Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Leben und Glaube

Jüdische Speisegesetze

Über den traditionsgeschichtlichen Hintergrund der Kaschrut Begriffsdefinitionen und Grundsätzliches Abgrenzung von ›rein ‒ unrein‹, ›koscher‹ und ›Kaschrut‹ »Ist das koscher?« »Das scheint mir nicht ganz koscher zu sein!« (Zitat Volksmund)…

Über den traditionsgeschichtlichen Hintergrund der Kaschrut

Begriffsdefinitionen und Grundsätzliches

Abgrenzung von ›rein ‒ unrein‹, ›koscher‹ und ›Kaschrut‹

»Ist das koscher?« »Das scheint mir nicht ganz koscher zu sein!« (Zitat Volksmund) ‒ Wer hat diese Sätze nicht schon des Öfteren im Alltag gehört? Was heißt das Wort ›koscher‹ aber wirklich? Die Verwendung in unserer Alltagssprache ist von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes gar nicht so weit entfernt. Im Hebräischen bedeutet das Wort kascher (כשר) ›tauglich‹, ›rituell erlaubt‹, ›rein‹, ›gemäß der Vorschrift‹ (vor allem auf Speisen bezogen), aber auch ›wertvoll‹, ›ehrenhaft‹ (auf Personen bezogen). Das Wort bezeichnet zudem rituelle Gegenstände, die gemäß den jüdischen Geboten hergestellt wurden und für den Ritus verwendbar sind. Dieser Bereich soll hier aber komplett ausgeklammert werden, wenngleich er für eine Gesamtdarstellung der Koscher-Problematik ungemein wichtig wäre.

Unter dem Begriff Kaschrut (כשרות hebräisch; ›Tauglichkeit‹, ›rituelle Eignung‹) versteht man die Gesamtheit jüdischer Speisegesetze. Im Unterschied dazu wird das Wort tahor (טהור hebräisch; ›rein‹, ›lauter‹, ›kultisch rein‹) für das Tier selbst verwendet und seltener mit Speisen und Getränken in Verbindung gebracht.
Die beiden Begriffe sind somit nicht austauschbar. Es kann z.B. eine Speise koscher zubereitet werden und dennoch verunreinigt sein, oder umgekehrt, ein Tier kann rein sein, aber unkoscher zubereitet werden.

Koschere Küche bezeichnet keinen eigenen Kochstil wie etwa die chinesische oder italienische Küche. So können z.B. chinesische Speisen durchaus koscher und traditionelle jüdische Speisen unkoscher angerichtet werden. Bei der Entwicklung der Speisegesetze sieht man besonders gut, wie sehr Religion den Alltag durchdringt und scheinbar Profanes wie Essen und Trinken religiöse Dimensionen erhält. Am besten sichtbar wird dies beim Schabbat- und Pessachmahl, bei denen das Essen zu einem religiösen Akt und der Tisch zum Altar Gottes wird. Hier wird ein gewöhnlicher biologischer Vorgang in die Dimension des Heiligen erhoben.

Rothschild Miscellany, Norditalien 1450 -1480, Herstellung der ungesäuerten Brote

Rothschild Miscellany, Norditalien 1450 -1480, Herstellung der ungesäuerten Brote



Grundsätzlich ist festzuhalten, dass viele Religionen die Art der Ernährung ihrer Gläubigen beeinflussen. Faktum aber ist, und dies wird völlig wertfrei vermerkt, dass keine dieser Religionen eine solche Fülle an Speisevorschriften hervorgebracht und die Essensgewohnheiten ihrer Gläubigen an so viele Bedingungen geknüpft hat wie das Judentum.

Die Sicht der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 587 v.d.Z. sowie des darauf folgenden Exils in Babylon (bis 539 v. d. Z.) als göttliches Gericht hatte die Besinnung auf vor allem drei entscheidende biblische Grundgebote zur Folge:

  1. Die Einhaltung des siebenten Tages als vollkommener Ruhetag (Schabbat)
  2. die Beschneidung
  3. die Speisegesetze

sollten nicht nur Israel in Brauchtum und Lebensweise von seiner jeweiligen Umgebung unterscheiden, sondern vor allem zum Garanten für Israels eigene Existenz werden.

Mit der Einhaltung dieser Gebote war auch der Rahmen geschaffen, der dem späteren Judentum die Möglichkeit gab, seinen Erwählungsauftrag zu erfüllen und sein Überdauern in der Geschichte zu erleichtern. Zahlreiche Bräuche ‒ darunter z. B. das Verbot des Schweinefleisches ‒ hatten in Verfolgungszeiten eine Bekenntnisfunktion erhalten und dienten seither zusammen mit dem übrigen Brauchtum der Selbstabgrenzung, um so wirkungsvoller gegenüber dem Sog der Umweltreligionen und Umweltkulturen: In vielen Bereichen verboten sie den sozialen Kontakt mit den Nichtjuden entweder ganz oder schränkten ihn doch zumindest ein.

Die Abschirmung gegenüber der andersgläubigen ‒ nach damaliger (antiker und mittelalterlicher) Auffassung ›ungläubigen‹ ‒ Umwelt war selbstverständliches Anliegen aller Religionsgemeinschaften, also auch des Islam und des Christentums. Was das Judentum davon unterscheidet, ist nicht nur der Umfang des Brauchtums, sondern auch dessen Motivierung, die mit der theologischen Wertung der Tora als Weltgesetz und somit als einzig richtiger Lebensordnung zusammenhängt.

Schon bei den Propheten wird auf das Einhalten bestimmter Speisegesetze Bezug genommen. So betont Ezechiel etwa, nie Fleisch von verendeten Tieren oder von Tieren, die gerissen wurden, gegessen zu haben, da dieses zu einem Zustand der Unreinheit führe (Ezechiel, Kapitel 4, Vers 14).

Judith weigerte sich, am Mahl des Holofernes teilzunehmen und unreine Speisen zu essen. Sie bevorzugte ihren eigenen mitgebrachten Vorrat.

Die Notwendigkeit einer deutlichen Abgrenzung gegenüber Nichtjuden war ein weiterer Grund für die Wichtigkeit der Einhaltung von Speisegesetzen. Da zur Zeit des zweiten Tempels bereits ein großer Teil der Juden unter einer nichtjüdischen Mehrheit beziehungsweise unter nichtjüdischer Herrschaft lebte, bekamen die Speisegesetze einen identitätsstiftenden Charakter. Nicht selten wurde das Essen von unreinen Speisen als ›Foltermethode‹ gegen Juden angewandt. Das Übertreten der Speisegesetze wurde mit dem Abfall vom Judentum gleichgesetzt, was zur Folge hatte, dass viele Juden den Tod einem Leben in Unreinheit vorzogen.

Im Laufe der Geschichte hat man versucht, verschiedene Erklärungen für die Speisegesetze zu finden. So werden sie in der Bibel zwar nicht erklärt, aber in Zusammenhang mit der Heiligkeit Gottes und seines Volkes gebracht. Die Speisegesetze werden also in einen sakralen Bereich gehoben und mit einer spirituellen Dimension versehen. Spätere Erklärungen und Interpretationen der Speisegesetze betonen ihren moralischen Aspekt. So stillen die Speisegesetze z.B. das menschliche Bedürfnis nach Gewalt und sind dazu da, den Menschen mit dem Geist der Gerechtigkeit zu versorgen bzw. ihm gewisse moralische Normen zu geben. Die rabbinische Literatur liefert keine rationalen Argumente für die Speisegesetze. Dort heißt es vielmehr:

Lass den Mann nicht sagen, ›ich esse kein Schweinefleisch‹. Er sollte vielmehr sagen, ›ich esse es gerne, aber ich darf es nicht essen, denn die Tora verbietet es mir.‹

Sifra 11:22

Der große jüdische Religionsphilosoph Maimonides (1135-1204) sah in den Speisegesetzen einen Weg unsere Lust zu meistern. Die Lust am Essen soll nicht als Zweck der menschlichen Existenz betrachtet werden. Zudem haben alle Speisen, die die Tora verbietet, eine schlechte und schädliche Wirkung auf unseren Körper.
In der jüdischen Mystik wurde das Nichteinhalten von Speisegesetzen mit schrecklichen Auswirkungen auf die menschliche Seele verbunden. Es trübe das Herz und hemme die edlen Eigenschaften im Menschen.

In der Neuzeit kam man von den diversen medizinischen Erklärungen ab. So betont etwa Isaak Abarbanel (1437-1508), dass es genügend Menschen gibt, die Schweinefleisch essen und dennoch gesund und wohlauf sind, andererseits wurden viele gefährliche Tiere und Pflanzen in der Tora nicht unter den verbotenen Speisen erwähnt. Die Offenbarung der Speisegesetze hatte somit nicht die Heilung des Körpers, sondern die der Seele zum Ziel.

Die im 19. Jahrhundert aufkommende Reformbewegung sah in den Speisegesetzen – mit einigen wenigen Einschränkungen – einen Überrest, der mit den Gesetzen der priesterlichen Reinheit und des Opfers verbunden war. Da die heutigen Lebensbedingungen ganz anders sind, haben sie weder religiöse Bedeutung noch einen ethischen Charakter. Konservative und orthodoxe Bewegungen des 19. Jahrhunderts betrachteten die Speisegesetze selbstverständlich als nach wie vor bindend. Alle Vorschriften verlangen vom Gläubigen Opfer und Selbstdisziplin. Sie trennen bis heute den Juden von seiner nichtjüdischen Umgebung und sind Kennzeichen seines Selbstverständnisses als Angehöriger des heiligen (erwählten) Volkes.

Ausgehend von teilweise uralten Tabuvorstellungen und Bräuchen findet sich in Bibel und rabbinischer Literatur eine fortschreitende Differenzierung der Begriffe ›rein‹ und ›unrein‹. Rituelle Reinheit entspricht im Wesentlichen der kultischen Auffassung von ›Heiligkeit‹, die in erster Linie einen mit der Gottheit verbundenen Bereich kennzeichnet. ›Reinheit‹ ist daher grundsätzlich Freisein von etwas Tabuisiertem, das von Materiellem (Schmutz, Sperma) bis zum Kultisch-Moralischem (Götzendienst, Sünde) reicht. Als ›unrein‹ galt also grundsätzlich alles, was ›fremd‹ war, sofern es im Verdacht stand, mit einem fremden Kult oder mit rituell verbotenen Substanzen oder Praktiken verbunden zu sein. Unreinheit wird durch Berührung (Nahrungsaufnahme) übertragen.

Gefecht zwischen Behemot und Leviathan, Leipziger-Machsor, 14./15. Jahrhundert

Gefecht zwischen Behemot und Leviathan, Leipziger-Machsor, 14./15. Jahrhundert

»Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen« (3. Buch Mose, Kapitel 11, Vers 3)
»… alle Tiere mit Flossen und Schuppen, die im Wasser … leben, dürft ihr essen« (3. Buch Mose, Kapitel 11, Vers 9)
Das Original des Leipziger Machsor befindet sich in der Universitätsbibliothek von Leipzig.


Für unseren Zusammenhang wichtig ist die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren. Dabei kann das Kriterium der Opferfähigkeit angelegt werden sowie das der Essbarkeit der Tiere. Nur reine Tiere können koscher sein:

  • Säugetiere: Rein sind Wiederkäuer mit vollständig gespaltenen Klauen (Paarhufer) (Leviticus, Kapitel 11, Vers 3). Verboten sind daher z. B. Schwein, Kamel und Hase, ferner alle Fleischfresser
  • Grundsätzlich als rein gelten die meisten Vögel, zu den 24 unreinen Vögeln gehören u. a. Greifvögel, aber auch Strauß und Storch. Laut Talmud (Traktat Chullin 3,6) haben reine Vögel eine Hinterzehe, einen Kropf und einen doppelhäutigen Muskelmagen. Eier unreiner Vögel sind verboten, ebenso befruchtete Eier überhaupt
  • Fische: Nur Wassertiere mit Flosse(n) und Schuppen sind rein. Verboten sind daher Hai und Aal sowie alle Meeresfrüchte
  • Insekten: Leviticus, Kapitel 11, Vers 21f nennt vier Arten von erlaubten Heuschrecken. Sie werden aber selten gegessen, u.a. weil sie schwer zu identifizieren sind. Obwohl die Biene unrein ist, ist Honig erlaubt, da er als ›umgewandelter Blütenstaub‹ gilt (Traktat Bechorot 7b)

Gleichsam als Überblick ‒ und mehr kann es hier nicht sein ‒ kann festgestellt werden, dass verbotene Tiere in zwei Kategorien eingeteilt werden können, nämlich in solche aufgrund biblischer Verbote und in solche aufgrund rabbinischer Verbote.

  • Biblische Verbote:
    • primäre Verbote wie nicht koschere Tiere, Aas, Insekten etc.
    • verbotene Kombinationen wie Fleisch und Milchiges oder kilajim, also verschiedene Arten, die zusammen gewachsen sind (z. B.: Getreide und Gemüse ‒ man darf also nicht etwa irgendein Gemüse in der Nähe eines Weinstocks anbauen etc.)
  • Rabbinische Verbote:
    • jene mit biblischer Basis wie etwa die rabbinischen Erweiterungen (sjag letora = Zaun um die Tora) des Verbotes, Milchiges und Fleischiges zu mischen
    • jene ohne biblische Basis, wie Essen, das von Nichtjuden gekocht und gebacken oder Wein, der von Nichtjuden produziert wurde etc.

