Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Leben und Glaube

Gelehrte, Rabbiner und ein Geizhals

Krakau: Im jüdischen Viertel Kazimierz Die Einladung zu einem Vortrag führte mich vergangene Woche nach Krakau. Besondere Faszination auf mich hat der alte jüdische Friedhof, besser bekannt als REMU- oder…

Krakau: Im jüdischen Viertel Kazimierz

Die Einladung zu einem Vortrag führte mich vergangene Woche nach Krakau.

Besondere Faszination auf mich hat der alte jüdische Friedhof, besser bekannt als REMU- oder REMA-Friedhof, der 1552 angelegt wurde und auf dem sich Grabsteine befinden, die zu den ältesten Polens gehören. Allerdings muss deutlich angemerkt werden, dass der Friedhof heute zu einem überwiegenden Teil eher ein Lapidarium als ein Friedhof im engeren Sinn des Wortes ist, da sehr viele Grabsteine nicht auf ihrem ursprünglichen Platz stehen.

Nach der weitgehenden Zerstörung des Friedhofes in der Schoa sind nur wenige Grabsteine erhalten geblieben. Unter diesen war das Grabdenkmal von Rabbiner Moses Isserles (hebräisches Akronym: רמ“א REMA oder REMU, auch genannt der Maimonides Polens“), der Lag Ba-Omer 332 = 1. Mai 1572 starb und Vorfahre von Moses Mendelssohn und Felix Mendelssohn-Bartholdy war.
Als der erste Nazi ansetzte, seinen Grabstein zu zerstören, soll er wie vom Blitz getroffen, tot umgefallen sein. Danach verzichteten die Deutschen auf die Zerstörung, für viele Juden ein Beweis für die Wunderkraft des Rabbiners.
Das Grab von Rabbiner Moses Isserles, der vor allem durch sein umfangreiches Kommentarwerk berühmt wurde, ist das Ziel tausender orthodoxer Jüdinnen und Juden aus aller Welt.

Auf seinem Grabstein ist in der vierten Zeile von unten zu lesen:

ממשה עד משה לא קם כמשה בישראל
Von Moses (Maimonides) bis Moses (Isserles) war in Israel keiner wie Moses.

Neben Moses Isserles befinden sich die Grabsteine seiner 1617 verstorbenen Schwester Mirjam Bella Horowitz und seines Vaters Israel ben Josef, Kaufmann und Bankier, gest. 1568, dem Stifter der REMU-Synagoge, die sich gleich neben dem Friedhof befindet. Bei diesen beiden Grabsteinen ersetzen die senkrechten Vorderplatten die zerstörten originalen Grabdenkmäler.

Ganz hinten am Friedhof finden wir den Grabstein des großen Rabbiners und Gelehrten sowie Schüler des als Rabbi Löw bekannten Maharal von Prag, Gerschon Saul Jomtov Lipmann Heller, und gleich neben ihm, fast unscheinbar, das Grab von „Jossel, dem heiligen Geizhals“.

Jomtov Lipmann Heller kam 1625 als Rabbiner nach Wien, nachdem er zuvor schon Rabbinatsassessor in Prag und ab 1624 Rabbiner in Nikolsburg gewesen war. Nur zwei Jahre blieb er in Wien, 1627 findet man ihn schon wieder in Prag.

„Wiewohl die Gemeinde von Wien durch Ehrenbezeugungen und Geldspenden mich zu behalten suchte, trug mich mein Herz dennoch nach Prag“

schreibt Heller in seinen Erinnerungen (zitiert nach Brugger, Keil u.a., Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, 290)

…dass es sich bei dem Wechsel nach Prag eindeutig um einen beruflichen Aufstieg handelte. Aber auch in dieser Position blieb er nicht lange… wurde er 1629 beim Kaiser wegen Bestechlichkeit und Verletzung der Religion durch seine Schriften denunziert, worauf er nach Wien gebracht wurde und dort 40 Tage inhaftiert war, bis die Wiener Judenschaft eine Kaution in Höhe von 10.000 Gulden für ihn erlegen konnte…
Unehrenhaft entlassen, war Heller nun an verschiedenen Rabbinaten tätig, bis er schließlich 1654 in Krakau starb.

Brugger, Keil u.a., Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, 290)

Aber warum sind die beiden, der große Gelehrte und Rabbiner und der Geizhals nebeneinander begraben? Wir haben die Geschichte schon auf unserer Facebookseite kurz erzählt, sie sei aber hier noch einmal erwähnt, da es kaum deutschsprachige Quellen für sie gibt.

Jossel war im 17. Jahrhundert ein reicher Bürger des jüdischen Viertels von Krakau und ‒ so glaubten alle ‒ zu geizig, um Zedaka (Wohltätigkeit) zu üben. Als er starb, begruben sie ihn daher ganz hinten am jüdischen Friedhof, wo die Armen und Verstoßenen liegen. Aber unmittelbar nach seinem Tod brach Armut über das jüdische Viertel herein und die Menschen erkannten plötzlich, dass Jossel sie immer geheim mit Geld und Gütern versorgt hatte. Sie baten ihren Rabbiner um Hilfe. Dieser ließ am Grabstein von Jossel den Zusatz „HaZadik“ (der Gerechte) eingravieren. Der Rabbiner soll Jomtov Lipmann Heller gewesen sein, der verfügte, nach seinem Tod 1654 neben Jossel begraben zu werden.

Literaturnobelpreissträger Isaac Bashevis Singer setzte Rabbiner Jomtov Lipmann Heller in seinem Erstlingswerk „Satan in Goraj“ (1934) in der Gestalt des Rabbi Benisch Aschkenasi ein literarisches Denkmal (übrigens: die Ehefrau von Rabbiner Heller war Rachel, Tochter des Aaron Moses Aschkenasi). Nach dem großen Pogrom durch die Kosaken und Tataren (siehe Chmelnzkyj-Aufstand) warteten und hofften die Bürger Gorajs auf das baldige Erscheinen des Messisas, der in Gestalt des Schabbtai Zvi, geboren 1626 in Smyrna (heutige Türkei) erscheinen sollte. Der böse und dämonische Gedalja treibt die Menschen von Goraj zu immer wüsteren Handlungen, ein Mädchen stirbt schließlich, Rabbi Benisch hatte Goraj zu diesem Zeitpunkt längst in Richtung Lublin verlassen.

