Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Leben und Glaube

Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von…

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von Jehuda Hirschler und Esther Kohn im Wertheimerhaus in Eisenstadt, in dem sich heute das jüdische Museum befindet, geboren. Er starb am 01. Mai 2001 in Israel.
Ein berührender Artikel über seine Kindheit in einer ausgelöschten Welt.

Schabbatkette jüdisches Viertel Eisenstadt

Insgesamt standen 31 Häuser in der Judengasse, die sich wie ein umgekehrtes Dalet (ד = vierter Buchstabe im hebräischen Alphabet) erstreckte: beginnend bei den beiden Säulen mit der Kette im Osten bis zu den Häusern im Westen, die an das Spital der ›Barmherzigen Brüder‹ grenzten und von hier verlief sie in Richtung Norden bis zum Tor des alten Friedhofs. An der Südwestecke, beim Ausgang auf die ›Straße‹, befand sich ein Gittertor, das, ähnlich den dicken und schweren Eisenketten im Osten, auch an den Abenden vor Schabbattagen und Festen bis zum Ausgang des Schabbats bzw. des Festes für jeglichen Fahrzeugverkehr geschlossen wurde. Wie in früheren Jahren war in den Tagen meiner Kindheit und Jugend die autonome Gemeindestruktur der Gasse mit dem Namen Unterberg-Eisenstadt noch beibehalten und wir hatten einen eigenen Bürgermeister. Sogar als Kinder waren wir sehr stolz auf dieses Recht, das ein zusätzliches Flair auf den besonderen Charakter des Judenviertels und auf die Lebensatmosphäre in ihm ausübte.

31 Häuser: auf dem Tor eines jeden war eine kleine Tafel aus Holz oder Blech angebracht, auf die der Schames (Synagogendiener) zweimal am Tag dreimal schlug ‒ ta, ta, ta ‒ um bekannt zu geben, dass die Zeit des Morgen-, Mittag- oder Abendgebetes gekommen ist. Mit großer Pünktlichkeit, fünf Minuten vor dem Beginn des Gebetes in der Synagoge, schlug Herr Feldmann mit einem dicken Holzhammer auf das Tor Nr. 1, das Haus des Gabriel, das neben der Kette stand, und beendete binnen fünf Minuten die Runde beim Haus Nr. 31, das gegenüber (vom Haus Nr. 1), ebenfalls neben der Kette, war. In diesem Haus, Nr. 31, das heute ›Wertheimerhaus‹ genannt wird (mit Recht, denn es wurde von Rabbi Samson Wertheimer erbaut), und das im Besitz der Familie Wolf war, wohnten wir. Das Tor des Hauses ging auf die Judengasse, unsere Fenster schauten nach Osten; von ihnen blickten wir auf die Türme des Schlosses Esterházy, zum Hofgarten und auch auf die Abhänge des nahe gelegenen Waldes. Noch klingt in meinen Ohren das Zwitschern der Lerchen, das vom Park und vom Wald her den Morgen der Sommertage durchbrach, und ich erinnere mich an die sorglosen und glücklichen Tage meiner Kindheit in diesen Jahren, als auch die Erwachsenen nicht ahnen konnten, welche Vipern in Menschengestalt in viel späteren Jahren von allen Seiten hervorbrechen würden. Die Häuser der Gasse waren klein, die meisten von ihnen einstöckig, einfach und bescheiden; aber einige waren in ihrem Stil sehr pittoresk, und die Maler malten besonders gern das letzte Haus im oberen Teil der ›Oberen Gasse‹, links vom Tor des Friedhofes (an seiner Stelle befindet sich heute der Eingang zum Krankenhaus). Auf den Türstürzen einiger Häuser waren Krugformen ziseliert, um zu kennzeichnen, dass ihre Besitzer Leviten waren, die beim Gottesdienst die Handflächen der Priester wuschen, bevor diese auf das Podium stiegen, um das Volk zu segnen. Es scheint mir, dass Reliefs wie diese noch auf den Toren von zwei Häusern erhalten sind.

