.] Frankfurt a.M. 1997, S. 271/Vorkapitel


Eine Veranstaltung der IKG.KULTUR und des Österreichischen Jüdischen Museums.

Die Lesung mit Katharina Stemberger ist eine Veranstaltung im Rahmen einer Veranstaltungsserie der IKG-KULTUR und der Bruno Walter Musiktage in der Slowakei und Österreich zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2019.

Download Gesamtprogramm des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 IKG-KULTUR und Bruno Walter Musiktage (edjc2019.pdf, 412KB)


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Pesach 5779

Übermorgen, am Freitag, dem 19. April 2019, ist der 14. Nisan und damit Erev Pesach. Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5779! חג פסח כשר ושמח! Außerdem wünschen…


Übermorgen, am Freitag, dem 19. April 2019, ist der 14. Nisan und damit Erev Pesach.

Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5779!

חג פסח כשר ושמח!

Außerdem wünschen wir unseren christlichen Leserinnen und Lesern ein frohes Osterfest!


Das Bild oben zeigt die sehr unübliche Darstellung einer Sedertischgesellschaft auf der Titelseite der Pesach Haggada von Meschullam Zimel, Wien 1719.

(Da das Headerbild sich automatisch an die Bildschirmgröße anpasst und daher möglicherweise nicht alle Details zu sehen sind, hier das Bild noch einmal:)

Pesach Haggada, Meschullam Zimel, Wien 1819, Ausschnitt Titelseite mit Sedertischgesellschaft

Pesach Haggada, Meschullam Zimel, Wien 1719, Ausschnitt Titelseite mit Sedertischgesellschaft



Auf einem für das Sedermahl gedeckten Tisch sitzen fünf Männer und vier Frauen. Von beiden Seiten kommen Diener und servieren der edlen Tischgesellschaft Speisen und Getränke.

Ebenfalls auf der Titelseite lesen wir über den Künstler:

…der in der Kupferstecherei ausgezeichnet erfahrene Künstler,
der ehrenwerte Herr und Meister Zimel, Schreiber aus Polná (in Böhmen / Tschechien),
für den Erhabenen/Repräsentanten und Freizügigen, dem Vorzüglichen, dem in der Zier
und der Ehre Gottes sehr Erhabenen,
Natan, dem Sohn des Vorstehers
und in der Ehre Gottes berühmten Erhabenen/Repräsentanten
Isak Oppenheimer aus Wien, u(nser Fels) m(öge die Stadt segnen) u(nd beschützen),
im Jahre 1719 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung) in Wien, mit den Buchstaben
von Amsterdam.

Pesach Haggada, Meschullam Zimel, Wien 1719, Ausschnitt Titelseite mit Titeltext, umrahmt von Bildern von Moses und Aaron, David und Salomon

Pesach Haggada, Meschullam Zimel, Wien 1719, Ausschnitt Titelseite mit Titeltext, umrahmt von Bildern von Moses und Aaron, David und Salomon


Kleiner Exkurs zu den „Buchstaben aus Amsterdam“:

Ende des 16. Jahrhunderts ließen sich viele Marranen, also unter Zwang zum Christentum bekehrte iberische Juden, die sich Anfang des 17. Jahrhunderts wieder offen zum Judentum bekannten, in Amsterdam nieder. Ihr großes Interesse an hebräischer Literatur führte dazu, dass 1626 Menasse ben Israel in Amsterdam eine hebräische Druckerei gründete, in der nicht nur sehr viele hebräische und lateinische Bücher gedruckt wurden, sondern in der auch neue Schrifttypen geschnitten wurden. Die hervorragende Qualität dieser „Amsterdamer Buchstaben“ ließ später viele ausländische Schreiber ‒ nicht ganz wahrheitsgemäß ‒ auf ihren Titelseiten den Vermerk anbringen „Mit den Buchstaben von Amsterdam„.


Besonders empfehlen möchten wir die vielen von Chajm Guski auf talmud.de zur Verfügung gestellten Informationen zum Pesachfest, darunter auch die Pesach-Haggada im Volltext.