Speisen können durch die Flüssigkeiten Wasser, Tau, Wein, Milch, Öl, Blut und Honig unrein werden. Die Gründe für die Unreinheit mancher Tiere sind oft nicht mehr im Einzelnen nachzuvollziehen.

Die Speisegesetze (Speisevorschriften) als wesentlicher Bereich der Kaschrut

Besonders die Entwicklung der Speisegesetze, die den Bereich der Kaschrut dominieren zeigt, wie sehr Religion den Alltag durchdringt und scheinbar Profanes wie Essen und Trinken religiöse Dimensionen erhält.

Früchte und Gemüse sind in jedem Fall koscher, da sie in Bezug auf fleischig und milchig als neutral (parve) gelten und mit allen Nahrungsmittelarten zusammen genossen werden können: z. B.: Brot, Eier, Öl, Pflanzenfett, Obst und Gemüse.

Eine Grundregel ist die strikte Vermeidung jeden Genusses von Blut:

Jedermann aus dem Haus Israel oder jeder Fremde in eurer Mitte, der irgendwie Blut genießt, gegen einen solchen werde ich mein Angesicht wenden und ihn aus der Mitte seines Volkes ausmerzen …

3. Buch Mose, Kapitel 17, Vers 10

Dieses absolute Blutverbot bedingt die Schlachtmethode des Schächtens, also das Schlachten der Tiere mit einem einwandfrei schartenlos geschliffenen Messer.

Stempel, Osteuropa, um 1880, Gross Family Collection, Tel Aviv, 041.002.012

Stempel, Osteuropa, um 1880, Gross Family Collection, Tel Aviv, 041.002.012

Für das Pesachfest wird spezielles Geschirr und Essen genommen, das für diesen Feiertag koscher gemacht wurde. Dieser Stempel wurde zur Kennzeichnung der Objekte ‒ koscher für Milchiges ‒ während der Feiertage verwendet.
Hebräische Inschrift übersetzt:
»Milch(ig) für Pesach«
Die Buchstaben am Stempel sind selbstverständlich seiten- und spiegelverkehrt.
Länge: 4 cm, Durchmesser: 3 cm


Fleischig und milchig sind strikt voneinander zu trennen. Das heißt, Fleisch und Fleischprodukte dürfen weder zusammen mit Milch oder Milchprodukten aufbewahrt, noch zubereitet oder gegessen (zwei bis sechs Stunden Intervall!) werden. Zurückgeführt wird diese Vorschrift auf das dreimal in der Bibel genannte Verbot:

Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen!

Möglicherweise handelt es sich dabei ursprünglich um die Abwehr eines Fruchtbarkeitszaubers. Später wurde das Verbot jedoch immer allgemeiner ausgelegt, da mit Ausnahme der Selbstversorger niemand sicher sein konnte, woher Fleisch oder Milch kamen. Da das Verbot in der Bibel dreimal erwähnt ist, sind nicht nur Kochen, sondern eben auch Essen und jedes Mischen von Fleisch und Milch verboten. Praktisch bedeutet dies, dass für diese beiden Arten von Lebensmitteln völlig getrenntes Geschirr und Besteck verwendet werden muss.

Fisch gilt nicht als ›fleischig‹, wird aber traditionell nicht mit Fleisch zusammen gegessen.

Milch und Milchprodukte können nur von ›reinen‹ Tieren und ‒ streng genommen ‒ nur aus jüdischer Produktion als unzweifelhaft erlaubt betrachtet werden, weil die Gefahr besteht, dass Milch unreiner Tiere beigefügt oder ›unreine‹ Gefäße verwendet wurden.

Die Notwendigkeit einer deutlichen Abgrenzung gegenüber Nichtjuden sowie die Erhaltung der Kernaussagen des jeweiligen Gesetzes führten zur ständigen Ausweitung der einzelnen biblischen Ge- und Verbote (ein Zaun um die Tora):

Daniel war entschlossen, sich nicht mit den Speisen und dem Wein der königlichen Tafel unrein zu machen … Da ließ der Aufseher ihre Speisen und auch den Wein, den sie trinken sollten beiseite und gab ihnen Pflanzenkost.

Daniel, Kapitel 1, Vers 8 und Vers 16

Außerhalb der hebräischen Bibel finden sich vor allem in Büchern der griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, die für die nicht mehr der hebräischen Sprache mächtigen alexandrinischen Juden im 3. bzw. 2. Jahrhundert v. d. Z. angefertigt wurde, eindeutige Belege für dieses Bemühen: Während Ester im hebräischen Text noch die Lieblingsgemahlin des heidnischen Königs wird und mit ihm feiert, heißt es in der Septuaginta:

dass ich … das Bett eines Unbeschnittenen und Fremden verabscheue‹ und ›Deine Magd hat nicht am Tisch Hamans gegessen, ich habe keinem königlichen Gelage durch meine Anwesenheit Glanz verliehen und habe keinen Opferwein getrunken.

YEster, Kapitel 4, Vers 17

Alles in allem verhinderten diese Vorschriften de facto (in der Praxis) jede Teilnahme eines Juden an Mahlzeiten von Nichtjuden – ausgenommen bei Früchten und Gemüse. Denn bei strenger Beachtung der Regeln gilt ja schon das Geschirr als nicht koscher. Schon Tacitus kennzeichnet die Juden als ›separati epulis‹ – getrennt bei Mahlzeiten. Da das Essen im Judentum nicht als rein profaner, sondern als religiöser Akt gilt, war es natürlich oft schwer, zwischen profanem sozialen Kontakt und religiöser Vermischung zu unterscheiden. Aber auch diese Sorge war nicht nur eine Sorge des Judentums, man denke an die Verbote christlicher Synoden mit Juden Tischgemeinschaft zu pflegen.

Beurteilung der Klassifikation der reinen und unreinen bzw. der zum Essen erlaubten und nicht erlaubten Tiere
Es wäre sicher falsch, die oben vorgenommene Klassifikation nach naturwissenschaftlichen Kriterien zu beurteilen oder einzelne Verbote mit hygienischen Argumenten zu begründen, dass etwa Schweinefleisch in heißem Klima nicht haltbar sei. Eher könnte man daran denken, dass z. B. das Schwein in vielen Kulten das bevorzugte Opfertier war. Da alles Schlachten in der Antike in den religiösen Bereich des Opferns gehörte, zog ein solches Verbot eine deutliche Trennlinie zu heidnischen Kulten.
Entscheidend ist: Wer in biblischer Tradition lebt, dem genügt ohnedies, dass es so in der Bibel steht; Begründungen zu suchen würde immer auch die Begründung von Ausnahmen ermöglichen.
Allerdings wird dies ‒ etwa im liberalen Judentum ‒ durchaus differenziert gesehen und man zieht für die Beurteilung der Kaschrut wissenschaftliche Methoden als Parameter heran.

Vogelkopf-Haggada, Süddeutschland, spätes 13. Jahrhundert, Herstellung der ungesäuerten Brote

Vogelkopf-Haggada, Süddeutschland, spätes 13. Jahrhundert, Herstellung der ungesäuerten Brote



Die Praxis

Reformjudentum und Kaschrut

Von reformiertem bzw. liberalem Judentum als Richtung des Judentums, der heute weltweit etwa 1.200.000 Juden angehören, sprechen wir seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Juden aus der Isolierung des Ghettos in die europäische Gesellschaft eintraten. Vor allem brauchte man eine Theologie, die gegenüber dem Christentum zeigen konnte, dass das Judentum in der modernen Welt überlebensfähig ist. Die ersten Reformgottesdienste wurden in norddeutschen Gemeinden gehalten. Während in Österreich die liberale jüdische Gemeinde (Or chadasch) mehr oder minder (noch) ein Schattendasein führt, finden wir im übrigen Europa starke liberale Gemeinden (z. B. Oldenburg). Naturgemäß konnte die Reformbewegung in den USA ihre größten Erfolge ernten, da ihr dort keine traditionelle orthodoxe Gemeinde im Wege stand, die zuerst ›bekämpft‹ werden musste. Als wichtigste Neuerung der Liberalen ist wohl das Ende der Trennung von Frauen und Männern im Gottesdienst zu nennen – Frauen können auch Rabbinerinnen werden ‒ oder das Weglassen von Ritualen, die als primitiv angesehen wurden, wie das Blasen des Schofarhorns.
(Nur am Rande sei bemerkt, dass diese Ablehnung der Kaschrut im liberalen Judentum von diesem (!) nicht als Versuch verstanden wurde, das Judentum zu assimilieren, sondern das Judentum auf der Basis eines utopischen Messianismus zur Vollendung zu führen.)

Diese strikte Haltung vieler liberaler Kreise (z. B. der Pitsburgh-Plattform aus dem Jahr 1881) wurde im 20. Jahrhundert mehrmals auf liberalen Kongressen revidiert und aufgeweicht, sodass ‒ je nach Gemeinde und zuständigem Rabbiner ‒ die Kaschrut sehr oft auf den völligen Verzicht von Schweinefleisch reduziert ist, da, ‒ so die Begründung ‒ gerade das Schwein sehr oft als Instrument der Judenverfolgung eingesetzt worden war.

Insbesondere im progressiven (liberalen, reformierten) Judentum wurde Wissenschaft der Religion gegenüber als überlegen angesehen, die eigene Allwissenheit konkurrierte mit der göttlichen Intelligenz. Indem beispielsweise das Schwein praktisch ausschließlich wegen der Trichinengefahr und die Schalenfische wegen der Gefahr von Hepatitis und anderen Viruserkrankungen verboten wurden, schloss man, dass entsprechende hygienische Zubereitungen Schwein und Schalenfische koscher machen würden. Kaschrut-Gesetze konnten also in einem Zeitalter des wissenschaftlichen Verständnisses von Gesundheit und Krankheit ruhig als obsolet angesehen werden.

Koscher – Aufsichtsorgane

Generell lässt sich sagen, dass die Koscherproblematik in Bezug auf die Lebensmittel in den letzten Jahren für die Lebensmittelproduzenten aufgrund der Nachfrage von Konsumenten stark gestiegen ist. So wird beispielsweise in wissenschaftlichen Statistiken angegeben, dass in einem typischen Supermarkt im Nordosten der USA etwa 30% aller angebotenen Artikel koscher sind. Da der Koscher-Markt alleine in den USA derzeit (2002) einen Wert von ca. 150 Milliarden Dollar hat und 6 Millionen Menschen betrifft, von denen ca. 1.5 Millionen jüdisch sind, wurden koschere Lebensmittel im Journal AD WEEK als ›hottest‹ Produkte von 1989 bezeichnet.
Dass eine steigende Nachfrage und die damit Hand in Hand gehende höhere Produktion von koscheren Lebensmitteln selbstverständlich auch entsprechende Kontrollinstanzen erfordert, liegt auf der Hand. Neben der O-U (Orthodoxe Union) gibt es, um nur die allerwichtigsten zu nennen, noch die Organized Kaschrut Laboratories und die Kof K. Neben den offiziellen Kontrollinstanzen, die man auf den jeweiligen Etiketten findet, gibt es natürlich auch noch jede Menge einzelner Rabbiner, die ihren Stempel auf das Produkt und somit ihre Erlaubnis zum Vertrieb (Hechscher) geben.

Der Koscher-Konsument: ›Labeling‹ und Koscher-Statistik

Koschere Produkte

Koschere Produkte



Wie erkennt der Koscher-Konsument nun, dass es ein koscheres Produkt ist, das er erwirbt und in dessen ›Koscherheit‹ er auch entsprechend Vertrauen haben kann? Bis heute gibt es nämlich keine eindeutigen Richtlinien der Etikettengestaltung ‒ weltweit gesehen sind nicht einmal die Bezeichnungen eindeutig, ob etwas fleischig, milchig oder parve ist.

Obwohl manche regionale Instanzen ‒ wie ›The Kosher Enforcement Bureau of the New York State Department of Agriculture and Markets‹ ‒ dem Koscher-Konsumenten eine Art Garantie gibt, dass die als koscher ausgewiesenen Produkte auch tatsächlich koscher sind, ist dies noch keine Garantie dafür, dass das Produkt auch tatsächlich von einem Rabbiner überprüft wurde. So wäre es beispielsweise denkbar, dass Koscher-Etiketten entweder gefälscht oder einfach kopiert werden, das Produkt selbst aber nicht wirklich durch autorisierte Hände ging. Autorisiert heißt in jedem Fall, dass ein (zuständiger) Rabbiner die Kontrolle übernimmt und die ordnungsgemäße Koscher-Erzeugung durch seinen Stempel und ‒ das ist besonders wichtig ‒ durch ein Zeugnis bezeugt. Dabei ist es für den einzelnen Koscherkonsumenten nicht ganz unerheblich, von welchem Rabbiner diese Bestätigung kommt ‒ daher wird auf den Etiketten der meisten seriösen Produkte sehr wohl Name, Institution und Ort des Rabbiners angegeben. Dies nennt man die sogenannte Koscher-Statistik, die ‒ bedenkt man eben, dass die Frage des Koscherseins eine ausschließlich kultische Relevanz besitzt ‒ von entscheidender Bedeutung ist, da nur sie dem Konsumenten das letzte Vertrauen in das Produkt ‒ oder besser in die Koscherheit des Produktes ‒ geben kann.