Neben dem Wertheimerhaus stand das Strohhaus, in dem im Jahr 1761 Rabbi Akiba Eger geboren wurde, der durch seine Lehre die Diaspora Israels erleuchtete, und der auch, als er schon Rabbiner von Posen war, seine Responsen ›Akiba, Sohn des Rabbi Mose Güns aus Eisenstadt‹ unterzeichnet hatte. Die Grabsteine von Rabbi Mose Güns und seinen Familienangehörigen sind noch auf dem alten Friedhof erhalten, nicht weit vom Grab des berühmtesten der Rabbiner Eisenstadts, des MaHaRaM Asch, (Rabbi Meir Eisenstadt), dem Verfasser der Bücher ›Panim me’irot‹ (›Leuchtendes Antlitz‹). Wenn nicht neue Vandalen kommen, werden diese Gräber noch viele Generationen erhalten bleiben.

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum



Gegenüber diesem Haus stand die große Synagoge (zu unterscheiden von der ›Kleinen Schul‹, die Samson Wertheimer in seinem Haus gebaut hat; in ihr betete man zu meiner Zeit nur an hohen Feiertagen und an besonderen Festen. Sie wurde jetzt von neuem, dank der Anstrengungen von Prof. Kurt Schubert (04. März 1923 – 04. Februar 2007), wieder hergestellt). Mit der großen Synagoge waren das ›Gemeinde-Haus‹, die Rabbinerwohnung, das Badehaus und die Mikwe sowie das ›Schiurzimmer‹, in dem die großen Rabbiner von Eisenstadt ihren Schülern Unterricht gaben, verbunden. Hier errichtete der Rabbiner Asriel Hildesheimer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts seine berühmte Jeschiva (Rabbinatsschule), ehe er nach Berlin übersiedelte, wo er das bekannte Rabbinerseminar gründete. In meiner Kindheit kannte ich noch einen seiner letzten Schüler in Eisenstadt, Herrn Asriel Wolf, einen alten Junggesellen, den mein gottseliger Vater als einen wahren Toragelehrten überaus schätzte; in ihm vereinten sich Tora und Lebensweisheit. Zu ihm schickte mich mein Vater manchmal am Schabbat Vormittag ›zum Verhör‹.

Hier, in der Synagoge und ihrer Umgebung, war das Zentrum des Gemeindelebens. Hier versammelten sich die Gemeindemitglieder an Wochen-, Schabbat- und Feiertagen zum Gebet. An den hohen Feiertagen kamen sie und ihre Familienangehörigen, auch jene, die in anderen Teilen der Stadt wohnten, sowie Juden aus den umliegenden Dörfern. Als Kinder fühlten wir nur die Atmosphäre der Heiligkeit, die sich während dieser Zusammenkünfte ausbreitete; wir wussten nur wenig von den Sorgen, die die Herzen unserer Eltern und der übrigen Betenden erfüllten, ‒ Unterhalts-, Erziehungs- und Gesundheitssorgen. Hier kamen die meisten der Gemeindemitglieder zusammen: Händler, Handwerker, Beamte und Lehrer, Weinkellerarbeiter, Ärzte und Rechtsanwälte. Sobald sie in ihren Tallit (Gebetsmantel) gehüllt oder mit dem weißen ›Kittl‹ an den hohen Feiertagen bekleidet waren, konnte man an ihnen keinen Standesunterschied erkennen.

Die Feste verbreiteten eine besondere Atmosphäre in der Gasse. Ernst und mit Ehrfurcht im Herzen kamen die Leute zu Neujahr und am Versöhnungstag in die Synagoge, so wie es sich an Tagen gebührt, an denen der Mensch gefordert ist, sein Gewissen zu erforschen und er seinem Los im kommenden Jahr entgegenbangt. Aber schon in der Woche vor diesen Festen, an den kühlen Morgen des Monats September, vor dem Aufgehen der Morgenröte, gingen wir schweigend in die beleuchtete Synagoge und sagten die ›Slichot‹ (Bußgebete) als Vorbereitung auf die hohen Feiertage. Uns Kindern schien es, als wäre die ganze Welt jetzt in tiefen Ernst gehüllt. Aber gleich nach diesen Feiertagen kamen die Tage des Laubhüttenfestes und in allen Höfen wurden Laubhütten mit dem ›Skakh‹ (Laub, um die Laubhütte zu bedecken) aufgestellt; die Bedeckung bestand aus grünen, wohlduftenden Zweigen. Die Dekorationen an den Wänden gestalteten wir Kinder: vielfärbige Sterne, angefertigt aus glänzendem Buntpapier. Wir lernten diese Kunst in den Handarbeitsstunden in der jüdischen Volksschule, die hinter dem Hof des ›Strohhauses‹ stand. Die Herbstluft war bei diesem Fest schon getränkt vom Duft der Weintrauben und des Mostes, der aus allen Weinbergen und Weinkellern rundum aufstieg. Der letzte Tag des Sukkotfestes ‒ es ist der Tag von ›Simchat tora‹ (Freudenfest der Tora), an dem das Lesen der Toraabschnitte endet und von Neuem beginnt ‒ entschädigte uns für den tiefen Ernst an den Festen, die dem Sukkotfest vorausgegangen waren: Die Stimmung war fröhlich! Alle Kinder, auch die kleinen, die noch nicht das Alter der Gebote (der religiösen Pflichten, bei Buben mit 13 Jahren) erreicht hatten, wurden zur Tora aufgerufen, und, um die Freude zu vergrößern, wurden aus verschiedenen Fenstern Äpfel und Nüsse zu den Kindern bei ihrem Auszug aus der Synagoge geworfen.