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Shoa-Denkmal in Eisenstadt – Einladung zum Diskurs

Background photo from the Yad Vashem Hall of Stars in the children’s memorial. (Taken from Wikimedia Commons) Ausgangssituation In Eisenstadt gibt es kein Holocaust-Denkmal. Immer wieder wird von verschiedenen Seiten…

Background photo from the Yad Vashem Hall of Stars in the children’s memorial. (Taken from Wikimedia Commons)

Ausgangssituation

In Eisenstadt gibt es kein Holocaust-Denkmal.

Immer wieder wird von verschiedenen Seiten (politische Parteien, die Kirchen (s.u. den Brief der Pfarrer), aber auch etwa die Burgenländische Forschungsgesellschaft usw.) ein Holocaust-Denkmal (!) für Eisenstadt gefordert.

Konkrete Vorschläge für ein solches Denkmal oder eine nähere Begründung für ein solches Denkmal, außer „dass es in Eisenstadt eben fehle“, sind zumindest mir nicht bekannt.

Dass die Forderungen nach einem Holocaust-Denkmal in der Landeshauptstadt Eisenstadt verstärkt in der letzten Zeit, besonders auch im Zusammenhang mit dem Ge-/Bedenkjahr 2018 gestellt wurden, ist natürlich kein Zufall. Zumal in den letzten Jahren mehrere Denk-/Mahnmale im Burgenland errichtet wurden.

Ein jüdisches Museum kann und will sich dieser Diskussion in seiner Stadt nicht entziehen, nicht zuletzt, weil ein jüdisches Museum immer auch Akteur institutionalisierten Erinnerns ist (s. dazu besonders unseren Blogartikel „Eigenarten des Erinnerns„).


Die Holocaust-Denkmäler im Burgenland ‒ Ein kurzer Überblick über die letzten Jahre

Deutschkreutz war 2012 „Vorreiter“ mit einem Denkmal in der Hauptstraße, im Oktober 2014 folgte die Einweihung einer Gedenktafel am jüdischen Friedhof in Deutschkreutz im Gedenken an die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter. Initiator war in beiden Fällen Misrachi Österreich (Wien) bzw. namentlich Michael Feyer.

Michael Feyer war es auch, der 2017 mit seinem Verein „Wir erinnern. Begegnung mit dem jüdischen Mattersburg“ das Holocaust-Denkmal in Mattersburg präsentierte. Ein Denkmal, das sehr prominent den Brunnenplatz dominiert und das alte Denkmal am Standort der ehemaligen Synagoge sozusagen ablöste. Zur Kritik an diesem Denkmal siehe meinen Kommentar unten.

Ebenfalls 2017 wurde das Mahnmal in Kobersdorf präsentiert, das vom früheren Bürgermeister der Gemeinde, Erwin Hausensteiner, initiiert worden war. Auf dem Denkmal befinden sich, im Unterschied zu den anderen Denkmälern, auch Namen von Opfern, Adressen usw. Zwischen Ermordeten und Vertriebenen wird aber nicht unterschieden, die Liste ist zudem unvollständig.

Sehr sensibel und überlegt ging man in Frauenkirchen vor, wo auf dem Platz der ehemaligen Synagoge der „Garten der Erinnerung“ errichtet und 2016 offiziell präsentiert wurde. Die Initiative erfolgte von Dr. Herbert Brettl und dem Verein „Initiative Erinnern Frauenkirchen„. Begleitet wurde/wird die Initiative von Vorträgen und Aktivitäten.



Gemeinsam all diesen erwähnten Denk- und Mahnmalen ist zunächst die Tatsache, dass es sich um Orte handelt, in denen bisher keine ausdrückliche und spezifische Erinnerungskultur stattfand, zumindest nicht mit deutlichem Bezug zu Orten oder Plätzen im Ort, die die Funktion eines Erinnerungsortes haben. Zwar gibt es in Kobersdorf, Deutschkreutz, Mattersburg und Frauenkirchen jüdische Friedhöfe, doch wurden diese in den Orten nie wirklich aktiv und permanent in die Erinnerungsarbeit eingebunden.