Die letzten Bürger, die nach Goraj zurückkehrten, waren der alte und hochangesehene Rabbi Benisch Aschkenasi und Reb Eleasar Babad, früher der reichste Mann der Gemeinde und ihr Vorsteher…

Rabbi Benisch Aschkenasi war der Nachfolger vieler Generationen von Rabbis. Er, der Verfasser von Kommentaren und Responsen, Mitglied des Rates der Vier Provinzen, galt als einer der klügsten und gelehrtesten Männer seiner Zeit…

Gegenüber von REMU-Synagoge und Friedhof befindet sich eine umzäunte Grünfläche, auf der sich am südlichen Ende ein Denkmal für die 65.000 in der Schoa ermordeten Jüdinnen und Juden aus Krakau befindet. Der Zaun besteht aus aneinandergereihten Menorot (siebenarmigen Leuchtern), die bebaumte Grünfläche war einst der Vorgängerfriedhof des REMU-Friedhofes, bestand also bis 1552.

Diese Fläche bzw. dieser einstige Friedhof hängt mit einer Legende zusammen, die variantenreich erzählt wird und die örtliche Tradition, am Freitag keine Hochzeiten abzuhalten, erklärt:

Ein reicher Jude in Krakau beschloss seine Tochter mit einem geeigneten Kandidaten, also einem Ehemann aus einer ebenso reichen Familie aus einer anderen Stadt, zu vermählen. Die Hochzeitsfeier sollte in dem Haus vor der REMU-Synagoge stattfinden.

Die Trauung war zwar für Freitagmittag geplant, aber eben um diese Zeit war klar, dass die Familie des Bräutigams nicht rechtzeitig nach Krakau kommen würde. Es war bald auch klar, dass es nicht zu schaffen ist, die Feierlichkeiten vor Beginn des Schabbat abzuhalten.

Der Vater der Braut, ein sehr frommer Jude, wollte die Feier verschieben, doch die Eltern des Bräutigams wollten davon nichts wissen. Der Rabbiner, vom Brautvater um dringenden Rat gebeten, riet ihm, eine kurze Hochzeit abzuhalten und danach gleich in die Synagoge zu kommen und zu beten.

Die Feierlichkeiten begannen, die Gäste feierten ausgelassen, tanzten bei lauter Musik, aßen und tranken reichlich. Niemand bemerkte oder wollte bemerken, wie spät es wurde und dass die Zeit des Schabbats gekommen war. Sie hörten also nicht auf den Rat des Rabbiners und die Strafe folgte auch sogleich:

Plötzlich fing die Erde an zu beben und öffnete sich unter den Füßen der Hochzeitsgäste. Das Haus, in dem die Hochzeit stattfand, wurde von der Erde verschlungen, alle Hochzeitsgäste lebendig begraben. Niemand wagte es sie auszugraben, die Stelle wurde zugeschüttet und umzäunt.

Angeblich kann man bis heute in der Nähe der Synagoge das Gejammer und Geflüster der Hochzeitsgäste hören.

Siehe v.a. Skora Jaroslaw, Krakauer Legenden, o.O. 2018

Soweit die Legende. Ganz erfunden ist das alles nicht, es gab wirklich unter Rabbiner Moses Isserles eine Hochzeit im 16. Jahrhundert in Kazimierz. Da die Braut eine Waise war und die im Ehevertrag vereinbarte Mitgiftsumme nicht rechtzeitig eingetroffen ist, schob der Rabbiner den Schabbatgottesdienst zeitlich etwas nach hinten, bis die Summe eingetroffen war. Obwohl er dafür von vielen Gelehrten scharf kritisiert wurde, verteidigte er seine Haltung vehement und mit großer Gelehrsamkeit: Dass nämlich das Verbot, am Schabbat Hochzeiten abzuhalten, nicht unmittelbar aus der Tora abgeleitet wurde, sondern von den rabbinischen Gelehrten. Und dass diese doch mit diesem Gesetz sicher nicht einer armen Waisen schaden wollen.


Nicht weit vom alten jüdischen Friedhof liegt der sogenannte neue jüdische Friedhof, der aber hier nur kurz erwähnt werden soll. Um 1800 entstanden, befinden sich auf 4.5 Hektar etwa 10.000 Grabsteine. Einige Fotos sollen einen ersten, nur überblicksmäßigen Eindruck des Friedhofes vermitteln:


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Schawu’ot 5782

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot! חג שבועות שמח! Am 2. Tag von Schawuot wird traditionell das biblische Buch Rut gelesen. Dieses hat 4…

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!


Am 2. Tag von Schawuot wird traditionell das biblische Buch Rut gelesen. Dieses hat 4 Kapitel und 85 Verse. Rut ist eine der fünf Festrollen (Megillot, neben Ester, Hoheslied, Kohelet und Klagelieder).

Im 4. Kapitel, Vers 12, wird auch Tamar erwähnt:

Dein Haus gleiche dem Haus des Perez, den Tamar dem Juda geboren hat, durch die Nachkommenschaft, die der HERR dir aus dieser jungen Frau geben möge.

Tamar ist die Schwiegertochter von Juda, der sie unwissentlich geschwängert hatte. Die Geschichte kennen wir aus Genesis 38:
Juda, der vierte Sohn Jakobs, sah am Wegesrand Tamar, die er für eine Dirne hielt und wollte zu ihr kommen. Sie verlangte von ihm als Pfand für den von ihm versprochenen Ziegenbock seinen Siegelring, seine Schnur und den Stab in seiner Hand. Tamar wurde schwanger, was dem Juda gemeldet wurde. Dieser verfügte, dass sie wegen der begangenen Unzucht verbrannt werden sollte.

Als man sie hinausführte, schickte sie zu ihrem Schwiegervater und ließ ihm sagen: Von dem Mann, dem das gehört, bin ich schwanger. Auch ließ sie sagen: Sieh genau hin: Wem gehören der Siegelring, die Schnüre und dieser Stab?