Denn letztlich ist die Frage der Koscherheit eine Frage des Vertrauens. Der Konsument muss letzte Sicherheit darüber haben, dass das Produkt, das er erwirbt, koscher ist, ohne den geringsten Schatten des Zweifels. Weiterhin geht es ‒ wie wir gesehen haben ‒ nicht nur um das Produkt selbst, sondern ebenso um die Gefäße, in denen das Produkt hergestellt wurde. Bedenkt man die enorme Pluralität der jüdischen Gemeinden und die lokalen Gebräuche ‒ sowie das Fehlen einer ›unfehlbaren‹ obersten Instanz ‒ wird die Problematik verständlicher. Am Beispiel des Koscherweines darf ich dies ein wenig näher ausführen:

Als Minimalkonsens darf das Vorhandensein eines Koscher-Zeugnisses (hebräisch: Te’udat hechscher) gelten. Dieses wird von einem ordinierten Rabbiner oder einer befugten Behörde (wie etwa einem rabbinischen Gerichtshof) ausgestellt und garantiert somit die ständige Kontrolle (Supervision) der gesamten Produktion durch den Rabbiner selbst oder einen von der Behörde bestellten ›Koscher Aufseher‹ (hebräisch: Maschgiach).

Koscher-Wein ‒ ein Exkurs

Die hebräische Bibel schreibt den Beginn des Weinbaus Noach zu, der allerdings gleich mit den negativen Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums konfrontiert wird:

Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblößt in seinem Zelt.

1. Buch Mose, Kapitel 9, Verse 10-21

Die Rabbinen schließen aus Noachs Erlebnissen mit dem Wein, dass der Baum der Erkenntnis als Weinstock zu verstehen ist.

Rabbi Chisda sagte …: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Noach: Noach, du solltest durch Adam den Urmenschen gewarnt sein, denn (sein Verderben) wurde nur durch den Wein herbeigeführt. Dies stimmt überein mit dem, der sagt, der Baum, von dem Adam, der Urmensch, gegessen hatte, war ein Weinstock. Es wird nämlich gelehrt: Der Baum, von dem Adam, der Urmensch gegessen hatte, war, wie Rabbi Meir sagt, ein Weinstock, denn es gibt nichts, was über den Menschen so sehr Wehklage bringt wie der Wein.

Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 70a-70b

Da von Heiden produzierter Wein in der Antike für Trankopfer (Libation) verwendet und daher mit Götzendienst gleichgesetzt wurde, war er für Juden verboten (Babylonischer Talmud, Traktat Avoda sara 31a).

Dieses generelle Verbot des Libationsweines wurde von den Rabbinen auch auf den stam jenam, den gewöhnlichen, von Nichtjuden produzierten Wein ausgedehnt, da sie vor allem die Abgrenzung gegenüber Nichtjuden durch einen zu engen sozialen Kontakt mit letzteren gefährdet sahen:

… sprach sie (die Hure) zu ihm: ‚Du bist ja bereits wie ein Familienangehöriger; setze dich und suche dir etwas aus‘: Krüge mit ammonitischem Wein standen vor ihr, und da damals nichtjüdischer Wein noch nicht verboten war, sprach sie zu ihm: ‚Willst du vielleicht ein Glas Wein trinken?‘ Hatte er getrunken, so geriet er in Erregung und sprach zu ihr: ‚Gib dich mir hin.‘ Da zog sie ihre Gottheit aus dem Busen und sprach zu ihm: ‚Verehre diese‘. Er erwiderte ihr: ‚Ich bin ja Jude.‘ – ‚Was schadet dies … außerdem entlasse ich dich nicht eher, als bis du die Lehre deines Meisters Mose verleugnet hast.‘

Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 106a

Vor allem zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Wein als koscher gilt:

  1. Er darf nicht von einem Nichtjuden berührt werden oder worden sein
  2. Er darf ausschließlich koschere Zutaten enthalten

Sollte der Wein doch mit einem Heiden in Berührung gekommen sein, so gibt es 2 Möglichkeiten: der Wein ist ein jajin nesech (יין נסך, also ein Wein, der für heidnische Trankopfer verwendet wird) oder er ist ein stam jenam (סתם יינם). Genau genommen ist der jajin nesech nicht für das Trinken zum Vergnügen oder aus geschäftlichen Gründen erlaubt, während der stam jenam wohl für geschäftliche Gründe, nicht aber für das Vergnügen geeignet ist.

Vom Verbot des mit Nichtjuden in Berührung gekommenen Weines ausgenommen ist der ›gekochte Wein‹ (יין מבושל hebräisch: jajin mevuschal). Damit ist ein Wein gemeint, der kurze Zeit so stark erhitzt wird, bis ›die Hand zuckt‹ (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 40b). Selbstverständlich führte eine solche Angabe immer wieder zu Diskussionen über die erforderliche Temperatur.

Während etwa die für ihre strenge Überwachung der Kaschrut-Gesetze bekannte ›Union of Orthodox Jewish Congregations of America (O-U)‹ die für das Erhitzen erforderliche Mindesttemperatur mit 168 °F (75,5 °C) ansetzt, verlangt der Lubavitscher Rebbe mindestens 190 °F (87,7 °C).

Wenn koscherer Wein gekocht worden ist, d. h., man hat ihn soweit erhitzt, dass durch das Erhitzen seine Menge geringer geworden ist, und dann hat ihn ein Nichtjude berührt, darf man ihn sogar trinken.

Kizzur Schulchan Aruch 274,3

Moderne Koscher-Weinfabrikanten, deren Weinproduktion unter der Aufsicht der O-U steht, bewerben ihre Mevuschal-Weine mit dem Hinweis darauf, dass dadurch ›entsprechend dem jüdischen Gesetz‹ Nichtjuden in Restaurants die Möglichkeit zum Öffnen der Flaschen gegeben wird.

Responsen moderner Rabbiner, die sich mit der Problematik des für Juden erlaubten, also koscheren Weines auseinandersetzen, betrachten oft die Gefahr, dass der Wein mit Nichtjuden in Berührung kommen könnte, durch die vollständige Automatisierung der Weinproduktion vom Zeitpunkt der Traubenlese bis hin zu den versiegelten Flaschen als obsolet.

Grundsätzlich darf man sagen, dass die Koscherkontrolle beim Wein schon deshalb besonders streng ist, da der Wein für liturgische Zwecke verwendet wird. Etwas grob, für unseren Rahmen aber ausreichend, geht es vor allem um folgende Regeln, die bei der Herstellung von Koscherwein einzuhalten sind:

  • An der Produktion des Weines dürfen nur Männer beteiligt sein, die den Schabbat halten.
  • Alle Geräte, die zur Weinerzeugung verwendet werden, müssen sauber und steril sein.
  • Substanzen, die bei der Produktion von Wein Verwendung finden, müssen als koscher akzeptiert sein und dürfen keine tierischen Stoffe enthalten.
  • Es darf kein Obst und Gemüse zwischen den Weinreben wachsen.
  • Die Frucht eines neuen Weinstockes darf erst vier Jahre nach der Einpflanzung verwendet werden.

In Israel müssen außerdem noch zusätzliche Auflagen erfüllt sein. Dazu gehört, dass die Zeremonie des Ma’aser verrichtet wird. Dies heißt, dass ein bestimmter Prozentsatz des produzierten Weines weggeleert wird als Symbol des Zehnts, der in biblischer Zeit an die Leviten und Kohanim abgegeben wurde. Weiterhin gilt es, die Schmitta (Schabbatjahr) einzuhalten:

Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.

Exodus, Kapitel 23, Verse 10-11

Diese Vorschrift ist am kostspieligsten einzuhalten. Sie wird manchmal dadurch umgangen, dass der Weinberg für das betreffende Jahr an einen Nichtgläubigen verkauft und im Jahr darauf wieder zurückgekauft wird, da die Reben in jedem Jahr sorgfältig gepflegt werden müssen, damit der Weinberg in gutem Zustand bleibt.
Meist wird der Zeitpunkt, ab dem die Herstellung des Weines unter jüdischer Aufsicht zu erfolgen hat, mit dem Zeitpunkt angegeben, ab dem aus den Trauben Saft wird.
Abgesehen davon ist die Bandbreite der Beurteilungskriterien, wann ein Wein als koscher zu gelten hat, naturgemäß sehr groß und hängt selbstverständlich nebst wirtschaftlichen Perspektiven weitgehend auch vom zuständigen Rabbiner bzw. der jeweiligen jüdischen Gemeinde (orthodox, konservativ, reformiert bzw. liberal etc.) ab.

Das Schächten – ein Exkurs

Wichtigste ›Basisarbeit‹, um koscheres Fleisch zu erhalten, ist wohl das ›Schächten‹ (hebräisch: Schechita). Schon oben wurde der Zusammenhang mit dem Verbot des Blutgenusses erwähnt. Das Schächten, das nach der Bibel (Deuteronomium, Kapitel 12, Vers 21) die einzig erlaubte Schlachtmethode für Tiere oder Vögel, die zum Verzehr erlaubt sind, darstellt, erfolgt durch einen Fachmann, den Schochet, mit einem vorher geprüften, scharfen, schartenfreien Messer. Der Schnitt durchtrennt in einem Zug Halsschlagader, Luft- und Speiseröhre. Bevor der Stempel für rituell geschlachtetes (koscheres) Fleisch aufgedrückt wird, müssen der Schnitt, die inneren Organe (v. a. die Lunge) und nochmals das Messer untersucht werden.

In praxi bedingt der ‒ in humanitärer Hinsicht ‒ problematische Aspekt des Schächtens einen gewissen Erklärungsbedarf. In ›Kaschrus‹ 1989 heißt es:

Observations of kosher calf slaughter in NY indicated that a skilled shochet could cause over 95% of the calves to collapse immediately like animals shot with a captive bolt (a so-called humane way of preparing animals for slaughter). 95% perfect effectiveness is similar in performance to stunning (another allegedly humane method) …‹

und weiter heißt es zur Frage, was gemacht wird, wenn das Schächten verboten ist:

… in western Europe and Canada, shackling and hoisting of fully conscious live animals for ritual slaughter is forbidden. Plants that conduct ritual slaughter in these countries are required to hold the animal in a restraining device while the throat is cut. Hoisting by the hind leg is not permitted until after the throat has been cut …

Barcelona Haggda, um 1340, Schächten des Lammes

Barcelona Haggda, um 1340, Schächten des Lammes

Fesseln und insbesondere das Hängen der Tiere zur Schächtung ist in Kanada, Australien, Neuseeland, England ‒ und übrigens auch in Israel ‒ verboten. In der Schweiz ist das Schächten generell verboten. In Amerika ist es nicht offiziell verboten, doch sind alle Schächter von den Koscher-Kontrollinstanzen definitiv angewiesen, vor dem Schächten einen sogenannten ›restraining pen‹, worunter ein schmaler Stall mit einer Öffnung vorne für den Kopf des Tieres zu verstehen ist, zu verwenden.

Ausführer der Schächtung ist der quasi beamtete Schochet, an den dieselben hohen ethischen Anforderungen gestellt werden wie an einen Rabbiner.

Der Schochet muss die Schächtung bewusst ausführen und darf dabei ausschließlich jene Apparate verwenden, die durch Menschenkraft angetrieben werden, also keine mechanisch-automatischen Apparate mit Wasser-, Wind- oder elektrischem Antrieb. Schächtet ein Schochet unqualifiziert, lastet die volle Verantwortung für das Töten des Tieres auf seinem Gewissen.


1 Kommentar zu Jüdische Speisegesetze

Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von…

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von Jehuda Hirschler und Esther Kohn im Wertheimerhaus in Eisenstadt, in dem sich heute das jüdische Museum befindet, geboren. Er starb am 01. Mai 2001 in Israel.
Ein berührender Artikel über seine Kindheit in einer ausgelöschten Welt.

Schabbatkette jüdisches Viertel Eisenstadt

Insgesamt standen 31 Häuser in der Judengasse, die sich wie ein umgekehrtes Dalet (ד = vierter Buchstabe im hebräischen Alphabet) erstreckte: beginnend bei den beiden Säulen mit der Kette im Osten bis zu den Häusern im Westen, die an das Spital der ›Barmherzigen Brüder‹ grenzten und von hier verlief sie in Richtung Norden bis zum Tor des alten Friedhofs. An der Südwestecke, beim Ausgang auf die ›Straße‹, befand sich ein Gittertor, das, ähnlich den dicken und schweren Eisenketten im Osten, auch an den Abenden vor Schabbattagen und Festen bis zum Ausgang des Schabbats bzw. des Festes für jeglichen Fahrzeugverkehr geschlossen wurde. Wie in früheren Jahren war in den Tagen meiner Kindheit und Jugend die autonome Gemeindestruktur der Gasse mit dem Namen Unterberg-Eisenstadt noch beibehalten und wir hatten einen eigenen Bürgermeister. Sogar als Kinder waren wir sehr stolz auf dieses Recht, das ein zusätzliches Flair auf den besonderen Charakter des Judenviertels und auf die Lebensatmosphäre in ihm ausübte.