Das ist auch der entscheidende Unterschied zu Eisenstadt:

  • In Eisenstadt gibt es seit 1972 unser Österreichisches Jüdisches Museum, das älteste jüdische Museum in Europa seit 1945. Es wurde im Herz des ehemaligen jüdischen Viertels, im Palais des Hoffaktors und ungarischen Landesrabbiners Samson Wertheimer, ausdrücklich als Erinnerungs- und Gedenkort an die Sieben-Gemeinden allgemein und an die ehemalige jüdische Gemeinde Eisenstadt im Besonderen gegründet!

  • Im Museum findet sich neben der Synagoge, der einzigen „living synagogue“ des heutigen Burgenlandes, am Ende der Dauerausstellung ein Gedenkraum, der dem Gedenken an die Jüdinnen und Juden der Sieben-Gemeinden gewidmet ist.

  • Das jüdische Museum hat seinen Standort im ehemaligen jüdischen Viertel, am Rande dieses Viertels befinden sich die beiden jüdischen Friedhöfe, die seit jeher intensiv in die Museumsarbeit eingebunden werden und die einzigen jüdischen Friedhöfe in Österreich sind, die vollständig aufgearbeitet und umfassend dokumentiert sind! Jeder Friedhof hat immer primär auch Gedenkcharakter!

  • Sowohl nahezu alle Touristen als auch insbesondere die etwa 200 Schulgruppen aus ganz Österreich, die jährlich das jüdische Museum, die Synagoge, das jüdische Viertel und die beiden jüdischen Friedhöfe besuchen, tun dies als „aktiven Gedenkakt“ an die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Stadt und der Region.

  • Seit zumindest 1992 widmet das Museum sein Hauptaugenmerk der minutiösen und akribischen Aufarbeitung der Geschichte der Jüdinnen und Juden in den Sieben-Gemeinden, vornehmlich der Jüdinnen und Juden in Eisenstadt.

  • Sämtliche Aktivitäten dieser Aufarbeitung wurden von der Stadt Eisenstadt begleitet und gefördert (Printpublikation über den jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt 1995, Outdoor-Projekt „Ver(BE)gangen“ 2012 in der Stadt Eisenstadt, vollständige Dokumentation des älteren jüdischen Friedhofes 2015 und vollständige Dokumentation des jüngeren jüdischen Friedhofes 2017‒18 sowie alle im Zusammenhang mit diesen Dokumentationen stehenden Aktivitäten und Veranstaltungen!).


Wir bevorzugen als jüdisches Museum alternative (!) Formen eines Denkmals aus nachvollziehbaren sachlichen Gründen. Oder mit anderen Worten: Bevor über ein Holocaust-Denkmal nachgedacht wird, müssen wir die Namen und Geschichten der Menschen kennen, die selbst bzw. deren Kinder und Kindeskinder heute nicht mehr in Eisenstadt sind. Diesen ersten Schritt halten wir für eine Conditio sine qua non.

Insbesondere die Aufarbeitung des jüngeren jüdischen Friedhofes hat im sogenannten Ge-/Bedenkjahr 2018 gezeigt, dass ‒ trotz intensiver Arbeit ‒ noch zu viele Fragen offen sind: Wir wissen nicht, was mit den Kindern und Kindeskindern von über 500 in Eisenstadt verstorbenen bzw. in den Sterbebüchern verzeichneten Jüdinnen und Juden geschehen ist, wir kennen viele Schicksale nicht von den im Jänner 1938 in Eisenstadt ansässigen 446 Jüdinnen und Juden.
Siehe besonders unseren Blogbeitrag: Gedenkjahr 2018ff.