Genesis 38,25

Juda erkannte sein Pfand und dass Tamar im Recht war, da Juda ihr einen Kindsvater, nämlich seinen jüngsten Sohn Schela, verweigert hatte. Tamar gebar die Zwillinge Perez und Serach.

Die jüdische Holzschnitt-Bilderbibel des Moses dal Castellazzo (1466-1526) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ist einer der schönsten Beweise für die Existenz eines im 15. Jahrhundert vorhandenen rabbinisch-jüdischen Bibelbilderzyklus.
Moses dal Castellazzo, Sohn des Gelehrten Abraham Sachs, der im 15. Jahrhundert aus Deutschland nach Italien eingewandert war, wurde schon in jungen Jahren mit der religiösen jüdischen Traditionsliteratur vertraut gemacht. 1521 bat er den Dogen von Venedig um die Gewährung des Privilegs, eine von ihm geschaffene Holzschnittfolge zu den fünf Büchern Mose zehn Jahre lang allein im Raum von Venedig drucken und verkaufen zu dürfen. Das Original dieser Holzschnitt-Bilderbibel ist heute nicht mehr erhalten, das Druckverfahren, dessen sich Moses bediente, war völlig veraltet und eine billige Technik, um nicht wohlhabende Käuferschichten zu erreichen. Dabei wurden auch die Sprachen der Käufer berücksichtigt: Italienisch, Judendeutsch und vielleicht Spagnolisch.

Eine der beiden Bibelszenen im Werk des Moses dal Castellazzo, die ihre Vorlagen im 11. Jahrhundert haben, ist die Darstellung von der Verurteilung Tamars zum Tod auf dem Scheiterhaufen durch Juda:

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, Folio 34, Verurteilung Tamars zum Tod

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, Folio 34, Verurteilung Tamars zum Tod


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Inschriften in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf II

Schon am 20. Juli 2020 waren in der ehemaligen Synagoge von Kobersdorf bei den Renovierungsarbeiten zwei Inschriften zu erkennen, die hier im Blog transkribiert und übersetzt wurden. Beide Inschriften waren…

Schon am 20. Juli 2020 waren in der ehemaligen Synagoge von Kobersdorf bei den Renovierungsarbeiten zwei Inschriften zu erkennen, die hier im Blog transkribiert und übersetzt wurden. Beide Inschriften waren damals aber noch nicht gänzlich freigelegt, in den folgenden zwei Jahren wurden zudem noch weitere Inschriften entdeckt.

Daher sollen in einem zweiten Blogartikel alle vier freigelegten und vom Restaurator mittlerweile größtenteils lesbar gemachten Inschriften hier vorgestellt und erklärt werden:

Inschrift über der Nische für das Handwaschbecken im Vorraum



Die Inschrift

Inschrift Handwaschbecken II Synagoge Kobersdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Ich wasche meine Hände in Unschuld und umschreite deinen Altar, Herr. ארחץ בנקיון כפי ואסובבה את מזבחך ה’


Anmerkungen

Psalm 26,6 אֶרְחַ֣ץ בְּנִקָּיֹ֣ון כַּפָּ֑י וַאֲסֹבְבָ֖ה אֶת־מִזְבַּחֲךָ֣ יְהוָֽה׃.

Im masoretischen, also vokalisierten Text in der hebräischen Bibel ist das vierte Wort defektiv geschrieben וַאֲסֹבְבָ֖ה, in der Synagogeninschrift plene ואסובבה, wohl wegen der unvokalisierten Schreibung.

Das Tetragramm, also jene vier Buchstaben, die den Namen Gottes bezeichnen, ist in der Inschrift in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf mit einem ה (für יהוה) abgekürzt. Vgl. auch die Inschrift über der Tür zum Hauptraum unten.


Inschrift über der Tür zum Hauptraum



Die Inschrift

Inschrift Türe Synagoge Kobersdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Gesegnet sei, der da kommt, im Namen des HERRN! ברוך הבא בשם ה’


Anmerkungen

Psalm 118,26a בָּר֣וּךְ הַ֭בָּא בְּשֵׁ֣ם יְהוָ֑ה.

Das Tetragramm, also jene vier Buchstaben, die den Namen Gottes bezeichnen, ist in der Inschrift in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf abgekürzt. Sehr wahrscheinlich mit einem ה (für יהוה), vgl. die Inschrift über dem Waschbecken oben.


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, rechts von der Tür zum Hauptraum


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, rechts neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf

Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, rechts neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf


Die Inschrift

Inschrift Spendenboxen rechts Synagoge Kobersdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Ein Geschenk im Geheimen besänftigt den Zorn. מתן בסתר יכפה אף


Anmerkungen

Sprüche 21,14a מַתָּ֣ן בַּ֭סֵּתֶר יִכְפֶּה־אָ֑ף.
Gemeint ist natürlich der Zorn Gottes.

Die selbe Inschrift bzw. der selbe Vers als Inschrift befindet sich auch über der Spendenbox in der Synagoge im Wertheimerhaus (Österreichisches Jüdisches Museum), dort allerdings als Akrostychon: Es werden nur die jeweils ersten Buchstaben der Worte im Vers geschrieben. Siehe unseren Blogartikel.


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, links von der Tür zum Hauptraum


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, links neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf

Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, links neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf


Die Inschrift


Anmerkungen

Diese Inschrift wurde vom Restaurator noch nicht bearbeitet (Stand 15. Mai 2022). Sobald dies geschehen ist und ich ein aktuelles Foto habe, werde ich das Foto oben selbstverständlich sofort austauschen.

Zeile 1: Diese Zeile war 2020 noch nicht freigelegt. Obwohl nur zweieinhalb Buchstaben zu sehen sind, ist die Lesung praktisch sicher.

Zeile 2: Vor ארץ ישראל befindet sich noch ein Wort, ob dieses aus drei oder vier Buchstaben besteht, ist aber schwer zu sagen. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass der letzte Buchstabe dieses Wortes ein ת ist, was die Lesung קופת (4 Buchstaben) oder קפת (3 Buchstaben) nahelegt.
Siehe dazu vor allem die Kommentare von Meir Deutsch zum Blogartikel von 2020!