31 Häuser: auf dem Tor eines jeden war eine kleine Tafel aus Holz oder Blech angebracht, auf die der Schames (Synagogendiener) zweimal am Tag dreimal schlug ‒ ta, ta, ta ‒ um bekannt zu geben, dass die Zeit des Morgen-, Mittag- oder Abendgebetes gekommen ist. Mit großer Pünktlichkeit, fünf Minuten vor dem Beginn des Gebetes in der Synagoge, schlug Herr Feldmann mit einem dicken Holzhammer auf das Tor Nr. 1, das Haus des Gabriel, das neben der Kette stand, und beendete binnen fünf Minuten die Runde beim Haus Nr. 31, das gegenüber (vom Haus Nr. 1), ebenfalls neben der Kette, war. In diesem Haus, Nr. 31, das heute ›Wertheimerhaus‹ genannt wird (mit Recht, denn es wurde von Rabbi Samson Wertheimer erbaut), und das im Besitz der Familie Wolf war, wohnten wir. Das Tor des Hauses ging auf die Judengasse, unsere Fenster schauten nach Osten; von ihnen blickten wir auf die Türme des Schlosses Esterházy, zum Hofgarten und auch auf die Abhänge des nahe gelegenen Waldes. Noch klingt in meinen Ohren das Zwitschern der Lerchen, das vom Park und vom Wald her den Morgen der Sommertage durchbrach, und ich erinnere mich an die sorglosen und glücklichen Tage meiner Kindheit in diesen Jahren, als auch die Erwachsenen nicht ahnen konnten, welche Vipern in Menschengestalt in viel späteren Jahren von allen Seiten hervorbrechen würden. Die Häuser der Gasse waren klein, die meisten von ihnen einstöckig, einfach und bescheiden; aber einige waren in ihrem Stil sehr pittoresk, und die Maler malten besonders gern das letzte Haus im oberen Teil der ›Oberen Gasse‹, links vom Tor des Friedhofes (an seiner Stelle befindet sich heute der Eingang zum Krankenhaus). Auf den Türstürzen einiger Häuser waren Krugformen ziseliert, um zu kennzeichnen, dass ihre Besitzer Leviten waren, die beim Gottesdienst die Handflächen der Priester wuschen, bevor diese auf das Podium stiegen, um das Volk zu segnen. Es scheint mir, dass Reliefs wie diese noch auf den Toren von zwei Häusern erhalten sind.

Neben dem Wertheimerhaus stand das Strohhaus, in dem im Jahr 1761 Rabbi Akiba Eger geboren wurde, der durch seine Lehre die Diaspora Israels erleuchtete, und der auch, als er schon Rabbiner von Posen war, seine Responsen ›Akiba, Sohn des Rabbi Mose Güns aus Eisenstadt‹ unterzeichnet hatte. Die Grabsteine von Rabbi Mose Güns und seinen Familienangehörigen sind noch auf dem alten Friedhof erhalten, nicht weit vom Grab des berühmtesten der Rabbiner Eisenstadts, des MaHaRaM Asch, (Rabbi Meir Eisenstadt), dem Verfasser der Bücher ›Panim me’irot‹ (›Leuchtendes Antlitz‹). Wenn nicht neue Vandalen kommen, werden diese Gräber noch viele Generationen erhalten bleiben.

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum



Gegenüber diesem Haus stand die große Synagoge (zu unterscheiden von der ›Kleinen Schul‹, die Samson Wertheimer in seinem Haus gebaut hat; in ihr betete man zu meiner Zeit nur an hohen Feiertagen und an besonderen Festen. Sie wurde jetzt von neuem, dank der Anstrengungen von Prof. Kurt Schubert (04. März 1923 – 04. Februar 2007), wieder hergestellt). Mit der großen Synagoge waren das ›Gemeinde-Haus‹, die Rabbinerwohnung, das Badehaus und die Mikwe sowie das ›Schiurzimmer‹, in dem die großen Rabbiner von Eisenstadt ihren Schülern Unterricht gaben, verbunden. Hier errichtete der Rabbiner Asriel Hildesheimer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts seine berühmte Jeschiva (Rabbinatsschule), ehe er nach Berlin übersiedelte, wo er das bekannte Rabbinerseminar gründete. In meiner Kindheit kannte ich noch einen seiner letzten Schüler in Eisenstadt, Herrn Asriel Wolf, einen alten Junggesellen, den mein gottseliger Vater als einen wahren Toragelehrten überaus schätzte; in ihm vereinten sich Tora und Lebensweisheit. Zu ihm schickte mich mein Vater manchmal am Schabbat Vormittag ›zum Verhör‹.

Hier, in der Synagoge und ihrer Umgebung, war das Zentrum des Gemeindelebens. Hier versammelten sich die Gemeindemitglieder an Wochen-, Schabbat- und Feiertagen zum Gebet. An den hohen Feiertagen kamen sie und ihre Familienangehörigen, auch jene, die in anderen Teilen der Stadt wohnten, sowie Juden aus den umliegenden Dörfern. Als Kinder fühlten wir nur die Atmosphäre der Heiligkeit, die sich während dieser Zusammenkünfte ausbreitete; wir wussten nur wenig von den Sorgen, die die Herzen unserer Eltern und der übrigen Betenden erfüllten, ‒ Unterhalts-, Erziehungs- und Gesundheitssorgen. Hier kamen die meisten der Gemeindemitglieder zusammen: Händler, Handwerker, Beamte und Lehrer, Weinkellerarbeiter, Ärzte und Rechtsanwälte. Sobald sie in ihren Tallit (Gebetsmantel) gehüllt oder mit dem weißen ›Kittl‹ an den hohen Feiertagen bekleidet waren, konnte man an ihnen keinen Standesunterschied erkennen.

Die Feste verbreiteten eine besondere Atmosphäre in der Gasse. Ernst und mit Ehrfurcht im Herzen kamen die Leute zu Neujahr und am Versöhnungstag in die Synagoge, so wie es sich an Tagen gebührt, an denen der Mensch gefordert ist, sein Gewissen zu erforschen und er seinem Los im kommenden Jahr entgegenbangt. Aber schon in der Woche vor diesen Festen, an den kühlen Morgen des Monats September, vor dem Aufgehen der Morgenröte, gingen wir schweigend in die beleuchtete Synagoge und sagten die ›Slichot‹ (Bußgebete) als Vorbereitung auf die hohen Feiertage. Uns Kindern schien es, als wäre die ganze Welt jetzt in tiefen Ernst gehüllt. Aber gleich nach diesen Feiertagen kamen die Tage des Laubhüttenfestes und in allen Höfen wurden Laubhütten mit dem ›Skakh‹ (Laub, um die Laubhütte zu bedecken) aufgestellt; die Bedeckung bestand aus grünen, wohlduftenden Zweigen. Die Dekorationen an den Wänden gestalteten wir Kinder: vielfärbige Sterne, angefertigt aus glänzendem Buntpapier. Wir lernten diese Kunst in den Handarbeitsstunden in der jüdischen Volksschule, die hinter dem Hof des ›Strohhauses‹ stand. Die Herbstluft war bei diesem Fest schon getränkt vom Duft der Weintrauben und des Mostes, der aus allen Weinbergen und Weinkellern rundum aufstieg. Der letzte Tag des Sukkotfestes ‒ es ist der Tag von ›Simchat tora‹ (Freudenfest der Tora), an dem das Lesen der Toraabschnitte endet und von Neuem beginnt ‒ entschädigte uns für den tiefen Ernst an den Festen, die dem Sukkotfest vorausgegangen waren: Die Stimmung war fröhlich! Alle Kinder, auch die kleinen, die noch nicht das Alter der Gebote (der religiösen Pflichten, bei Buben mit 13 Jahren) erreicht hatten, wurden zur Tora aufgerufen, und, um die Freude zu vergrößern, wurden aus verschiedenen Fenstern Äpfel und Nüsse zu den Kindern bei ihrem Auszug aus der Synagoge geworfen.

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum



Ich kenne den Grund für diesen Brauch, den ich danach in keiner anderen Gemeinde gesehen habe, nicht. Vielleicht fielen hier zwei Motive zusammen: das eine, dass die Symbole dieser Früchte in den Midraschim (religiöse Auslegungsschriften) mit Israel verglichen werden, und das zweite ‒ ein Gedenken an das ›Erntefest; der Beiname für das Sukkotfest. Auf jeden Fall erfreuten uns alle diese Tage sehr, sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen.

Chanukkaleuchter, Leihgabe Burgenländisches Landesmuseum

Danach kamen die kalten und verschneiten Tage des Winters und mittendrin das Chanukkafest. Mit dem Dunkelwerden wurden in allen Häusern auf den Fenstersimsen die winzigen Chanukkakerzen auf dem kleinen Leuchter entzündet, der das ganze Jahr im Kasten oder auf dem Regal darauf warte, seine Aufgabe während der acht Chanukkatage zu erfüllen. Danach setzten wir uns ‒ alle Familienangehörigen und manchmal mit eingeladenen Freunden ‒ zu Tisch zu den typischen Chanukkaspielen, in deren Mittelpunkt das Spiel mit dem Kreisel, das ›Trendel‹ (ursprünglich ›Drehdel‹) genannt wurde, stand. Manchmal zogen sich die Erwachsenen auf einen anderen Tisch zurück und spielten ein harmloses Kartenspiel; die Wette ging im Allgemeinen ‒ wie auch beim Spiel mit dem Kreisel ‒ um Nüsse! Das muss man wissen, denn in der Gemeinde Eisenstadt war das Kartenspiel das ganze Jahr hindurch ›verpönt‹ und ein schwerwiegender Bann wurde bereits in den Tagen des MaHaRaM Asch zu Beginn des 18. Jahrhunderts darauf gelegt. Er legte damals viele Verordnungen zur Verbesserung der Moral fest, wie etwa das Verbot für Frauen, Kleider in der neuen Mode des ›Kreolin‹ zu tragen. Das strengste unter allen Verboten war der Bann auf das Kartenspiel und auch in meiner Jugend achtete man im Judenviertel nicht weniger darauf als auf die Kaschrutgesetze (Gebote der rituellen Tauglichkeit, Speisegesetze). Wer aber dem Spieltrieb nachgab, fand für sich einen Ausweg und ging insgeheim mit seinen Freunden in das benachbarte Dorf Kleinhöflein, aus der Annahme heraus, dass der Bann dort nicht mehr gelte. Aber in den Verordnungen des MaHaRaM Asch war das Spiel in den Nächten des Chanukkafestes erlaubt. Man nützte diese Erlaubnis, wenn auch in sehr bescheidener Form! Weil es keinen Bann gibt, der, wenn er aufgehoben war, automatisch seine Gültigkeit wiedererlangt, sondern nur, wenn er von Neuem erklärt wird, verlängerte der Rabbiner (in Übereinstimmung mit dem Gemeindevorsteher) die Zeitdauer der Erlaubnis um einige Tage. Und ich erinnere mich, wie in den Tagen meiner Kindheit der Rabbiner oder der Vorbeter auf die Bima stieg und neben der Torarolle verkündete:

Das Spielen ist asur (verboten) ke-vime kedem (wie früher)!

Zitat Meir Ayali

Und wieder erlangte das puritanische Verbot seine Gültigkeit und der Ernst senkte sich auf die Judengasse bis zum Purimfest im Monat Adar (März/April). An diesem Fest feierten wir die Niederlage des Haman, dem Urvater aller Antisemiten auf der Welt, und niemand konnte damals ahnen, welcher diabolische, um vieles gefährlichere Haman schon darauf wartete, das jüdische Volk zu vernichten und es von der Wurzel her auszurotten; und die Vernichtungswelle sollte ausgerechnet von hier, den ›Siebengemeinden‹ im Burgenland, ihren Anfang nehmen. Fröhlich und freudig drängten wir uns am Purimfest mit den Masken auf unserem Gesicht und wir halfen auch unseren Eltern beim Verteilen der ›Purimgeschenke‹; dieser Brauch sollte die Freundschaft unter den Nachbarn vermehren, wie es uns im Buch Ester befohlen wurde. Mutter legte auf den Teller ein paar Früchte und ein paar Süßigkeiten, herrliche ›Linzerkipferl‹, gab alles in eine farbige Hülle und sagte:

Jetzt gehst du zu Berger. Sagst ›Küss die Hand und guten Purim. Mama schickt Schlachmones‹ und genauso in andere Häuser, die selbstverständlich dieses wichtige Gebot ebenfalls einhielten.