Konkret bedeutet dies:

Bevor die Geschichte der Juden bzw. die jüdische Geschichte nicht so aufgearbeitet ist, dass die wichtigsten Fragen um das Schicksal der Jüdinnen und Juden dieser Stadt beantwortet werden können, macht ein „herkömmliches“ Denkmal wenig Sinn, schon alleine, weil es einer permanenten Überarbeitung dieses Denkmals bedürfte (zumindest wenn konkrete Zahlen und Namen auf dem Denkmal vermerkt sind, was wir aber ‒ in welcher Form auch immer ‒ für sinnvoll halten).

Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob die oben zitierte Form der Denk- und Mahnmale (mit Ausnahme Frauenkirchen!) nicht längst überholt sind und ausgedient hat. Ich zitiere Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des jüdischen Museums Berlin, der schon im Jahr 2000 (!) deutlich macht, dass

es heute längst nicht mehr reicht, „ETWAS“ zu tun, sondern dass es heute um das „WIE“ etwas geschieht, geht! Sonst droht die gesamte Arbeit zur Alibihandlung zu werden. Die althergebrachten Erinnerungsformen haben weitgehend ausgedient, sie führen heute zu Irritationen und zu Widerspruch. Eine Reduktion der Gedenk- und Erinnerungsarbeit auf das „WAS“ wird einen Gedenk-Aktionismus zur Folge haben, der noch häufig reflexartig beklatscht wird, wird aber auf jeden Fall zur Folge haben, dass die Erinnerung für viele unverständlich ist und spaltet! Sie ist nicht mehr harmonisch, die Nachfahren der Täter verstehen sie nicht, und die Nachfahren der Opfer ebenso nicht. Erinnern darf die Vergangenheit nicht bloß mumifizieren, sondern muss sie lebendig und aktuell erhalten…

W. Michael Blumenthal, Streit um die Erinnerung. Über den schwierigen Weg zu einer Ethik des Gedenkens: Der Holocaust und die Öffentlichkeit, in: Art Projects | Synagoge Stommeln | Kuntprojekte, Ostfildern-Ruit, 2000, 21ff

Wie vermeiden wir es also, dass die heimische Bevölkerung sich nach zwei Wochen am örtlichen Denk-/Mahnmal sattgesehen hat, die Touristen wenig mit dem Denkmal anfangen können und Nachfahren von Opfern im Denkmal nur einen oberflächlichen Umgang mit der sie persönlich betreffenden Geschichte ihrer Vorfahren sehen? Sind doch die meisten dieser „herkömmlichen“ Denk- und Mahnmale beliebig austauschbar, können in irgendeinem Ort aufgestellt werden, in dem einst Jüdinnen und Juden lebten, maximal der aufgedruckte Ortsname müsste ausgetauscht werden. Und selbstverständlich führt es auch zu Irritationen, wenn sich ein Denkmal nicht klar dem Verdacht einer Alibihandlung entziehen kann: entstanden nur, um „etwas“ zu tun, im schlimmsten Fall als gedenkaktionistische Form und/oder, um politisches Kleingeld zu wechseln.

Vergleichbar mit Eisenstadt ist Hohenems in Vorarlberg, wo es auch ein jüdisches Museum gibt, das sich im ehemaligen jüdischen Viertel befindet, wo es auch einen jüdischen Friedhof gibt und wo sehr viele „kleine“ Einzelheiten an die Geschichte der Hohenemser Jüdinnen und Juden erinnern (Gebäude- und Straßennamen, Stolpersteine und vor allem die permanente und lebendige Erinnerungsarbeit des Museums). Und wo es auch kein „herkömmliches“ Denk- oder Mahnmal gibt, ein solches auch derzeit gar nicht überlegt oder gefordert wird.

Es gibt also derzeit keinen Grund für Schnellschüsse, ein Denk-/Mahnmal, wie es von verschiedensten Seiten gefordert wird, umzusetzen.