Die Gelder für „Erez Israel“, also das Heilige Land, werden Chalukka חלוקה „Verteilung“ genannt und waren für die armen Leute bestimmt, siehe etwa den Artikel in der Jewish Encyclopedia darüber.

Rabbiner Esriel Hildesheimer (1820-1899), der „deutsche Doktor“ (wie er genannt wurde), Rabbiner in Eisenstadt von 1851 bis 1869, sammelte alljährlich im ganzen Land Geld für die aus Östererich-Ungarn stammenden Jüdinnen und Juden in Palästina und arbeitete für sie Projekte aus, die sich als ausgesprochen nützlich erweisen sollten.

Zeile 1 und 2: Über drei Buchstaben befinden sich Punkte, die ziemlich sicher auf eine Jahreszahl hinweisen. Diese würden, bezieht man das ל (Zahlenwert 30) in die Jahreszahl mit ein, 434 ergeben, also umgerechnet 1674. War auch über dem ר (Zahlenwert 200) von ארץ oder von ישראל ein Punkt (der heute nicht mehr sichtbar ist), wären wir bei 634 und umgerechnet bei 1874. Möglich, dass damals die Spendenboxen eingebaut, jedenfalls aber beschriftet wurden.
Interpretieren wir das ל als Abbreviatur für לפ“ק „nach der kleinen Zeitrechnung“, sehen wir auf den beiden Buchstaben in der 1. Zeile heute nur noch den addierten Zahlenwert 404 (ת ist 400 und ד ist 4), also 1644. Dann fehlen allerdings noch (mindestens) 216, um auf 1860, das Gründungsjahr der Synagoge von Kobersdorf zu kommen. Alles weitere ist, fürchte ich, wenig zielführende Spekulation.
Die Punkte über den drei Buchstaben reichen jedenfalls nicht aus, um einigermaßen sichere Schlüsse über die Jahreszahl (und um eine solche handelt es sich höchst wahrscheinlich) zu ziehen.


Vielen lieben Dank für die Kommentare an Meir Deutsch und für das Korrekturlesen der letzten neu freigelegten Inschrift an Claudia Markovits Krempke, beide Israel!


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Jüdisches Museum meets Kobersdorf

Wir freuen uns sehr, dass wir auch im Veranstaltungsprogramm der neu renovierten ehemaligen Synagoge von Kobersdorf dabei sind. Veranstaltungsübersicht Führungen Synagoge für Schulgruppen: 3. Mai, 25. Mai, 15. Juni, 27….

Wir freuen uns sehr, dass wir auch im Veranstaltungsprogramm der neu renovierten ehemaligen Synagoge von Kobersdorf dabei sind.

Veranstaltungsübersicht


Kobersdorf war der Kurort der ehemaligen Sieben-Gemeinden, der berühmten sieben heiligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes. Die Kobersdorfer Juden wurden auch die „Einzeiligen“ genannt, weil sie vor allem auf der „Straßenseite“ der Synagoge wohnten (Schlossgasse), während sich gegenüber, also auf der anderen Straßenseite, das Schloss Kobersdorf befand.

Fährt man im Jahr 2022 nach Kobersdorf, in einen Ort, in dem es, wie in allen anderen ehemaligen jüdischen Gemeinden, heute keine jüdische Gemeinde mehr gibt, scheint mir, als spüre man in dem sehr beschaulich wirkenden Ort noch immer die jüdische Geschichte. Vor allem am kurzen Fußweg zwischen Synagoge und jüdischem Friedhof.

Beide (heute) Erinnerungsorte in Kobersdorf lassen vor allem bei einem gemeinsamen Besuch die Geschichte der Juden begreifen:

Die ehemalige Synagoge, wurde am 11. April 1860 unter Rabbiner Abraham Shag Zwebner eingeweiht. Rabbiner Zwebner verließ 13 Jahre später Kobersdorf in Richtung Jerusalem, seine Frau Leni, geb. Spitz, war schon 1863 gestorben und ist am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben. Unmittelbar neben den großen Gelehrten und Rabbinern der Familie Alt.

1895, als auch 4 jüdische Todesopfer in der schrecklichen Hochwasserkatastrophe von Kobersdorf zu beklagen waren, wurde auch die Synagoge innen total vernichtet, berichtet die zeitgenössische Presse:

Der Tempel ist innen total vernichtet, blos die vier Wände stehen. Der weitbekannte Rabbi Lazar Alt flüchtete auf einen Sparherd und rettete dadurch sein Leben.

Ödenburger Zeitung, 8. Juni 1895, zitiert nach Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.O, o.J., 75

Neuerlich und endgültig zerstört wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten 1938. Nach einer sehr wechselvollen Geschichte in den Jahrzehnten nach 1945 wurde die Synagoge 2019 vom Land Burgenland gekauft und mit den Renovierungsarbeiten begonnen. Am 26. April 2022 wurde die ehemalige Synagoge ‒ prächtig renoviert ‒ offiziell eröffnet.

Jüdischer Waldfriedhof Kobersdorf

Etwa 10 Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt liegt der jüdische Friedhof Kobersdorf, wohl einer der beeindruckendsten und „schönsten“ jüdischen Friedhöfe in Österreich. Ein Waldfriedhof mit heute etwa 650 Grabsteinen, die so wie alle jüdischen Friedhöfe im Burgenland, ausschließlich hebräische Grabinschriften haben.
Alle Grabsteine erzählen Geschichten:

Detail Grabstein Michael Bauer, 06. März 1898

Detail Grabstein Michael Bauer, 06. März 1898


Nahe dem Eingang befindet sich der Grabstein des Schulklopfers von Kobersdorf, ein armer Halbnarr, der die Aufgabe hatte, die Gemeindemitglieder durch Klopfen mit seinem Hammer zum Gemeindegottesdienst in die Synagoge zu holen. Auf seinem Grabstein befindet sich ‒ wahrscheinlich weltweit einzigartig ‒ ein Berufssymbol seiner Aufgabe, ein Hammer.