Zitat Meir Ayali

Koscher-Stempel für Pesach

Der Winter zog vorbei, der Schnee verschwand und das Frühlingsfest kam: es ist das Pesachfest, das Fest des Auszugs aus Ägypten, von der Sklaverei in die Freiheit, durchdrungen von Sehnsucht nach baldiger Erlösung und dem Glauben an das Kommen des Propheten Elias, dem Verkünder des Messias, bald in unseren Tagen. Jetzt kam auch die Zeit der großen Reinigung. Es genügte nicht das wöchentliche Scheuern des Fußbodens, das Reinigen und das gewöhnliche Waschen. Jetzt drehte man das ganze Haus um, reinigte, wusch und scheuerte bis auf die Grundfeste und die Hauptsache war, dass sich zum Pesachfest auch nicht ein Körnchen von Gesäuertem im Hause finde! Manchmal bekam man auch ein neues Gewand anlässlich des Festes. Aus der ganzen Gasse stieg der Lärm des Waschens und Scheuerns auf und der Geruch der Sauberkeit breitete sich in allen Häusern aus. Es kam die Sedernacht: nach dem Gebet in der Synagoge setzten sich die Familien zusammen, um das Fest mit dem Lesen der ›Haggada der Pesachnacht‹, der Geschichte des Auszugs aus Ägypten, zu feiern, wie es Brauch unserer Väter durch viele Jahrhunderte hindurch war. Alle Familienangehörigen sangen bis in die späten Nachtstunden die Lieder des Pesachfestes, des Festes unserer Freiheit; eines der Kinder öffnete die Tür weit als Zeichen des Gefühls der Freiheit und in Erwartung auf die Erscheinung des Propheten Elias, dessen Kommen sich verzögerte. Das Trinken der vier Becher in dieser Nacht, die die vier Ausdrücke der Erlösung symbolisierten, die beim Auszug aus Ägypten gesprochen wurden:

ich führte euch (hinaus aus Ägypten)« … »ich rettete euch« … »ich erlöste euch« … »ich nahm euch

2. Buch Mose 6,6-7

Und sogar das Trinken kleiner Mengen hatte seine Wirkung auf unsere Köpfe, die wir um Mitternacht bei einem kurzen Spaziergang bis zum Schlossplatz milderten. Aber obwohl wir im Zentrum der österreichischen Weinkultur wohnten, sah ich niemals einen Betrunkenen durch die Judengasse gehen, nicht einmal beim Purimfest.

So wurden in der Judengasse und in den Familien die übrigen Feste gefeiert, die in unseren jungen Herzen viele tiefe Erlebnisse auslösten. Natürlich herrscht in diesen Schilderungen eine übertriebene Idealisierung, die von Erinnerungen einer fernen Kindheit herrührt. Aber auch damals blieben vor uns die Gefahren nicht verborgen, die manchmal über den Köpfen unserer Eltern schwebten. Zur Zeit meiner Kindheit lebten unter uns noch alte Leute, die sich an die Blutbeschuldigung von ›Tisza Eszlar‹ erinnerten und in den Schaukästen der Nazis, die allenthalben aufzutauchen begannen, wurden giftige Andeutungen ‒ genommen aus dem ›Stürmer‹ ‒ gemacht. Da wir Kinder eine moralisch-puritanische Erziehung genossen hatten und es gemäß den strengen religiösen Gesetzen bezüglich der Kaschrut verboten war, Fleisch zu essen, bevor das Blut durch Einsalzen entfernt worden war, konnten wir nicht glauben, dass jemand von unseren Nachbarn, vor denen wir nichts zu verbergen hatten und mit denen wir in Partnerschaft und Frieden lebten und für die Entwicklung der Stadt arbeiteten, imstande war, diesen ›Unsinn‹ zu glauben.

Nicht in allen Bereichen der Religion ging das Leben in der Gemeinde in den Tagen meiner Jugend so vor sich wie in früheren Jahren. In der Judengasse, die am Schabbat an ihren beiden Ausgängen für den Fahrzeugverkehr abgesperrt wurde ‒ mit einer Eisenkette auf der einen, mit einem Gittertor auf der anderen Seite ‒ waren die Geschäfte selbstverständlich geschlossen. Aber im Zentrum der Stadt, in der ›Hauptgasse‹, waren schon einige Geschäfte von Juden am Schabbat geöffnet, aus der Befürchtung heraus, dass ihr Einkommen zu arg beeinträchtigt werde. Auch in ihren religiösen Einrichtungen war die Gemeinde Eisenstadt schon nicht mehr das, was sie in früheren Jahrhunderten war, als das Licht ihrer Lehre weithin erstrahlte. Die Sorge des gottseligen Vaters darüber war an seinen Seufzern ersichtlich, die manchmal aus seinem Mund schlüpften.

Aber die allgemeine Atmosphäre in der Gasse wurde in meiner Kindheit noch bewahrt. So funktionierten die Einrichtungen der Wohltätigkeit, der Unterstützung und der gegenseitigen Hilfe perfekt. In der Gasse gab es schon nicht mehr viele Reiche, außer der Familie Wolf, die hohe Abgaben an die Gemeindekasse und die Einrichtungen der Gemeinde leistete; doch auch an ihr war die Wirtschaftskrise erkennbar. Aber alle Gemeindemitglieder trugen das Joch dieser Einrichtungen und beteiligten sich überall, wo es nötig war, persönlich an der Hilfeleistung. Die ›Chevra kadischa‹ (›Heiliger Wohltätigkeitsverein‹), die offensichtlich dazu gegründet wurde, sich um die Toten und deren Begräbnis zu kümmern, ließ auch den Lebenden durch Beistand in der Stunde einer Krankheit oder einer anderen Bedrängnis Hilfe angedeihen.

In den Tagen meiner Kindheit gab es noch für alle Fälle (leere) Krankenzimmer in der ›Oberen Gasse‹. Aber es wurde mir erzählt, dass viele Jahre, bevor ich geboren wurde, die Cholera in Eisenstadt wütete und viele Kranke in diese Krankenzimmer gebracht wurden. Ich weiß nicht, wie weit die Geschichte authentisch war, die man im Zusammenhang damit über Herrn Adolf Gabriel, den Vorsteher der ›Chevra kadischa‹, erzählte. Ich kannte ihn in meiner Jugend, wie er wegen seiner schrecklichen Kurzsichtigkeit durch die Gasse taumelte. Auch als Greis noch war er ‒ natürlich ehrenamtlich ‒ seinen Aufgaben in der ›Chevra kadischa‹ treu ergeben. Über ihn erzählte man, dass er in den Tagen der Cholera nicht von den Betten der Kranken in dem kleinen ›Spital‹ wich, sie pflegte, ihnen zu essen gab und sich selbst darum kümmerte, dass jene, die verstarben, begraben wurden. Es war schwer zu glauben, welch körperliche, seelische und moralische Kräfte in diesem kleinen, mageren und bescheidenen Mann ruhten. Manchmal lachten wir über seine Kalkulation, als wir in sein Geschäft kamen, das fast leer war von Waren und Kunden, und ihn in der ›Neuen Freien Presse‹ lesen sahen, die wegen seiner Kurzsichtigkeit wirklich auf seinen Brillen lag, und die Zigarette in seinem Mund ein Loch in die Zeitung brannte. Über die Einrichtungen der Wohltätigkeit und der gegenseitigen Hilfe, so wie sie noch in den Tagen meiner Jugend aufrecht waren, wäre es wünschenswert, mehr Einzelheiten zu erzählen, die Zeugnis ablegen über ihren besonderen Charakter und über den Grundsatz der ›Mitzwa‹ (religiöse Pflicht; Gebot; gute Tat; Anmerkung des Übersetzers), auf den hin wir erzogen wurden. Das entscheidende Element der Wohltätigkeit war, dass sie in einer Form ausgeübt wird, die den Bedürftigen nicht beschämt. Es scheint mir, dass noch über der Wohltätigkeitskasse beim Eingang in die Synagoge von Rabbi Samson Wertheimer die Anfangsbuchstaben Mem, Bet, Jod, Alef eingraviert sind, (ein hebräisches Akrostychon; Anmerkung des Übersetzers) von Sprichwörter, Kapitel 21, Vers 14:

Ein Geschenk im Geheimen verdrängt den Zorn Gottes

Typisch dafür war die Wohltätigkeitskasse, die die Leute der ›Chevra kadischa‹ auf den Tisch im Haus von Trauernden stellten. Viele Münzen lagen schon darin, wenn sie unverschlossen zu den Trauernden gebracht wurde. Und selbstverständlich warf jeder, der kam, um sie in den sieben Tagen der Trauer zu trösten, ‒ durch einen Schlitz an der Oberseite ‒ heimlich etwas von seinem Geld in die Kasse ein; jeder so, wie er dazu imstande war. Die Absicht war, dass die Familie der Trauernden, die in den sieben Tagen ihrer Trauer verhindert war, ihrer Arbeit nachzugehen, am Abend ohne jede Überprüfung die ganze Summe, die für ihre Lebenshaltung notwendig war, aus der Kasse entnehmen konnte. Niemals überprüften die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ den Inhalt der Kasse und ich hätte mich nicht gewundert, wenn man in den Zwanziger Jahren am Boden der Kasse Münzen aus den Tagen des habsburgischen Kaiserreiches gefunden hätte.

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)



Ein Ereignis, dessen Sinn mir erst viele Jahre danach bekannt wurde, grub sich besonders in meinem Gedächtnis ein. An einem Abend besuchte uns Herr N., ein wohlhabender alter Mann, der ehrenvoll von seinen Ersparnissen lebte. Nie gehörte er zu dem engeren Freundeskreis meines Vaters und nie hatte er unser Haus besucht. Er bat, mit Vater ›unter vier Augen zu sprechen‹. Viele Jahre kannten wir nicht die Bedeutung dieser Geheimnistuerei. Erst Jahre, nachdem Herr N. kinderlos gestorben war, deckte mir Vater sein Geheimnis auf: als die Bank, auf der seine Ersparnisse lagen, Konkurs machte, blieb Herr N. in großer Armut zurück. Er wusste nicht, wovon er im kommenden Monat leben sollte und er war aus Schamgefühl nicht dazu imstande, sich an die Wohltätigkeitskasse zu wenden. Mit Hilfe eines geheimen Wohltätigkeitsfonds der Familie Wolf, für den Vater verantwortlich zeichnete, erreichte Vater eine festgesetzte monatliche Rente für Herrn N. bis zu seinem Lebensende, ohne dass jemand in der Gemeinde eine Veränderung in seiner sozialen Stellung wahrnehmen konnte.

Die Teilnahme an den Wohltätigkeitsfonds befreite niemanden vom persönlichen Handeln. Die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ und andere erfüllten selbstverständlich freiwillig ihre Aufgaben, die manchmal mit großer Mühe und erheblichem Zeitaufwand verbunden waren. Das Verrichten einer Mitzwe war mehr Verdienst als eine ernste Pflicht. Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, trug mich mein gottseliger Vater als Neuling in der ›Chevra kadischa‹ ein. Er war verpflichtet, einige hundert Schilling Einschreibgebühr zu zahlen, und nachdem die Vorsteher der Chevra meine Aufnahme bestätigt hatten, wurde ich am Schabbat zur Tora und zum Lesen der Haftara (Text aus den Prophetenbüchern; Anmerkung des Übersetzers) aufgerufen. Was waren meine Rechte und Pflichten von nun an? Es waren nicht viele Wochen vergangen, als ich eine Nachricht empfing: der greise Herr Moritz Machlup ist sehr krank und da auch seine Tochter alt ist, kann sie ihn nicht pflegen. Ich musste die ganze kommende Nacht zur Unterstützung neben seinem Bett sitzen und ihm in allem helfen, wo er bedürftig war. Herr Machlup war früher ein Antiquitätenhändler, aber die Jahre der Wirtschaftskrise ließen auch ihn verarmen. Es lag in der Möglichkeit der ›Chevra kadischa‹, eine Frau anzustellen, die ihn pflegen würde, aber wo ist hier die persönliche Erfüllung der Mitzwa (›der guten Tat‹)? Nichts halfen die Proteste der gottseligen Mutter, dass man dem ›Kind‹ eine schwere Aufgabe wie diese auferlegte; ‒ meiner Reife und der Verantwortung, die mir auferlegt wurde, bewusst, ging ich zur armen Wohnung des Alten und pflegte ihn ein oder zwei Nächte.

Eines Morgens, als wir das Schlagen des Holzhammers auf das Tor des Hauses hörten, das zum Morgengebet rief, wurden wir darauf aufmerksam, dass anstelle von drei Schlägen ‒ ta, ta, ta ‒ nur zwei gegeben wurden.

Wie es scheint, ist Herr Machlup diese Nacht gestorben

Zitat Meir Ayali

sagte Vater, denn dies war das Zeichen, dass ein Beter von nun an in der Synagoge fehlen wird.

Noch ein Bild aus den Tagen meiner frühen Kindheit steigt in meinem Gedächtnis auf. Ich war noch keine sechs Jahre, als ich wegen der Krankheit meiner Mutter den ganzen Winter bei Großvater und Großmutter in Lackenbach verbrachte. Sie hatten ein Lebensmittelgeschäft nahe der Wohnung, aber Großvater war sehr beschäftigt mit den Sorgen der Gemeinde, in der er viele Jahre als Oberhaupt diente. Es schneite stark und ich kniete im gemütlichen Zimmer auf der zum Fenster gelehnten Couch und blickte auf die weiß bedeckte Straße und auf die in ihre Mäntel eingehüllten Gestalten, die auf der Gasse vorübergingen. Da zog ein mit Holz beladener Wagen vorüber und neben dem Kutscher saß Großvater; eine Wollhaube bedeckte seinen Kopf und sein Gesicht. Sooft der Wagen stehen blieb, lud Großvater zusammen mit dem Kutscher neben verschiedenen Häusern gehackte Holzstücke vom Wagen. Großvater übergab die Leitung des Geschäfts für einige Stunden der Großmutter und selbst teilte er Holz an Familien aus, die sich ohne diese Hilfe in dem strengen Winter kein gewärmtes Zimmer hätten leisten können.