Eher im Gegenteil: Es muss vor allem um eine permanente, lebendige Erinnerungsarbeit gehen, fernab von politischem Kleingeld und herkömmlichen, längst ausgedienten Erinnerungsformen, unabhängig von offiziellen Ge- und Bedenkjahren, frei vom Verdacht einer Alibiaktion.


Eine Art Conclusio sowie Ideen und Denkansätze für die Zukunft

  • Es gilt primär, die vielen offenen Fragen zu klären. Das ist ein Arbeitsprozess, der noch einige Jahre dauern, den das jüdische Museum aber mit Leidenschaft und höchster Akribie machen wird. Damit soll ein permanentes und lebendiges Erinnern gewährleistet werden. Der gesamte Arbeitsprozess wird immer wieder die Unterstützung und Einbindung der Stadt Eisenstadt benötigen (vom Matrikenamt bis hin zu finanziellen Förderungen usw.).

  • Einer der nächsten Schritte ist sicher, die schon länger mit der Stadt Eisenstadt geplante Tafel (mit Plan und Erklärungen) am jüngeren jüdischen Friedhof anzubringen (analog der Tafel am älteren jüdischen Friedhof). Auf der Tafel sollen auch die offenen Fragen angesprochen werden.

  • Begleitend zu dieser Arbeit des Museums sollte auch überlegt werden, die „Ergebnisse“ in Form von „Steinen der Erinnerung“ in der Stadt sichtbar zu machen. Auch dies wäre ein Zeichen einer permanenten, kontinuierlichen und lebendigen Gedenk- und Erinnerungsarbeit.

  • Da aber selbstverständlich auch der Vertriebenen gedacht werden soll, wäre zu überlegen, ob an einzelnen Häusern und Plätzen, oder eventuell auch mit einer zentralen Gedenktafel, in Zukunft Tafeln mit den Namen, Berufen usw. der dort früher wohnhaften Jüdinnen und Juden angebracht werden könnten. Es müssen in jedem Fall klare, richtige und nachvollziehbare Antworten gegeben werden können auf die Frage, warum es heute keine Jüdinnen und Juden in Eisenstadt gibt und was mit ihnen geschehen ist.

  • Es gibt auch schon vorbildliche Projekte, die höchsten Respekt verdienen: Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kurzwiese in Eisenstadt entwickelten im Ge-/Bedenkjahr 2018 „Das wandernde Mahnmal – ein Projekt gegen das Vergessen„. Lebendige, persönliche und konkrete Auseinandersetzung mit der Geschichte der jüdischen Schülerinnen und Schüler, mit dem Holocaust. Der ORF-Bericht beginnt mit dem Satz „In Eisenstadt gibt es bis heute keine Gedenkstätte für Opfer der Schoah“. Gibt mir, besonders im konkreten Kontext, zu denken. Hätten Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler trotzdem dieses schöne Projekt entwickelt, wenn es ein solches Denkmal gäbe in Eisenstadt? „Müssen“ sich Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler in Frauenkirchen, Kobersdorf, Deutschkreutz und Mattersburg nicht so intensiv mit der Geschichte jüdischer Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen, weil es schon ein Denkmal im Ort gibt?

  • Selbstverständlich „verschließt“ sich unser Museum einem Holocaust-Denkmal nicht a priori. So wäre für uns grundsätzlich vorstellbar, dass eine Idee für ein wirklich überlegtes, sensibel gemachtes, künstlerisch hochwertiges und nicht beliebig „austauschbares“ Denkmal einen Denkprozess für eine Gestaltung in Gang setzen könnte (vorausgesetzt, es stimmen die o.g. Parameter. Will heißen, dass es beim „Wording“ beginnt „Shoa-Denkmal“ und nicht „Holocaust-Denkmal“, dass dieses Denkmal der vertriebenen und ermordeten Juden Eisenstadts gedenkt, aber eben nicht ein Denkmal für Juden, Sinti, Roma, dass wir seriöse Zahlen und Namen haben…).
    Die lebendige und permanente Gedenk- und Erinnerungsarbeit kann aber ohnehin kein Denkmal ersetzen.


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