Nur wenige Meter vom Grabstein des Schulklopfers entfernt finden wir die 4 jüdischen Todesopfer der Hochwasserkatastrophe vom 06. Juni 1895. Moritz Meier, einer der Todesopfer, wurde erst vier Monate nach der Katastrophe, am 16. Oktober 1895 gefunden. In seiner hebräischen Grabinschrift lesen wir in der letzten Zeile:

Inschrift Zeile7: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[Zeile 7] Erst nach 4 Monaten fand er Ruhe. רק אחר ד“ חדשים מצא מנוחה

Grabsteine der Familie Alt

Ganz oben, in der nordwestlichen Ecke des Friedhofes befindet sich eine Formation von Grabsteinen, die den Eindruck erweckt, als hätte sich die Familie Alt, über Generationen Gelehrte und Rabbiner, hier zum Gruppenfoto eingefunden, um 160 Jahre jüdische Geschichte von Kobersdorf zu erzählen.

Und ganz unten, rechts vom Eingang in den Friedhof, finden sich mehrere „Haufen“ mit aufgeschichteten Grabsteinen und Grabsteinfragmenten, darunter ein über Jahrzehnte unbeachtetes und leider heute nicht mehr lokalisierbares Grabsteinfragment des einzigen historischen Genisagrabes Österreichs.

Dieses kleine Grabsteinfragment erzählt die so traurige und tragische Geschichte des letzten Rabbiners von Kobersdorf, Simon Goldberger, und seiner Familie, seiner Frau Paula und seiner drei minderjährigen Kinder Lazar, Hermann und Isidor, die alle in Auschwitz ermordet wurden.


Die Veranstaltungen des Österreichischen Jüdischen Museums


Führungen für Schulgruppen in der Synagoge

Die ehemalige Synagoge Kobersdorf – eintreten, erfahren, staunen: Grundlegendes über Synagoge, Gottesdienst und Tora und die jüdische Gemeinde Kobersdorf.

Termine: 3. Mai, 25. Mai, 15. Juni, 27. Juni, 22. Juli, 14. September, 29. September, 21. Oktober 2022 – Beginn jeweils um 09.30 Uhr
Dauer: 1 Stunde

Beitrag: € 2 (pro TeilnehmerIn)
Treffpunkt: Ehemalige Synagoge Kobersdorf, Schlossgasse, 7332 Kobersdorf

Bitte beachten Sie:

  • Anmeldung unbedingt jeweils bis 2 Tage vor der Veranstaltung erforderlich (telefonisch: +43 (0)2682 65145 oder per E-Mail: info@ojm.at).




Führungen am Waldfriedhof in Kobersdorf (auf Wunsch auch Besichtigung der Synagoge möglich)

Der jüdische Friedhof Kobersdorf ist wohl einer der beeindruckendsten und „schönsten“ jüdischen Friedhöfe in Österreich. Ein Waldfriedhof mit heute etwa 650 Grabsteinen, die so wie alle jüdischen Friedhöfe im Burgenland, ausschließlich hebräische Grabinschriften haben. Alle Grabsteine erzählen Geschichten: Solche mit Augenzwinkern wie über den armen Halbnarren, der Schulklopfer in Kobersdorf war. Geschichten über die großen Gelehrten der jüdischen Gemeinde, die wie zu einem Gruppenfoto am Friedhof aufeinander treffen. Und dramatische Geschichten wie über die vier jüdischen Todesopfer bei der schrecklichen Hochwasserkatastrophe 1895 oder ein Grabsteinfragment, das uns die Tragödie des letzten Rabbiners der Gemeinde vor Augen führt (siehe oben Einleitung).

Die Führungen macht Johannes Reiss, immer an einem Sonntag:

Termine: 15. Mai (10.30 Uhr), 12. Juni (10.30 Uhr), 10. Juli (18 Uhr), 17. Juli (18 Uhr), 24. Juli (18 Uhr), 31. Juli (18 Uhr), 21. August (10.30 Uhr), 11. September (10.30 Uhr) (29. August 2022: dieser Termin musste leider storniert werden), 23. Oktober (10.30 Uhr)
Dauer: ca. 60-90 Minuten

Beitrag: € 10 (pro TeilnehmerIn)
Männer bitte eine Kopfbedeckung mitnehmen.
Treffpunkt: Jüdischer Friedhof Kobersdorf, Waldgasse, rechte Seite, gleich nach dem Haus Nummer 42 (Google Maps Plus Code: H9WP+58 Kobersdorf), 7332 Kobersdorf.
Der jüdische Friedhof ist in Kobersdorf sehr gut beschildert und mit dem Auto ist die Zufahrt bis vor den Friedhof möglich.

Bitte beachten Sie:

  • Anmeldung unbedingt jeweils bis 2 Tage vor der Veranstaltung erforderlich, Führung findet ab mindestens 5 Personen statt (telefonisch: +43 (0)2682 65145 oder per E-Mail: info@ojm.at).




Außerdem möchten wir gerne zu zwei Vorträgen bzw. Workshops hinweisen, die im Rahmen des Programms der Burgenländischen Volkshochschulen stattfinden:

Vortrag Johannes Reiss:
Deutsch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch, Latein und Griechisch?
Über die Sprachvielfalt in den ehemaligen jüdischen Gemeinden.

Jüdinnen und Juden sprachen ein schöneres Deutsch als ihre nichtjüdische Umgebung, im jüdischen Zentralarchiv finden wir Dokumente auf Hebräisch und solche auf Deutsch, aber mit hebräischen Buchstaben geschrieben, auf allen jüdischen Friedhöfen gibt es nur hebräische Grabinschriften, auf der Jeschiwa, der jüdischen Hochschule, wurde Latein und Griechisch unterrichtet, und die Wissenschaft behauptet, dass im Burgenland neben Deutsch und Ungarisch auch Jiddisch gesprochen wurde…
Wir versuchen, die fast schon babylonische Sprachenverwirrung in den ehemaligen jüdischen Gemeinden der Region ein wenig zu entschlüsseln.