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse



Hätte ich über alle Bräuche in der Judengasse und über die verschiedenen Charaktere in der Gemeinde erzählt ‒ Menschen, die durch ihre Taten hervorragten und einfache Leute, die keine große Rolle spielten ‒ hätte ich noch viele Blätter Papier füllen müssen. Sie alle verschwanden plötzlich und wurden durch eine verbrecherische Hand ausgerottet. Ich könnte mich trösten, wüsste ich, dass alle jene sich hätten aufmachen und ihr persönliches Hab und Gut, ihre Bücher und ihre Bräuche mit sich nehmen können und erhobenen Hauptes Zuflucht gefunden hätten. Aber so war nicht das Los der meisten von ihnen. Vor den Augen ihrer Nachbarn, mit denen sie und ihre Väter durch hunderte von Jahren Straße an Straße gewohnt hatten, wurden sie misshandelt, gedemütigt und vertrieben. Die meisten von ihnen wurden am Weg und in den Vernichtungslagern getötet; es gab auch solche, die Selbstmord begingen. Mit schmerzendem Herzen erinnere ich mich an den verdienstvollen Arzt Dr. Pap, der mit dem Titel ›Medizinalrat‹ und danach mit dem Titel ›Sanitätsrat‹ wegen seiner großen Verdienste für das Gesundheitswesen der Stadt ausgezeichnet wurde. Wer kannte nicht die magere Gestalt mit dem asketischen Gesicht und der glänzenden Glatze, die von Haus zu Haus lief, um Heilung zu bringen ‒ auch ohne jegliche Bezahlung. Niemand erhob sich, um zu protestieren, als er geschlagen und gezwungen wurde, eine mit Steinen voll beladene Schubkarre ohne jedes Ziel durch die Gassen der Stadt zu führen und er an jeder Ecke gedemütigt wurde. Mit Schwierigkeit entkam er nach Italien, wo er Selbstmord beging. Und wer von uns erinnert sich nicht an Sándor Wolf: bis heute existiert niemand, der Eisenstadt mehr liebte als er, der mit seinem Geld und seinen Händen seine Vorgeschichte erforschte und seine Vergangenheit von den Tagen der Römer an aufdeckte und der das berühmte Museum errichtete. Wie viele Demütigungen musste er ertragen, bis es ihm gelang, in völliger Armut zu entkommen und das Land Israel zu erreichen!

Mir blieben alle diese Leiden erspart, denn ich verließ am Beginn der Dreißiger Jahre, als ich fast noch ein Bub war, Eisenstadt und Österreich, wo meine Ahnen und Urahnen durch hunderte von Jahren lebten, und schloss mich der Gruppe der Pioniere in ›Eretz Israel‹ (›Land Israel‹) an.

Mit großer Liebe trage ich in mir das Gedenken an diese Gemeinde, an ihre Größe und an ihre Kleinlichkeiten. Aber die finsteren historischen Ereignisse führten dazu, dass ich Eisenstadt in meinem Gedächtnis von der geographischen Realität getrennt habe und es irgendwo in fernen Sphären schwebt. Erst Kurt und Ursula Schubert halfen mir zurückzukehren und es manchmal als etwas zu fühlen, was wirklich war.

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Jahrzeit

An der Ostwand der Synagoge im Museum befinden sich 755 originale Jahrzeittafeln, die auf einer sieben Meter hohen und drei Meter breiten Stahlgitterkonstruktion zu sehen sind. Die Tafeln wurden durch…

An der Ostwand der Synagoge im Museum befinden sich 755 originale Jahrzeittafeln, die auf einer sieben Meter hohen und drei Meter breiten Stahlgitterkonstruktion zu sehen sind. Die Tafeln wurden durch Zufall im Winter 1994 auf dem Dachboden des Wertheimerhauses gefunden und datieren vom frühen 18. Jahrhundert bis 1938. Die vor allem aus Eisenstadt und den dazugehörigen Gemeinden stammenden Tafeln sind schwarze Metalltafeln in der Größe von ca. 10,5 x 15 cm, die bis 1938 vom Synagogendiener zur Jahrzeit (d. h. die Zeit des jährlichen Gedenkens an verstorbene nahe Verwandte) eines Verstorbenen in der Synagoge aufgehängt wurden.

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Die Jahrzeittafeln geben nicht nur Aufschluss über gebräuchliche jüdische (Vor)Namen in der Gemeinde, sondern sind wertvolle und oft die einzigen Quellen zur biografischen Erfassung einzelner Juden und jüdischer Familien. Selbstverständlich finden wir Jahrzeittafeln von den großen Gelehrten und Rabbinern der Gemeinde genauso wie von den ganz einfachen Gemeindemitgliedern, egal ob Fau oder Mann. Besonders bemerkenswert und für die Geschichte der Juden von enormem Wert ist die Nennung des hebräischen Namens der Mutter auf praktisch jeder Jahrzeittafel. Oft konnten Daten auf Grabsteinen der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt, die schwer oder nicht eindeutig lesbar sind, durch eindeutige Daten auf den Tafeln korrigiert bzw. ergänzt werden. So ermöglichte erst die Erwähnung des hebräischen Namens der Mutter von Regina (Rachel) Breyer, Bella Chaja, eine korrekte genealogische Zuordnung! Ähnlich bei Gemeinderabbiner Moritz (Mose) Kretsch und Ahron Gabriel:

Der Ausdruck ›Jahrzeit‹ bezeichnet das jährliche Gedenken an Verstorbene (im engsten Sinn des Vaters oder der Mutter) mit Anzünden des Jahrzeitlichtes und dem Kaddisch-Gebet in der Synagoge sowie in manchen Gemeinden mit Fasten und Mischna-Lernen. Jahrzeit zu halten gilt als eine der großen Ehren, die man einem Verstorbenen erweisen kann.

Wie alle religiösen Vorschriften gilt die Trauerpflicht auch erst ab Bar bzw. Bat-Mitzwa, also jener der Firmung oder Konfirmation vergleichbaren Feier, mit der ein jüdischer Knabe nach Vollendung seines 13. Lebensjahres (bei einem Mädchen mit Vollendung des 12. Lebensjahres) in alle religiösen Rechte und Pflichten eines jüdischen Mannes bzw. einer jüdischen Frau eintritt. Jahrzeit wird in der Regel am Tag des Todes, nur die erste Jahrzeit meist am Tag des Begräbnisses gehalten.

Jahrzeitlicht Familie Schiller

Jahrzeitlicht Familie Schiller
in der Synagoge unseres Museums

Der Jahrzeittag beginnt mit dem Ma’ariv (Abend)-Gebet des Vorabends und endet mit dem Mincha (Nachmittags)-Gebet des eigentlichen Tages. Sowohl zu Hause als auch, wenn vorhanden, in der Synagoge, soll am Jahrzeittag ein Jahrzeitlicht vom Vorabend bis zum Abend des Jahrzeittages brennen, also 24 bis 26 Stunden. Zwischen Toraschrein und Jahrzeittafel-Installation befinden sich sechs Jahrzeitlichter. Darunter jenes der Familie Schiller, das Herr Oskar Schiller, der nach 1945 nach Eisenstadt zurückgekehrt war, für seine in der Schoa ermordeten Eltern und Geschwister anlegen ließ (siehe besonders auch den Blogartikel „Bild der Woche – Jahrzeit Oskar Schiller„).

Besondere Freuden, wie die Teilnahme an einer Hochzeit, einer Beschneidung, einer Bar-Mitzwa etc., außer wenn diese Feste ohne Musik durchgeführt werden, werden am Jahrzeittag und insbesondere am Vorabend unterlassen.

Am Schabbat vor der Jahrzeit wird der Trauernde zur Tora aufgerufen, das Gedächtnisgebet ›Gott, voller Erbarmen …‹ wird für den Verstorbenen gebetet.

Am Jahrzeittag wird Kaddisch gesagt. Das Kaddisch-Gebet, wohl eines der bekanntesten Gebete des Judentums, welches sich in vier Arten gliedern lässt, ist vorwiegend in aramäischer Sprache verfasst und basiert auf dem biblischen Buch Ezechiel, Kapitel 38, Vers 23 und auf Versen des Buches Daniel. Weiß jemand den genauen Todestag nicht, wird ein Datum ausgewählt und von da an der Jahrzeittag an diesem Datum gehalten.

Zur Berechnung der Jahrzeit

Ausschlaggebend für die Berechnung ist selbstverständlich der jüdische Kalender, ein Schaltjahr mit 13 Monaten wird als ein Jahr gerechnet. Das heißt, wenn der Todesfall in einem Schaltjahr in die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew, Tevet, Schvat oder Adar I fiel, wird die Jahrzeit im jeweiligen Sterbemonat, also in diesem Fall im 13. Monat, begangen. Analog verhält es sich, wenn der Todesfall in einem gewöhnlichen Jahr auf ein Datum der Monate Nisan bis Elul fällt, das nächste Jahr aber ein Schaltjahr ist. Hat sich der Todesfall in einem Schaltjahr im Adar II ereignet, wird in einem gewöhnlichen Jahr der Jahrzeittag im Adar I gehalten, in einem Schaltjahr im Adar II; ereignete sich der Todestag in einem gewöhnlichen Jahr etwa am 5. Nisan, so wird im Schaltjahr darauf der Jahrzeittag ebenfalls am 5. Nisan, also im 13. Monat, gehalten etc.

Fiel der Todestag auf einen Neumondtag, wird der Jahrzeittag immer am selben Neumondtag gehalten (z.B. Todestag erster Neumondtag ist Jahrzeit erster Neumondtag; Todestag zweiter Neumondtag ist Jahrzeittag zweiter Neumondtag). Fiel der Todestag auf den zweiten Neumondtag der Monate Kislew oder Tevet (s.o.), und im nächsten Jahr haben diese Monate nur einen Neumondtag, wird der Jahrzeittag am ersten Neumondtag der jeweiligen Monate gehalten, fiel der Todestag auf einen Tag nach dem Neumondtag in einem Jahr, in dem der betreffende Monat (Kislew oder Tevet) nur einen Neumondtag hatte, der Monat im nächsten Jahr aber zwei Neumondtage hat, wird der Jahrzeittag nicht am zweiten Neumondtag, sondern am Tag nach dem zweiten Neumondtag gehalten.


Historische Objekte wie die Jahrzeittafeln dürfen als Inbegriff jüdischer Geschichte und genuin jüdischer Kultur, deren museale Aufarbeitung und Präsentation eine primäre Aufgabe des Museums ist, gesehen werden. Aber abgesehen davon ist die Installation der 755 Jahrzeittafeln in unserer Synagoge eines meiner Lieblings“objekte“ im Museum.

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Die ehemalige Synagoge in Kobersdorf

Seit einigen Monaten ist auch hier im Blog das jüdische Kobersdorf eines unserer Hauptthemen und wird ein solches wohl auch noch einige Zeit bleiben. Vor allem, weil erst ein kleiner…

Seit einigen Monaten ist auch hier im Blog das jüdische Kobersdorf eines unserer Hauptthemen und wird ein solches wohl auch noch einige Zeit bleiben. Vor allem, weil erst ein kleiner Teil (10%) der Grabsteine bzw. Grabinschriften des jüdischen Friedhofs von Kobersdorf aufgearbeitet ist, aber auch, weil wir sehr gerne den Prozess der ehemaligen Synagoge Kobersdorfs, die derzeit restauriert wird, begleiten.

Da wir sowohl von EinzelbesucherInnen als auch bei Gruppenführungen immer wieder auf die Kobersdorfer Synagoge angesprochen werden, ging’s am vorletzten Sonntagvormittag, einem der letzten schönen und wolkenlosen Herbsttage, nach Kobersdorf. Noch zumal die Synagoge vor genau 160 Jahren, am 11. April 1860, feierlich eingeweiht wurde.

In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten innen zerstört, später von der Sturmabteilung der NSDAP als Turnhalle und Vereinsheim verwendet. Eine Sprengung wie den nahegelegenen Synagogen in Deutschkreutz und Lackenbach 1941 blieb der Kobersdorfer Synagoge erspart.
1994 wurde die ehemalige Synagoge vom „Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf“ von der Israelitischen Kultusgemeinde erworben, 2010 wurde das Gebäude endlich unter Denkmalschutz gestellt.
2019 kaufte das Land Burgenland die ehemalige Synagoge, die Restaurierungsarbeiten haben schon begonnen. Auf der Webseite der Landesregierung Burgenland erhalten Sie alle Informationen zum Synagogengebäude (Geschichte der Synagoge, Baugeschichte) und dem aktuellen Stand der Restaurierungsarbeiten!