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum



Ich kenne den Grund für diesen Brauch, den ich danach in keiner anderen Gemeinde gesehen habe, nicht. Vielleicht fielen hier zwei Motive zusammen: das eine, dass die Symbole dieser Früchte in den Midraschim (religiöse Auslegungsschriften) mit Israel verglichen werden, und das zweite ‒ ein Gedenken an das ›Erntefest; der Beiname für das Sukkotfest. Auf jeden Fall erfreuten uns alle diese Tage sehr, sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen.

Chanukkaleuchter, Leihgabe Burgenländisches Landesmuseum

Danach kamen die kalten und verschneiten Tage des Winters und mittendrin das Chanukkafest. Mit dem Dunkelwerden wurden in allen Häusern auf den Fenstersimsen die winzigen Chanukkakerzen auf dem kleinen Leuchter entzündet, der das ganze Jahr im Kasten oder auf dem Regal darauf warte, seine Aufgabe während der acht Chanukkatage zu erfüllen. Danach setzten wir uns ‒ alle Familienangehörigen und manchmal mit eingeladenen Freunden ‒ zu Tisch zu den typischen Chanukkaspielen, in deren Mittelpunkt das Spiel mit dem Kreisel, das ›Trendel‹ (ursprünglich ›Drehdel‹) genannt wurde, stand. Manchmal zogen sich die Erwachsenen auf einen anderen Tisch zurück und spielten ein harmloses Kartenspiel; die Wette ging im Allgemeinen ‒ wie auch beim Spiel mit dem Kreisel ‒ um Nüsse! Das muss man wissen, denn in der Gemeinde Eisenstadt war das Kartenspiel das ganze Jahr hindurch ›verpönt‹ und ein schwerwiegender Bann wurde bereits in den Tagen des MaHaRaM Asch zu Beginn des 18. Jahrhunderts darauf gelegt. Er legte damals viele Verordnungen zur Verbesserung der Moral fest, wie etwa das Verbot für Frauen, Kleider in der neuen Mode des ›Kreolin‹ zu tragen. Das strengste unter allen Verboten war der Bann auf das Kartenspiel und auch in meiner Jugend achtete man im Judenviertel nicht weniger darauf als auf die Kaschrutgesetze (Gebote der rituellen Tauglichkeit, Speisegesetze). Wer aber dem Spieltrieb nachgab, fand für sich einen Ausweg und ging insgeheim mit seinen Freunden in das benachbarte Dorf Kleinhöflein, aus der Annahme heraus, dass der Bann dort nicht mehr gelte. Aber in den Verordnungen des MaHaRaM Asch war das Spiel in den Nächten des Chanukkafestes erlaubt. Man nützte diese Erlaubnis, wenn auch in sehr bescheidener Form! Weil es keinen Bann gibt, der, wenn er aufgehoben war, automatisch seine Gültigkeit wiedererlangt, sondern nur, wenn er von Neuem erklärt wird, verlängerte der Rabbiner (in Übereinstimmung mit dem Gemeindevorsteher) die Zeitdauer der Erlaubnis um einige Tage. Und ich erinnere mich, wie in den Tagen meiner Kindheit der Rabbiner oder der Vorbeter auf die Bima stieg und neben der Torarolle verkündete:

Das Spielen ist asur (verboten) ke-vime kedem (wie früher)!