Termine:
02. Mai 2022 ehemalige Synagoge Kobersdorf, 18 Uhr
16. Mai 2022 Österreichisches Jüdisches Museum, 18 Uhr




Vortrag bzw. mehr Workshop, Johannes Reiss:
Hilfe, ich kann nicht Hebräisch…

… ich möchte aber gerne wissen, was in einer hebräischen Grabinschrift steht.
In ca. 1 Stunde lernen wir Namen und Sterbedatum auf hebräischen Grabinschriften zu identifizieren und zu lesen.

Termine:
13. Juni 2022 jüdischer Friedhof Kobersdorf, 15 Uhr
20. Mai 2022 Österreichisches Jüdisches Museum, 15 Uhr
(wir gehen natürlich dann gemeinsam zum älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt)


Alle Veranstaltungen in bzw. rund um die renovierte ehemalige Synagoge Kobersdorf siehe Website Land Burgenland!


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Der Schulklopfer

Der Grabstein mit dem Hammer Obwohl ein eher unscheinbarer Grabstein, kann er kaum übersehen werden. Nahe dem Friedhofseingang des jüdischen Friedhofes Kobersdorf befindet sich der Grabstein des Michael (Leser) Bauer,…

Der Grabstein mit dem Hammer

Obwohl ein eher unscheinbarer Grabstein, kann er kaum übersehen werden. Nahe dem Friedhofseingang des jüdischen Friedhofes Kobersdorf befindet sich der Grabstein des Michael (Leser) Bauer, der am 04. März 1898 verstorben ist. Er war der Schulklopfer der jüdischen Gemeinde und er wurde mit seinem Hammer begraben. Auch auf dem Grabstein findet sich das Symbol des Hammers, in diesem Fall also wohl ein sogenanntes Berufssymbol. Berufssymbole kommen immer wieder vor und weisen, wie der Name sagt, auf den Beruf der oder des Verstorbenen hin. Der Hammer als Berufssymbol für den Schulklopfer ist mir aber noch nie auf einem jüdischen Grabstein begegnet außer eben hier in Kobersdorf auf dem Grabstein von Michael Bauer.

Grabstein Michael (Leser) Bauer, 12. Adar 658 = Sonntag, 06. März 1898

Grabstein Michael (Leser) Bauer, 12. Adar 658 = Sonntag, 06. März 1898


Sogar in der Literatur fand dieser bemerkenswerte Grabstein seinen Niederschlag:

In dieser Gemeinde ist ‒ an und für sich vielleicht gar nicht so bedeutend, aber doch ein charakteristisches Zeichen für den allgemeinen Niedergang ‒ mit dem letzten Schulklopfer, einem armen Halbnarren, vor etlichen Jahren auch der Hammer, der zum Schulklopfen diente, begraben worden…

Leopold Moses, Spaziergänge. Studien und Skizzen zur Geschichte der Juden in Österreich, hrsg. v. Patricia Steines, Wien 1994, S. 196-200.


Über das Schulklopfen in den ehemaligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes[1]

Ein alter Brauch in den westungarischen jüdischen Gemeinden und daher auch in den Sieben-Gemeinden war das „Schulklopfen“ שוהל־קאָפּפן. Der Gemeindediener ging in der Judengasse von Haus zu Haus, um die Bewohner an den Gottesdienst in der Synagoge zu erinnern.

Mit „Schul“ ist die Synagoge gemeint, die im Mittelalter lateinisch „schola“ (deutsch: Schule) genannt wurde. Zurück geht dieser Ausdruck auf den babylonischen Talmud, Traktat Schabbat 11a, wo die Synagoge als Schulraum bezeichnet wird: הַחַזָּן רוֹאֶה הֵיכָן תִּינוֹקוֹת קוֹרְאִין „der Aufseher darf den Schulkindern beim Lesen zusehen“. Der Ausdruck „Judenschule“ (lateinisch „schola judaeorum“) wird wahrscheinlich das erste Mal im Fridericianum, der Judenordnung von Herzog Friedrich II. erwähnt. Am Judenplatz 9 (damals „Schulhof“) in Wien war eines der beiden wichtigen Gebäude der Judenstadt die Judenschule, die schon 1204 als „Schola Judeorum“ urkundlich erwähnt wird.[2]
Jiddisch ist „schul“ bzw. in einigen Dialekten „schil“ in Verwendung.

Dieses „Schulklopfen“ fungierte, so erzählte Professor Meir Ayali, als innergemeindliches Signalsystem: Drei Schläge riefen die Gemeindemitglieder, morgens wie abends, zum Gebet; außerdem informierte das „Schulklopfen“ über Todesfälle in der Gemeinde: War ein Toter zu beklagen, dann wurden nicht die üblichen drei, sondern nur zwei Schläge ausgeführt.

Eines Morgens, als wir das Schlagen des Holzhammers auf das Tor des Hauses hörten, das zum Morgengebet rief, wurden wir darauf aufmerksam, dass anstelle von drei Schlägen ‒ KNOCK, KNOCK, KNOCK ‒ nur zwei gegeben wurden.

Wie es scheint, ist Herr Machlup diese Nacht gestorben.

Meir Ayali in seinen Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt. Er wurde 1913 als Meir Eugen Hirschler in Eisenstadt geboren (und zwar in den Räumen des heutigen jüdischen Museums) und starb 2001 in Israel.

Das Schulklopfen forderte aber nicht nur zum Synagogengottesdienst auf, sondern hatte auch bei anderen Gelegenheiten eine bestimmte Funktion im Gemeindeleben: Sobald „in Schul“ geklopft wurde, musste im Zimmer einer Wöchnerin ein Licht angezündet sein, das erst am nächsten Morgen gelöscht werden durfte.

Und am „Schulklopfen“ orientierte man sich auch, wenn die Geburt so erfolgt war, dass bezüglich des Beschneidungstages Zweifel entstanden. Diesen Fall gab es öfter (siehe etwa auch den Geburtstag des berühmten Rabbiners Akiba Eger). Da die Beschneidung immer exakt am 8. Tag nach der Geburt erfolgen muss, gab es bei Geburten in den Abendstunden immer wieder Zweifel über den genauen Zeitpunkt der Geburt, also ob diese noch am alten oder schon am neuen jüdischen Tag erfolgt ist. Dementsprechend war dann ‒ nach bürgerlichem Datum gerechnet ‒ die Beschneidung eben am 8. oder eben am (scheinbar) 9. Tag nach der Geburt.

