Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Kunst und Kultur

Berlin ’36

Im Herbst 1933 emigriert die deutsch-jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann nach England – um die Repressalien gegen jüdische Sportler in Nazi-Deutschland hinter sich zu lassen. Nur wenige Monate später kehrt Bergmann,…

Im Herbst 1933 emigriert die deutsch-jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann nach England – um die Repressalien gegen jüdische Sportler in Nazi-Deutschland hinter sich zu lassen. Nur wenige Monate später kehrt Bergmann, mittlerweile britische Meisterin, zurück – zwangsweise: Die Nazis wollen den Boykott der Berliner Olympischen Spiele abwenden, den die USA und andere angesichts der antisemitischen deutschen (Sport-)Politik erwägen. Bergmann wird mit Drohungen gegen ihre Familie unter Druck gesetzt und nach Deutschland zurückbeordert, um (wie sie formuliert: als “‘Alibijüdin'”) die internationalen Bedenken zu zerstreuen. Sie bereitet sich auf die Spiele vor, stellt den deutschen Hochsprung-Rekord ein. Im Juli 1936 schließlich, unmittelbar vor Beginn der Olympiade und damit zu spät für die Durchsetzung eines Boykotts, wird ihr aus fadenscheinigem Grund die Aufnahme in das deutsche Olympia-Team verweigert.
1937 emigriert Bergmann in die USA.
Übrigens: Den vierten Platz im Hochsprung der Damen erringt bei Olympia ’36 Dora Ratjen, während der Olympia-Vorbereitung Bergmanns Zimmerkollegin. Dora aber wird sich später Heinrich (nach Bergmann: Hermann) nennen – und ist eigentlich ein Mann …

(ausführlicher nachzulesen in Bergmanns Autobiographie: “Ich war die große jüdische Hoffnung”. Erinnerungen einer außergewöhnlichen Sportlerin. Braun: Karlsruhe 2003, hier vgl. S. 85-148)

Fraglos, eine film-reife – und nun auch tatsächlich film-gewordene Geschichte: “Berlin ’36”, die Verfilmung der Ereignisse um Gretel Bergmann, Dora Ratjen und die Nazi-Spiele von Berlin, läuft aktuell nun auch in den österreichischen Kinos.
Die ist nur leider allzu konventionell ausgefallen – und schlingert gut eineinhalb Stunden lang zwischen (recht seichter) Dramatik und (noch seichterer) Sentimentalität. Platt bleibt das alles, hochgradig klischee-verliebt und arg vorhersehbar (von der – vorsichtig gesagt – historischen Ungenauigkeit gar nicht zu reden: siehe hierzu beispielsweise die Kritik des “Spiegels” an der Darstellung der Ereignisse rund um Dora Ratjen). Da mühen sich selbst die besten Darsteller: in Nebenrollen Burgschauspielerin Maria Happel und Münsters “Tatort”-Kommissar Axel Prahl, vergeblich.

Der Trailer zum Film:


Am Ende des Films schließlich erzählt die heute 95-jährige Gretel Bergmann selbst, in einem nur wenige Minuten dauernden Interview: über Dora/Heinrich Ratjen – und wie Olympia ’36 sie bis in ihre Träume verfolgt … das hätte man sich gern auch in Spielfilmlänge gefallen lassen!
Die 90 Minuten davor sind (meines Erachtens) hingegen entbehrlich …


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir das (zum deutschen Kinostart erschiene) Spiegel-Interview mit Gretel Bergmann.


2 Kommentare zu Berlin ’36

Bild der Woche – Chanukkaleuchter

Der Chanukkaleuchter stammt aus der Gemeindesynagoge Eisenstadts, vielleicht sogar aus der ehemaligen privaten Synagoge Samson Wertheimers. Er wurde erst 1972 im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Genisa unserer kleinen Synagoge…

Der Chanukkaleuchter stammt aus der Gemeindesynagoge Eisenstadts, vielleicht sogar aus der ehemaligen privaten Synagoge Samson Wertheimers. Er wurde erst 1972 im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Genisa unserer kleinen Synagoge gefunden und befindet sich heute in der Dauerausstellung des Museums. Eine Genisa (hebräisch “Archiv, Schatzkammer”) ist ein Raum, in dem unbrauchbar gewordene heilige Bücher oder andere Kultgegenstände aufbewahrt werden, oft, bevor sie rituell begraben werden.

Chanukkaleuchter, Nürnberg, ca. 1680

Chanukkaleuchter aus massivem Messing, Nürnberg ?, Ende 17. Jahrhundert


Heute ist der zweite Tag Chanukka. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres Blogs ein fröhliches Chanukkafest – חג חנוכה שמח לכולם!



Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


Keine Kommentare zu Bild der Woche – Chanukkaleuchter

Der jüdische Barbier und das Neue Testament

Am vergangenen Wochenende zeigte das Wiener Filmmuseum, im Rahmen einer umfassenden Werkschau, Charlie Chaplins “Großen Diktator“. Chaplin hat sich darin bekanntlich zweifach besetzt, als jüdischen Barbier und tomanischen Diktator, um…

Am vergangenen Wochenende zeigte das Wiener Filmmuseum, im Rahmen einer umfassenden Werkschau, Charlie ChaplinsGroßen Diktator“.
Chaplin hat sich darin bekanntlich zweifach besetzt, als jüdischen Barbier und tomanischen Diktator, um am Ende beide Figuren in einem aberwitzigen Rollentausch zusammenzuführen: Chaplin, der Diktator, wird irrtümlich arrestiert, Chaplin, der jüdische Barbier, nimmt seinen Platz ein – und schreitet zur finalen Propaganda-Rede, die er in einen großartig-pathetischen Appell für Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie verkehrt.

Was an dieser Schluss-Ansprache auffällt (und mir tatsächlich beim Wieder-Sehen im Filmmuseum erstmals aufgefallen ist): Der jüdische Barbier (nun in seiner Rolle als Diktator) hat auch ein passendes Bibelwort parat – das stammt aber nicht, wie zu erwarten, aus dem Tanach, sondern aus dem Neuen Testament, genauer aus dem 17. Kapitel des Lukasevangeliums:

Lukas 17,20f

Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.

Im obigen Clip ab 3:17!

Der jüdische Barbier zitiert also verblüffenderweise ein neutestamentliches Jesus-Wort.
Ausdruck einer erzählerischen Nachlässigkeit? Möglich.
Denkbar wäre allerdings auch, dass dieses Aus-der-Rolle-Fallen nicht irrtümlich, sondern aus guten, quasi erzähl-taktischen Gründen geschieht, nämlich: um den fiktionalen Rahmen zu sprengen – ein Wink also, der dem Zuschauer zu verstehen geben soll, dass nun nicht länger der fiktive Charakter des jüdischen Barbiers spricht, sondern Chaplin selbst, der sich mit einem finalen Humanitäts-Appell an sein Kinopublikum wendet …

Ich bin mit der Chaplin-Literatur nicht vertraut genug, um beurteilen zu können, ob dieser Umstand bereits anderweitig diskutiert oder gar geklärt wurde bzw. ob ähnliche Mutmaßungen schon andernorts angestellt wurden, kann also für deren Originalität nicht garantieren … die englischsprachige Wikipedia scheint jedenfalls im Grundsatz dieselbe Richtung einzuschlagen, wenn sie – allerdings ohne Beleg und ohne Bezug auf das Lukas-Zitat – erklärt, die Schlussansprache

is widely interpreted as an out-of-character personal plea from Chaplin

Weitere sachdienliche Hinweise werden dankend entgegengenommen … ;-)

Keine Kommentare zu Der jüdische Barbier und das Neue Testament

Bild der Woche – Jagdszene

In der vergangenen Woche erhielten wir eine sehr nette Anfrage vom Autor einer Dalmatiner-Chronik, dem im Zuge seiner Recherchen Darstellungen von Jagdszenen (mit Dalmatinern) in jüdischen Handschriften aufgefallen sind. Das…

In der vergangenen Woche erhielten wir eine sehr nette Anfrage vom Autor einer Dalmatiner-Chronik, dem im Zuge seiner Recherchen Darstellungen von Jagdszenen (mit Dalmatinern) in jüdischen Handschriften aufgefallen sind.

Das aus dem 14. Jahrhundert stammende Blatt (fol. 29v) aus einer spanischen Pesach-Haggada (John Rylands Universitätsbibliothek in Manchester) zeigt am unteren Bildrand einen Hasenjäger, dessen schwarz-weiß gefleckter Hund einen Hasen jagt. Der gefleckte Hund symbolisiert die Inquisition, die einen Juden (Hasen) verfolgt. Repräsentanten der Inquisition waren die Dominikaner, deren Ordenskleid schwarz-weiß ist.

Jagdszene in der John Rylands Haggada

Die Jagdszenen sind ein Symbol für die Verfolgung der Juden, die Hunde und Jäger daher das Symbol für die christliche Kirche. Da solche Jagdszenen auch in der christlichen Kunst ohne ideologische Hintergründe verbreitet waren, konnten auf diese Weise antijüdische Haltungen zum Ausdruck gebracht werden.


Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


1 Kommentar zu Bild der Woche – Jagdszene

Finde:

Generic selectors
Nur exakte Ergebnisse
Suche im Titel
Suche im Inhalt
Suche in Beiträgen
Suche in Seiten
rl_gallery
Filter nach Kategorien
Abbazia / Opatija
Cheder
Ebenfurth
Fiume / Rijeka
Friedhof Eisenstadt (älterer)
Friedhof Eisenstadt (jüngerer)
Friedhof Kobersdorf
Friedhof Mattersburg
Friedhof Triest
Friedhof Währing
Genealogie
Karmacs
Kunst und Kultur
Leben und Glaube
Mitbringsel / Souvenirs
Podcasts
Salischtschyky / Zalishchyky
Veranstaltungen
nach oben