Sitzplan der alten Synagoge, 1. Hälfte 19. Jahrhundert

Sitzplan der alten Synagoge, etwa 1830-1860



Nachdem die alte Synagoge in Kobersdorf Mitte des 19. Jahrhunderts, als die jüdische Bevölkerung mit etwa 600 Einwohnern/Einwohnerinnen ihren Höchststand erreichte, zu klein geworden war, begann man ca. 150m entfernt mit der Errichtung der neuen Synagoge, die am 11. April 1860 feierlich eingeweiht werden konnte.

Rabbiner war damals Abraham Shag Zwebner.
„Shag“ oder „Shog“ war der Vulgoname nach dem im jüdischen Volksmund so genannten Aufenthaltsort seines Vaters, Rabbiner Jehuda Löb Shag bzw. Shog, Ipolyság.

Zwebner wurde am 17. April 1801 (04. Ijjar 561) in Hlohovec (deutsch: Freistadl) in der Slowakei geboren, studierte bei Rabbiner Chatam Sofer (1762-1839) in Pressburg, wo er auch die Smicha erhielt, also die formelle Einsetzung als Rabbiner. 1851 kam er als Rabbiner nach Kobersdorf (übrigens im selben Jahr, in dem Rabbiner Esriel Hildesheimer als Rabbiner nach Eisenstadt kam). In seine Amtszeit fiel auch der Neubau der Synagoge von Kobersdorf im Jahr 1860.

Von seinen Werken wurden nur sein Responsenwerk Ohel Avraham“ („Zelt Abrahams“), 1881, und seine Predigten Draschot HaRo’sch“ („Predigten von Rabbiner Abraham Shag“), 1904, gedruckt. Am 19. Mai 1873 (22. Ijar 5633), im Alter von 72 Jahren, ging Rabbiner Zwebner nach Eretz Israel, näherhin nach Jerusalem, wo er am 25. März 1876 (29. Adar 636) verstarb. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof auf dem Ölberg in Jerusalem.

Seine Ehefrau Leni (Rebekka Lea), geb. Spitz, starb schon 1863 und ist am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben.

Leopold Moses, Archivar und Bibliothekar, 1888 in Mödling bei Wien geboren, 1943 in Auschwitz ermordet, besuchte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes, darunter auch Kobersdorf, nicht ohne die Bedeutung von Rabbiner Zwebner ausdrücklich zu erwähnen:

Die Kobersdorfer Juden studieren nicht ‒ vielleicht kommt das von ihrem reichlichen Kohlensäuregenuss ‒ und typisch für ihr Wesen ist jener Jude mit dem Tischa b’Av-Bärtchen in dem von Gesundheit strotzenden Gesicht, den ich da in der Woche vor dem 9. Av breitspurig in der Mitte der großen Gaststube des jüdischen Wirtshauses stehen und ein Glas Rotwein mit Kennermiene trinken sah. So kommt es auch, dass in Kobersdorf, das geistig-jüdische Leben nie so ganz jene Pflege fand, deren es sich sonst überall im Lande erfreute, und dass dort auch das Rabbinat nicht ganz so hervorragende Persönlichkeiten aufwies wie in den Nachbargemeinden.

Und doch finden wir auch in der bescheidenen Reihe der der Nachwelt bekannten Rabbiner Kobersdorfs einen Mann von großem Zuschnitt, der auch unserer Zeit noch viel bedeutet, und das ist der im Jahre 1801 in Freistadtl geborene Schüler des Chatam Sofer R. Abraham Zwebner, der nach dem Aufenthaltsort seines Vaters Ipolysag, meist nur R. Abraham Schag genannt wurde. Von diesem Manne rühren die Schriften Ohel Abraham und Deraschat ha Rosch her, aber noch bedeutender als durch diese wurde er für die innere Entwicklung der ungarischen Judenschaft durch die Tatsache, dass er auf der Versammlung der orthodoxen Rabbiner, die gegen den Kongress der Reformfreunde im Jahre 1865 einberufen worden war, gegen die Trennung der Gemeinden auftrat und als sein Standpunkt nicht durchdrang, nach Erez Jisrael ging, wo er im Jahre 1876 starb. Er mochte dabei wohl gedacht haben, dass allem Streit innerhalb der Judenheit des Exils keine Bedeutung innewohnt, wenn man ihn unter dem Gesichtswinkel des seiner Kinder beraubten Landes Jisrael betrachtet, und dass es nur darauf ankäme, die Erlösung herbeizuführen, um den Streit über den Standort des Almemor, über die ungarische oder deutsche Predigt und dergleichen weltbewegende Dinge mehr verstummen zu machen.

Leopold Moses, Bilder aus Österreich, in: Jüdische Presse 11 (1925) 51-52 (18.12. 1925), 338f

In der Tat war die Diskussion über den Standort der Bima / des Almemors, also des Vorlesepults, auch in die jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes übergeschwappt (zur Begriffserklärung siehe den Artikel Bima“ in der Jüdischen Allgemeinen). Orthodoxe Synagogen haben meist die Bima / den Almemor in der Mitte der Synagoge, reformierte Synagogen haben sie nach vorne zum Toraschrein gerückt („geostet“). So wurde zum Beispiel die Bima in der Synagoge von Schlaining erst nach vorne zum Toraschrein, später wieder zurück in die Mitte gerückt. Oder auch Rechnitz: Der Gemeindevorstand plante die Verlegung der Bima, worauf Rabbbiner Gabriel Engelsmann (Rabbiner von 1822 bis 1850) antwortete „Gut, dann verlasse ich morgen Rechnitz“, worauf die Bima in der Mitte und der Rabbiner in Rechnitz blieb (siehe Jüdische Presse 8 (1922), 37-38, 6.10.1922)…

In Kobersdorf war die Bima schon in der ersten Synagoge natürlich in der Mitte (siehe Sitzplan oben), auch in der nun neugegründeten Synagoge kam ein Verrücken nicht in Frage. Dafür war Rabbiner Zwebner Garant, hatte er doch bei Mose Schreiber, dem Chatam Sofer, in Pressburg studiert, der ein glühender Verfechter der mittigen Position der Bima war:

Für Chatam Sofer repräsentiert die Bima den Altar im Tempel, der auf dem Innenhof des Tempels stand und zwar genau in der Mitte. Die Synagoge sei ein kleiner Tempel, ‚Mikdasch me’at‘ (Orach Chajim 28).

Bima“ in der Jüdischen Allgemeinen)

Der ehemalige Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erklärt die Position der Bima in der Mitte als Symbol für die Tatsache, dass die Israeliten um den Berg Sinai lagerten, als sie die Tora
empfingen (Eisenberg Paul Chaim, Erlebnisse eins Rabbiners. Geschichten und Geschichte, Wien 2006, 66ff).
Die auf dem Foto erkennbaren Stufen führten zum Toraschrein!



Ebenfalls ein Schüler von Chatam Sofer war zur selben Zeit der Rabbiner von Deutschkreutz: Rabbi Joachim Katz (Menachen Katz-Proßnitz) trat sein Amt in Deutschkreutz nur wenige Monate nach dem Tod seines Lehrers 1840 an und übte dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1891, also über 50 Jahre aus. Rabbiner Katz-Proßnitz war ein Vertreter der strikten Orthodoxie, duldete keine Neuerungen, das gesamte Gemeindeleben war in Übereinstimmung mit der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, geregelt. Er galt aber nicht nur als ausgesprochen gelehrt und äußerst fromm, sondern sogar als wundertätig.

Und dieser fromme, gelehrte Mann besuchte einmal Kobersdorf und äußerte Kritik am Gitter der Frauenabteilung in der Synagoge. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie er reagiert hätte, wäre die Bima nicht in der Mitte, sondern vor dem Toraschrein gewesen … Aber lesen Sie den Reisebericht von Otto Abeles:

Otto Abeles, Journalist, Zionist, 1879 in Brünn (Mähren) geboren, Deportation nach Bergen-Belsen, 1945 kurz nach seiner Befreiung gestorben, kommt Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts auch nach Kobersdorf:

Sie sind einfache Leute, die Kobersdorfer. Eine Kehilla „prosterer“ Juden, meist Viehhändler und Hausierer, die tagsüber auswärts sind oder gar erst vor Sabbateingang nach Hause kommen und wenig Zeit, auch nicht besondere Neigung zum „Lernen“ haben. Aber sie sind fromm und treu, ein kräftiger, mit der Natur vertrauter Judenschlag und sie haben ihre Grundsätze.

Vor vielen Jahrzehnten wirkte hier eine Leuchte in Israel, der milde, liebevolle Rabbi Abraham Zwebner. Von ihm erzählen alle; die Jungen nach der Überlieferung, die Ältesten ‒ das einfache, ruhige Leben lässt viele Greise und Greisinnen mit frischen Sinnen und frischen Augen den siebzigsten und achtzigsten Geburtstag feiern ‒ weil sie ihn noch persönlich kannten und mit der ganzen Gemeinde ein Stück Weges geleiteten, als er nach Erez Israel zog, noch in rüstigem Mannesalter, um dort auf heiligem Boden sich der Lehre hinzugeben. Bevor er seine Gemeinde verließ, erbaute er die schöne, würdige Synagoge. Sie ist sein Denkmal.

Als der gestrenge Rabbi von Zelem (Deutsch-Kreuz) anlässlich eines Leichenbegräbnisses nach Kobersdorf kam, stellte er entrüstet aus, das Gitter der Frauenabteilung in der neuen Schul sei nicht undurchsichtig genug und forderte die Balbattim auf, ein so dichtes Drahtnetz anzubringen, wie es in Zelem die Frauen vor den Blicken der Männer einwandfrei bewahre. Er kam bei den Kobersdorfern nicht gut an. Sie meinten, wenn dieses Holzgitter ihrem großen Rabbi Abraham Zwebner genügt habe, so sei die Absonderung der Frauengalerie durch ein Drahtnetz bestimmt nicht erforderlich. So wird denn vermutlich die Drohung des Zelgemer, nie wieder nach Kobersdorf zu kommen, wenn man nicht das Holzgitter der Weiberschul durch ein dichtmaschiges Sieb verstärkt, von ihm erfüllt werden müssen. Die Kobersdorfer dürften kaum die gewünschte Änderung in ihrer Synagoge vornehmen. Allerdings bemerkte der fromme Handwerker, in dessen Begleitung ich die Synagoge besichtigte: Die Zeiten sind anders geworden. Stimmt. Und mit ihr die Tracht der Frauen.

Kobersdorf ist ein jüdischer Luftkurort. Hier ist den Gesetzestreuen verstattet, ungestört jüdische zu leben. Sie werden von der Kehilla brüderlich aufgenommen, von der Bauernbevölkerung, in deren Häuser sie wohnen, auf das freundlichste behandelt. Man hat hier die herrlichsten Föhrenwälder, einen köstlichen Gesundbrunnen und den feierlichsten Sabbat.

Otto Abeles, Ein Sommertag in Kobersdorf, in: Die neue Welt, 2 (1928), Heft 50 (31.8.1928), 427f


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Ein ganz besonderer Freiwilligeneinsatz

Im Burgenland gibt es heute so gut wie keine Juden mehr. Jene Nachfahren der Toten, die die Schoa überlebten, leben heute in den USA, in Israel, in Südamerika usw. Die…

Im Burgenland gibt es heute so gut wie keine Juden mehr. Jene Nachfahren der Toten, die die Schoa überlebten, leben heute in den USA, in Israel, in Südamerika usw. Die Pflege der 14 jüdischen Friedhöfe muss daher durch die öffentliche Hand erfolgen und/oder durch Freiwilligenarbeit.

Dass diese aber von Schülerinnen und Schülern der MS Kobersdorf gemacht wurde, ist nicht selbstverständlich und wirklich in höchstem Maße erfreulich.

Vor einigen Wochen wurde ich von Herrn Michael Bauer aus Brooklyn/NY gebeten, jemanden zu organisieren, der die vier Grabsteine seiner Familie am jüdischen Friedhof Kobersdorf vom Grünbelag befreien würde. Ich kontaktierte umgehend die Direktorin der MS Kobersdorf, die sich spontan bereit erklärte, mit Schülerinnen und Schülern ihrer Schule, die sich freiwillig melden, die Arbeit zu machen.

Schon heute Vormittag ging die Aktion über die Bühne. Wir reinigten nicht nur die gewünschten 4 Grabsteine von Gedalja Bauer und Sarl Bauer sowie von Mordechai Gerstl und Resl Gerstl, sondern noch weitere stark durch Grünbelag belastete Grabsteine.

Da die Schülerinnen und Schüler der MS Kobersdorf im Rahmen des Religionsunterrichts jährlich auch den örtlichen jüdischen Friedhof besuchen, freute ich mich sehr über die Gelegenheit, über die hebräischen Inschriften oder die Symbole auf den Grabsteinen zu erzählen sowie den einen oder anderen interessanten Grabstein zu zeigen.

Besonders erwähnt werden darf, dass alle Schülerinnen und Schüler mit größtem Einsatz und mit unglaublicher Genauigkeit und Freude die Arbeit verrichteten. Originalantwort einer 13jährigen Schülerin, nachdem wir ihr sagten, dass sie den Sockel des Grabsteins nicht so genau vom Grünbelag reinigen müsse wie den Teil mit der Inschrift:

Natürlich reinige ich den ganzen Grabstein. Wenn ich das Haus putze, putze ich ja auch nicht nur das halbe Haus…

VORHER:

NACHHER:

Die „Nachher“-Fotos entstanden einige Tage später nach heftigem Regen, da nach der Reinigungsaktion die Sonneneinstrahlung zu stark für aktzeptable Fotos war.