Zitat Meir Ayali

Und wieder erlangte das puritanische Verbot seine Gültigkeit und der Ernst senkte sich auf die Judengasse bis zum Purimfest im Monat Adar (März/April). An diesem Fest feierten wir die Niederlage des Haman, dem Urvater aller Antisemiten auf der Welt, und niemand konnte damals ahnen, welcher diabolische, um vieles gefährlichere Haman schon darauf wartete, das jüdische Volk zu vernichten und es von der Wurzel her auszurotten; und die Vernichtungswelle sollte ausgerechnet von hier, den ›Siebengemeinden‹ im Burgenland, ihren Anfang nehmen. Fröhlich und freudig drängten wir uns am Purimfest mit den Masken auf unserem Gesicht und wir halfen auch unseren Eltern beim Verteilen der ›Purimgeschenke‹; dieser Brauch sollte die Freundschaft unter den Nachbarn vermehren, wie es uns im Buch Ester befohlen wurde. Mutter legte auf den Teller ein paar Früchte und ein paar Süßigkeiten, herrliche ›Linzerkipferl‹, gab alles in eine farbige Hülle und sagte:

Jetzt gehst du zu Berger. Sagst ›Küss die Hand und guten Purim. Mama schickt Schlachmones‹ und genauso in andere Häuser, die selbstverständlich dieses wichtige Gebot ebenfalls einhielten.

Zitat Meir Ayali

Koscher-Stempel für Pesach

Der Winter zog vorbei, der Schnee verschwand und das Frühlingsfest kam: es ist das Pesachfest, das Fest des Auszugs aus Ägypten, von der Sklaverei in die Freiheit, durchdrungen von Sehnsucht nach baldiger Erlösung und dem Glauben an das Kommen des Propheten Elias, dem Verkünder des Messias, bald in unseren Tagen. Jetzt kam auch die Zeit der großen Reinigung. Es genügte nicht das wöchentliche Scheuern des Fußbodens, das Reinigen und das gewöhnliche Waschen. Jetzt drehte man das ganze Haus um, reinigte, wusch und scheuerte bis auf die Grundfeste und die Hauptsache war, dass sich zum Pesachfest auch nicht ein Körnchen von Gesäuertem im Hause finde! Manchmal bekam man auch ein neues Gewand anlässlich des Festes. Aus der ganzen Gasse stieg der Lärm des Waschens und Scheuerns auf und der Geruch der Sauberkeit breitete sich in allen Häusern aus. Es kam die Sedernacht: nach dem Gebet in der Synagoge setzten sich die Familien zusammen, um das Fest mit dem Lesen der ›Haggada der Pesachnacht‹, der Geschichte des Auszugs aus Ägypten, zu feiern, wie es Brauch unserer Väter durch viele Jahrhunderte hindurch war. Alle Familienangehörigen sangen bis in die späten Nachtstunden die Lieder des Pesachfestes, des Festes unserer Freiheit; eines der Kinder öffnete die Tür weit als Zeichen des Gefühls der Freiheit und in Erwartung auf die Erscheinung des Propheten Elias, dessen Kommen sich verzögerte. Das Trinken der vier Becher in dieser Nacht, die die vier Ausdrücke der Erlösung symbolisierten, die beim Auszug aus Ägypten gesprochen wurden:

ich führte euch (hinaus aus Ägypten)« … »ich rettete euch« … »ich erlöste euch« … »ich nahm euch

2. Buch Mose 6,6-7

Und sogar das Trinken kleiner Mengen hatte seine Wirkung auf unsere Köpfe, die wir um Mitternacht bei einem kurzen Spaziergang bis zum Schlossplatz milderten. Aber obwohl wir im Zentrum der österreichischen Weinkultur wohnten, sah ich niemals einen Betrunkenen durch die Judengasse gehen, nicht einmal beim Purimfest.

So wurden in der Judengasse und in den Familien die übrigen Feste gefeiert, die in unseren jungen Herzen viele tiefe Erlebnisse auslösten. Natürlich herrscht in diesen Schilderungen eine übertriebene Idealisierung, die von Erinnerungen einer fernen Kindheit herrührt. Aber auch damals blieben vor uns die Gefahren nicht verborgen, die manchmal über den Köpfen unserer Eltern schwebten. Zur Zeit meiner Kindheit lebten unter uns noch alte Leute, die sich an die Blutbeschuldigung von ›Tisza Eszlar‹ erinnerten und in den Schaukästen der Nazis, die allenthalben aufzutauchen begannen, wurden giftige Andeutungen ‒ genommen aus dem ›Stürmer‹ ‒ gemacht. Da wir Kinder eine moralisch-puritanische Erziehung genossen hatten und es gemäß den strengen religiösen Gesetzen bezüglich der Kaschrut verboten war, Fleisch zu essen, bevor das Blut durch Einsalzen entfernt worden war, konnten wir nicht glauben, dass jemand von unseren Nachbarn, vor denen wir nichts zu verbergen hatten und mit denen wir in Partnerschaft und Frieden lebten und für die Entwicklung der Stadt arbeiteten, imstande war, diesen ›Unsinn‹ zu glauben.