Auch aus Mattersdorf, dem späteren Mattersburg, haben wir einen Bericht über den Schulklopfer:

Schalom Österreicher (1771-1839) erbte 77 Gulden Schulden von seinem Halbbruder Mose Löb Neufeld (ca. 1769-1809). Die 77 Gulden waren jedoch eine enorme und nicht zu bewältigende Belastung für den Hausierer mit einer Frau und mindestens sechs Kindern. Daher schlug Schalom, um seine Schulden abzubauen, der Chevra Kadischa vor, dass er bereit sei als Schames (Synagogendiener) zu fungieren, ein Amt, das auch die Pflichten des Schulklopfers umfasste.

So weckte Schalom die Juden von Mattersdorf jeden Morgen, indem er dreimal mit einem Holzhammer an jede Tür klopfte, um die Menschen in der Synagoge zum Gebet zu rufen. Wenn jemand in der Nacht gestorben war, klopfte er zweimal statt dreimal. Auch Hochzeiten und Beerdigungen kündigte der Schulklopfer Schalom Österreicher an. Als seine Schulden drei Jahre später abbezahlt waren, verlangte Schalom, dass die Chevra Kadischa diese Tatsache auch in ihrem Protokollbuch entsprechend bestätigten.
Schalom starb mit 67 Jahren am 6. Juli 1839 in Wien, laut Sterbeurkunde drei Tage vor seinem 68. Geburtstag. Begraben wurde Schalom Österreicher in Mattersdorf.

Hammer des Schulklopfers in Mattersdorf/Mattersburg, heute in Israel

Hammer des Schulklopfers in Mattersdorf/Mattersburg, heute in Israel



Aus Mattersburg stammt auch dieser Hammer, der über fünf Generationen für das Schulklopfen in der jüdischen Gemeinde verwendet wurde. Angeblich musste in den Jahren vor 1938 einmal der Stiel des Hammers erneuert werden, der Kopf blieb jedoch der alte. 1938 konnte ein Gemeindemitglied den Hammer auf der Flucht vor den Nazis retten. Heute befindet er sich in Tel Aviv.[3]

Am Schabbat und grundsätzlich auch an den Feiertagen trat das „Schulrufen“ an die Stelle des „Schulklopfens“, d.h. der Synagogendiener klopfte nicht mehr an jedes Haus, sondern ließ vor der Synagoge den Ruf „In Schul!“ hören. Auch in den letzten Jahren vor 1938 rief der Gemeindediener nur mehr vor der Synagoge „In Schul“.



[1] Es sei angemerkt, dass das Schulklopfen in anderen jüdischen Gemeinden und vor allem auch in anderen Zeiten etwas anders praktiziert wurde. So wurde etwa im nahen Wiener Neustadt seit dem Mittelalter viermal geklopft. Der 1460 in Wiener Neustadt verstorbene Gelehrte und Talmudist Israel Isserlein legte den Rhythmus KNOCK ‒ Pause ‒ KNOCK KNOCK ‒ Pause ‒ KNOCK fest, weil das erste hebräische Wort אבא des biblischen Verses Exodus 20,24 אָב֥וֹא אֵלֶ֖יךָ וּבֵרַכְתִּֽיךָ „ich werde zu dir kommen und dich segnen“ die Zahlenwerte 1, 2 und 1 hat.
Siehe dazu auch den Eintrag „Schulklopfer“ in der Wikipedia.
Weiters siehe auch den Eintrag „Schulklopfer“ in der JewishEncyclopedia. [Zurück zum Text (1)]

[2] Siehe Eintrag Judenplatz“ im Wien Geschichte Wiki. [Zurück zum Text (2)]

[3] Vielen herzlichen Dank an Carole Vogel für die Zurverfügungstellung der Geschichte aus Mattersdorf sowie aller Daten rund um Schalom Österreicher und seine Familie. Auf die genauen Familienverhältnisse und warum Schalom die Schulden erbte, wurde aber oben nicht explizit eingegangen. [Zurück zum Text (3)]


2 Kommentare zu Der Schulklopfer

Sieben Jahre wie zehn Jahre…

Zwei kleine Grabsteine am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt. Grabsteine von Kindern: Aron Goldstein, gestorben mit 3 Jahren am 27. Februar 1874 und sein Bruder Isak Goldstein, gestorben mit 7…

Zwei kleine Grabsteine am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt. Grabsteine von Kindern: Aron Goldstein, gestorben mit 3 Jahren am 27. Februar 1874 und sein Bruder Isak Goldstein, gestorben mit 7 Jahren am 2. April 1874.

Bei Isak Goldstein kennen wir nur den Grabstein, nicht aber das Grab des Kindes. Denn sein Grabstein wurde 1945 offensichtlich als Panzersperre gegen die Rote Armee verwendet, danach aber wieder auf den Friedhof zurückgebracht. Allerdings eben nicht auf seinen ursprünglichen Platz, sondern an die südliche Mauer des Friedhofes gelehnt.

Der Vater der beiden war Sekretär in der jüdischen Gemeinde, beide hebräische Inschriften sind zwar kurz, aber sehr schön und, besonders im Hinblick darauf, dass es um Inschriften für kleine Kinder geht, weise und aufwändig konzipiert.

So lesen wir etwa bei Isak in der ersten und zweiten Zeile:

Seufzen und Stöhnen,
Wehklagen und Weinen, eine zweite Trauer

was klar auf seinen ein Monat vor ihm verstorbenen kleinen Bruder Aron hinweist.

Aber bleiben wir bei Isak, in dessen Inschrift seine Klugheit schon in Zeile 5 angedeutet wird:

jung und doch weise, die Sünde meidend,

und weiter dann in Zeile 6 die vielleicht erklärungsbedürftige Altersangabe des verstorbenen Kindes:

Sieben Jahre wie zehn Jahre war er.