Nach gut 2 Stunden noch rege Diskussionen mit Direktorin, Lehrerinnen und SchülerInnen

Nach gut 2 Stunden noch rege Diskussionen mit Direktorin, Lehrerinnen und SchülerInnen



Ich bedanke mich in aller Form bei der Direktorin Carina Werba, allen Lehrerinnen für katholische und evangelische Religion und vor allem bei den 21 Schülerinnen und Schülern der 3a- und 3b-Klassen für ihre schnelle Zusage, ihre Bereitschaft und die so akribisch ausgeführte Arbeit.


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Über das Waschen der Hände

Eines der schönsten, wertvollsten und interessantesten Objekte unserer Dauerausstellung ist das aus der Judaica-Sammlung Sándor Wolfs stammende Handwaschbecken. Das Handwaschbecken, eine typische Jugendstilarbeit, unter Verwendung islamischer Ornamentik, dürfte wohl für…

Eines der schönsten, wertvollsten und interessantesten Objekte unserer Dauerausstellung ist das aus der Judaica-Sammlung Sándor Wolfs stammende Handwaschbecken.

Das Handwaschbecken, eine typische Jugendstilarbeit, unter Verwendung islamischer Ornamentik, dürfte wohl für den synagogalen Gebrauch bestimmt gewesen sein. Aus welcher Synagoge es stammt, lässt sich nicht mehr feststellen.

Synagogales Handwaschbecken, vermutlich Bezalel, 1910

Synagogales Handwaschbecken, vermutlich Bezalel, 1910; Dauerleihgabe des Landesmuseums Burgenland, Inv.Nr.: 53.223



Material(ien): Messingblech, Glasfluss gefasst, gedrückt, getrieben, punziert, gegossen.
Hergestellt: um 1910, vermutlich Bezalel
Höhe: 63 cm, Breite: 40 cm, Tiefe: 24 cm [1].

Auf der oberen Seite des Handwaschbeckens befinden sich die beiden Gesetzestafeln mit den Anfangsworten bzw. -buchstaben der 10 Gebote, flankiert von zwei Löwen, an den beiden Seiten jeweils eine Hirschkuh. Sowohl der Löwe, das Wappentier des Stammes Juda, als auch die Hirschkuh, das Wappentier des Stammes Naftali, repräsentieren ganz allgemein das Judentum. Vor allem die in Jagdszenen gerne als gejagtes Tier dargestellte Hirschkuh ist die in Sprüche Kapitel 5, Vers 19 genannte Geliebte, die zum Symbol für das trotz aller Verfolgungen Gott die Treue haltende Judentum wird.

Unmittelbar über dem eigentlichen Becken findet sich in vier Zeilen der Segensspruch über das Händewaschen in hebräischer Sprache und Schrift.

בּרוּך אתה ה’ אלהינוּ
מלך העולם אשר קדשנוּ
בּמצותיו וצונוּ על
נטילת ידים

Die Übersetzung lautet:

Gesegnet seist Du, Gott, unser Herr, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns auf das Waschen der Hände verpflichtet hat.

Da es eher ungewöhnlich ist, dass sich dieser Segensspruch auf einem Handwaschbecken, das für den synagogalen Gebrauch bestimmt ist, findet, soll hier näher auf Bedeutung und Verwendung dieses Segensspruches eingegangen werden.

Gesegnet seist Du, Gott, unser Herr, König der Welt

Als Segensspruch im eigentlichen Sinn wird der ‒ meist standardisierte ‒ ausgesprochene Segen, näherhin jener, mit dem die Menschen Gott loben und danken, bezeichnet. Diese Segenssprüche werden hebräisch ›Brachot‹ (Singular: ›Bracha‹) genannt und dürfen als Kernelement des jüdischen Gebetes bezeichnet werden. Denn es sind die Segenssprüche, die den Menschen zur richtigen Gottesfurcht führen, wie es im Traktat Menachot 43b des babylonischen Talmud zur Stelle 5. Buch Mose, Kapitel 10, Vers 12:

Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir …« heißt: »Rabbi Meir sagte: Der Mensch ist verpflichtet, täglich hundert Segenssprüche zu sprechen …

Die Vorschrift, täglich hundert Segenssprüche zu sprechen, finden wir auch im Schulchan Aruch (›gedeckter Tisch‹), dem für das orthodoxe Judentum maßgeblichen Gesetzeskodex des Josef ben Ephraim Karo (Erstdruck 1565), wo es heißt:

Der Mensch ist verpflichtet, jeden Tag wenigstens hundert Brachot zu sprechen; der König David hat dies angeordnet ….

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 6, § 7

Die jüdische Religion kennt drei Arten dieser Segenssprüche:

  1. jene, die vor Erfüllung einer religiösen Pflicht (hebr. ›mitzwa‹) gesprochen werden,
  2. die sogenannten Genuss-Brachot, also Segenssprüche, mit denen wir Gott für alle Dinge, die uns gut tun und die wir von ihm erhalten haben (z. B. Brot und Wein oder die Tora) danken, sowie
  3. Segenssprüche, die reine Lobpreisungen oder Danksagungen sind.

Gemeinsam allen drei Segenssprüchen sind jeweils die direkte Anrufung Gottes (Gott, unser Herr) sowie die ausdrückliche Nennung seiner Eigenschaft als Herrscher der Welt (König der Welt).

Der Segensspruch auf dem Handwaschbecken ist der erste der morgendlichen Segenssprüche und wird täglich nach den ersten Versen des Morgengebetes gesprochen. Unmittelbar auf diesen Segensspruch folgt ein Segensspruch der 2. Art (s. o.), mit dem Gott als Schöpfer des Menschen und als ›Arzt alles Fleisches und Wunder vollbringend‹ gelobt wird. Während diese ersten beiden Segenssprüche im Morgengebet Gott für die Existenz des Menschen generell danken, folgen danach mehrere Segenssprüche, mit denen Gott für die Gabe der Tora gedankt wird bzw. solche über die ›mitzwot‹, also die Verpflichtung(en), sich der Tora zu widmen sowie eine Gruppe von Segenssprüchen, mit denen der Mensch Gott dankt, dass er ihm die 613 Ge- und Verbote erteilt hat und schließlich mehrere Segenssprüche über Dinge, die dem Menschen guttun.

Da dieser Segensspruch über das Waschen der Hände eben schon zu Hause während des Morgengebetes als erster Segensspruch des ganzen Tages gesagt wird, gilt er als für den ganzen Tag gesagt und muss in der Synagoge eigentlich nicht mehr wiederholt werden.

Das Vorhandensein des Segensspruches auf unserem Objekt ist auch der Grund, warum man grundsätzlich auch an ein Handwaschbecken für den häuslichen Gebrauch denken könnte. Dagegen und doch für ein Handwaschbecken für den synagogalen Gebrauch spricht aber die Größe des Beckens und die Tatsache, dass wir doch öfter auch auf älteren Handwaschbecken für den synagogalen Gebrauch (19. und frühes 20. Jahrhundert), vornehmlich aus dem Osten, sehr wohl den Segensspruch finden.

Da kam die Zeit wo die Abendmahlzeit gehalten wird, alle standen auf um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große, silberne, mit getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam mit den Augen, und schlich sich zur Türe hinaus. Die schöne Sara folgte ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes, eilig zog er sie fort, durch die dunklen Gassen Bacherachs, eilig zum Tor hinaus, auf die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt.

Heinrich Heine, Der Rabbi von Bacherach, insel taschenbuch, Frankfurt/Main (1)1985, 22

… der uns durch seine Gebote geheiligt und uns auf das Waschen der Hände verpflichtet hat

Das Händewaschen selbst diente so wie alle anderen Reinigungsbräuche ursprünglich wohl der Abwehr von Dämonen und hatte im heißen Orient naheliegender Weise auch hygienische Gründe. Man wusch und/oder badete sich vor einem Besuch bei einem Höhergestellten, insbesondere natürlich, wenn man vor Gott erschien, um ein Opfer darzubringen (1. Buch Mose, Kapitel 35, Vers 2; 2. Buch Mose, Kapitel 30, Verse 19-21). Das Händewaschen als ausdrücklich genanntes Ritual vor und nach dem Essen findet sich erst im Neuen Testament (Matthäus, Kapitel 15, Vers 2 u. a.) sowie im Traktat Chullin des babylonischen Talmud 105a:

Das Waschen vorher und nachher ist Pflicht, das in der Mitte [also zwischen zwei Speisen, Anm. d. V.] ist freigestellt.

Heute wird der Segensspruch über das Waschen der Hände auch vor dem Essen von Speisen mit Brot verwendet, nach dem Essen müssen die Hände gewaschen werden, jedoch immer ohne Segensspruch:

… wenn das Brot die Größe eines Eies hat, sagt er Bracha über das Waschen; bei weniger als dies sagt er keine Bracha über das Waschen.

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 40, § 1

Später wurden die Vorschriften, die Hände zu waschen, auf andere Bereiche ausgedehnt, so nach dem Verrichten der Notdurft, dem Schneiden und Reinigen der Nägel, nach dem Besuch des Friedhofes, vor dem Beten etc.

Das Händewaschen morgens nach dem Erwachen hat außer der Gesundheit schätzenden Sauberkeit noch die Bestimmung, unsere Hände, und durch sie unser ganzes leibliches Wesen, das im Schlaf nur ein physisches Dasein hatte, für ein Gott dienendes tätiges Leben zu weihen. Ähnlich wie der Priester sich durch Händewaschen (2. Buch Mose, Kapitel 30, Vers 20) zum heiligen Tempeldienst zu weihen hatte.

Hirsch Samson Raphael, Israels Gebete, Basel 1992, 6

Hebräisch heißt dieses ›Händewaschen‹ נטילת ידים ›netilat jadajim‹, womit eigentlich ein Heben der Hände, nämlich

aus der niederen, bloß physischen Natur zu ihrer höheren sittlichen Bestimmung

Hirsch Samson Raphael, Israels Gebete, Basel 1992, 6

angedeutet sein soll (hebräische Wortwuzel נטל ›ntl‹). Damit geschieht mit dem Händewaschen schon konkrete Vorbereitung auf den beginnenden Gottesdienst. Lau leitet das Wort ›netila‹ vom aramäischen Wort ›natla‹ ›Gefäß‹ her und sieht darin die Aufforderung, dass das Händewaschen

nur mit einem mit sauberem Wasser gefüllten Gefäß vorgenommen werden muss…

Lau Israel Meir, Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh (4)1997, 7

Das vorliegende Handwaschbecken dient(e) zum Waschen der Hände vor und nach dem Synagogenbesuch, der Segensspruch wird jedoch, da schon am Morgen geschehen, nicht gesprochen:

Man soll vor dem Gebet die Hände bis zum Gelenk mit Wasser waschen (Rambam). Darum, wenn man auch seine Hände am Morgen gewaschen hat …, wenn man nachher mit den Händen irgendeine unsaubere Stelle berührt hat, das sind die Stellen, die beim Menschen bedeckt sind, an denen sich Schweißkügelchen vorfinden, oder wenn man den Kopf gerieben oder wenn man sie am Morgen nicht bis zum Gelenk gewaschen hat, muss man sie vor dem Gebet nochmals waschen. Wenn man kein Wasser hat, muss man sich danach bemühen, vier Mil (18 Minuten gleich ein Mil) weiter zu gehen (wohin man doch gehen wollte) oder ein Mil zurück. Wenn man aber fürchtet, inzwischen könnte die Zeit des Gebetes vorübergehen, reinige man seine Hände an einer Erdscholle oder mit Staub oder jeder Sache, die reinigt, und bete: ›denn es heißt (Psalm, Kapitel 26, Vers 6), ich wasche in Reinheit meine Hände … ich wasche mit Wasser, wenn es möglich ist, und wenn nicht, in Reinheit, mit jeder Sache, die reinigt‹.

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 12, § 5


[1] Die Bezalel-Akademie für Kunst und Design wurde 1906 vom Bildhauer und Maler Boris Schatz (1867-1932) in Jerusalem gegründet, bereits 1911 studierten etwa 460 Studenten an ihr. Sie wurde 1932, nach dem Tod Schatz's geschlossen und 1935 unter dem Maler und Graphiker Joseph Budko (1888-1940) als ›New Bezalel‹ wiedereröffnet. Für die kunsthistorische Analyse des Handwaschbeckens danke ich Frau Dr. Felicitas Heimann-Jelinek, Wien. [Zurück zum Text (1)]


Erstpublikation als Printversion: Johannes Reiss, Über das Waschen der Hände, in: Forscher ‒ Gestalter ‒ Vermittler. Festschrift Gerald Schlag, hrsg. von Wolfgang Gürtler und Gerhard Winkler, (WAB) Band 105, Eisenstadt 2001, 357-361.

Der Blogartikel ist eine überarbeitete Version des gedruckten Artikels.


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