Eingedenk Zeile 5 wird man wohl am ehesten vermuten, dass Isak mit 7 Jahren schon so weise war wie ein 10jähriger war. Aber woher kommt diese Redewendung, diese Formulierung?

Bezug genommen wird hier auf die Parascha (Leseabschnitt in der Tora) „Chajje Sara“, „das Leben der Sara“, Genesis 23,1.

Zunächst der hebräische Bibeltext:

וַיִּהְיוּ֙ חַיֵּ֣י שָׂרָ֔ה מֵאָ֥ה שָׁנָ֛ה וְעֶשְׂרִ֥ים שָׁנָ֖ה וְשֶׁ֣בַע שָׁנִ֑ים שְׁנֵ֖י חַיֵּ֥י שָׂרָֽה׃.

Die meisten nichtjüdischen Übersetzungen lauten etwa:

Sara wurde hundertsiebenundzwanzig Jahre alt. So lange lebte Sara.

Lutherbibel 2017

Anders und ganz nahe am hebräischen Originaltext aber die Übersetzung von Buber-Rosenzweig:

Des Lebens Ssaras wurden hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre, so die Jahre des Lebens Ssaras.

Tatsächlich steht im hebräischen Text hinter jeder Zahl der Altersangabe das Wort שָׁנָה „Jahr“, also hinter der Zahl 100, hinter der Zahl 20 und hinter der Zahl 7.

Der bedeutende jüdische Gelehrte Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak, geb. 1040/41) greift in seiner Erklärung auf einen Midrasch (Schriftauslegung) zurück und zwar auf Bereschit Rabba (Genesis Rabba, entstanden wohl in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts n.d.Z.) 58,1a:

וַיִּהְיוּ חַיֵּי שָׂרָה מֵאָה שָׁנָה (בראשית כג, א), (תהלים לז, יח): יוֹדֵעַ ה‘ יְמֵי תְמִימִם וְנַחֲלָתָם לְעוֹלָם תִּהְיֶה, כְּשֵׁם שֶׁהֵן תְּמִימִים כָּךְ שְׁנוֹתָם תְּמִימִים, בַּת עֶשְׂרִים כְּבַת שֶׁבַע לְנוֹי, בַּת מֵאָה כְּבַת עֶשְׂרִים שָׁנָה לְחֵטְא. דָּבָר אַחֵר, יוֹדֵעַ ה‘ יְמֵי תְמִימִם, זוֹ שָׂרָה שֶׁהָיְתָה תְּמִימָה בְּמַעֲשֶׂיהָ…

Das Leben der Sara war 100 Jahre (Genesis 23,1), (Psalm 37,18) Der HERR kennt die Tage der Vollkommenen, ihr Erbe hat ewig Bestand. So wie sie vollkommen sind, so sind ihre Jahre vollkommen, Sara war 20 Jahre alt wie sieben Jahre in Bezug auf die Schönheit, 100 Jahre alt wie 20 Jahre alt in Bezug auf die Sünde. Eine andere Auslegung ist: Der HERR kennt die Tage der Vollkommenen, das ist Sara, die vollkommen war in ihren Handlungen…

Raschi dann ganz ähnlich, aber noch deutlicher, zur Stelle:

לְכָךְ נִכְתַּב שָׁנָה בְּכָל כְּלָל וּכְלָל, לוֹמַר לְךָ שֶׁכָּל אֶחָד נִדְרָשׁ לְעַצְמוֹ, בַּת ק‘ כְּבַת כ‘ לְחֵטְא, מַה בַּת כ‘ לֹא חָטְאָה, שֶׁהֲרֵי אֵינָהּ בַּת עֳנָשִׁין, אַף בַּת ק‘ בְּלֹא חֵטְא, וּבַת כ‘ כְּבַת ז‘ לְיֹפִי:

Es betrug das Leben Saras hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre, darum steht das Wort Jahr שָׁנָה bei jeder einzelnen Zahl, um dir zu sagen, dass jedes für sich gedeutet werden soll; mit 100 Jahren war sie wie mit 20 Jahren rein von Sünden; wie sie mit 20 Jahren nicht gesündigt hatte, da sie bis dahin noch nicht verantwortlich gewesen, so war sie auch mit 100 Jahren ohne Sünde; und mit 20 Jahren war sie wie mit 7 Jahren an Schönheit (Bereschit Rabba 58,1).

Nicht im Midrasch, aber bei Raschi finden wir den bedeutenden Zusatz:

שני חיי שרה. כֻּלָּן שָׁוִין לְטוֹבָה:

Die Lebensjahre Saras, alle gleich an Güte.


Auch bei Abrahams Tod in Genesis 25,7 lesen wir:

וְאֵ֗לֶּה יְמֵ֛י שְׁנֵֽי־חַיֵּ֥י אַבְרָהָ֖ם אֲשֶׁר־חָ֑י מְאַ֥ת שָׁנָ֛ה וְשִׁבְעִ֥ים שָׁנָ֖ה וְחָמֵ֥שׁ שָׁנִֽים׃

Also auch hier nach jeder Zahl das Wort שָׁנָה „Jahr“. Und auch hier finden wir eine ähnliche Auslegung in Bereschit Rabba 62,1 und einen sehr ähnlichen Kommentar von Raschi:

מאת שנה ושבעים שנה וחמש שנים. בֶּן ק‘ כְּבֶן ע‘ וּבֶן ע‘ כְּבֶן ה‘ בְּלֹא חֵטְא:

Hundert Jahre und siebzig Jahre und fünf Jahre, mit 100 Jahren wie mit 70 und mit 70 wie mit 5 ohne Sünde.


Keine Frage: der Autor der hebräischen Grabinschrift von Isak Goldstein, vermutlich sein Vater, kannte den Midrasch und die Erklärung Raschis zu Genesis 23,1.


Und wenn Sie das nächste Mal jemandem zum Geburtstag „Bis 120“ (übrigens das Alter, in dem Mose am Berg Nebo verstarb) wünschen, wissen Sie jetzt, dass es eigentlich heißen müsste „Bis hundert wie zwanzig!“ ;-)


1 Kommentar zu Sieben Jahre wie zehn Jahre…

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