Nicht in allen Bereichen der Religion ging das Leben in der Gemeinde in den Tagen meiner Jugend so vor sich wie in früheren Jahren. In der Judengasse, die am Schabbat an ihren beiden Ausgängen für den Fahrzeugverkehr abgesperrt wurde ‒ mit einer Eisenkette auf der einen, mit einem Gittertor auf der anderen Seite ‒ waren die Geschäfte selbstverständlich geschlossen. Aber im Zentrum der Stadt, in der ›Hauptgasse‹, waren schon einige Geschäfte von Juden am Schabbat geöffnet, aus der Befürchtung heraus, dass ihr Einkommen zu arg beeinträchtigt werde. Auch in ihren religiösen Einrichtungen war die Gemeinde Eisenstadt schon nicht mehr das, was sie in früheren Jahrhunderten war, als das Licht ihrer Lehre weithin erstrahlte. Die Sorge des gottseligen Vaters darüber war an seinen Seufzern ersichtlich, die manchmal aus seinem Mund schlüpften.

Aber die allgemeine Atmosphäre in der Gasse wurde in meiner Kindheit noch bewahrt. So funktionierten die Einrichtungen der Wohltätigkeit, der Unterstützung und der gegenseitigen Hilfe perfekt. In der Gasse gab es schon nicht mehr viele Reiche, außer der Familie Wolf, die hohe Abgaben an die Gemeindekasse und die Einrichtungen der Gemeinde leistete; doch auch an ihr war die Wirtschaftskrise erkennbar. Aber alle Gemeindemitglieder trugen das Joch dieser Einrichtungen und beteiligten sich überall, wo es nötig war, persönlich an der Hilfeleistung. Die ›Chevra kadischa‹ (›Heiliger Wohltätigkeitsverein‹), die offensichtlich dazu gegründet wurde, sich um die Toten und deren Begräbnis zu kümmern, ließ auch den Lebenden durch Beistand in der Stunde einer Krankheit oder einer anderen Bedrängnis Hilfe angedeihen.

In den Tagen meiner Kindheit gab es noch für alle Fälle (leere) Krankenzimmer in der ›Oberen Gasse‹. Aber es wurde mir erzählt, dass viele Jahre, bevor ich geboren wurde, die Cholera in Eisenstadt wütete und viele Kranke in diese Krankenzimmer gebracht wurden. Ich weiß nicht, wie weit die Geschichte authentisch war, die man im Zusammenhang damit über Herrn Adolf Gabriel, den Vorsteher der ›Chevra kadischa‹, erzählte. Ich kannte ihn in meiner Jugend, wie er wegen seiner schrecklichen Kurzsichtigkeit durch die Gasse taumelte. Auch als Greis noch war er ‒ natürlich ehrenamtlich ‒ seinen Aufgaben in der ›Chevra kadischa‹ treu ergeben. Über ihn erzählte man, dass er in den Tagen der Cholera nicht von den Betten der Kranken in dem kleinen ›Spital‹ wich, sie pflegte, ihnen zu essen gab und sich selbst darum kümmerte, dass jene, die verstarben, begraben wurden. Es war schwer zu glauben, welch körperliche, seelische und moralische Kräfte in diesem kleinen, mageren und bescheidenen Mann ruhten. Manchmal lachten wir über seine Kalkulation, als wir in sein Geschäft kamen, das fast leer war von Waren und Kunden, und ihn in der ›Neuen Freien Presse‹ lesen sahen, die wegen seiner Kurzsichtigkeit wirklich auf seinen Brillen lag, und die Zigarette in seinem Mund ein Loch in die Zeitung brannte. Über die Einrichtungen der Wohltätigkeit und der gegenseitigen Hilfe, so wie sie noch in den Tagen meiner Jugend aufrecht waren, wäre es wünschenswert, mehr Einzelheiten zu erzählen, die Zeugnis ablegen über ihren besonderen Charakter und über den Grundsatz der ›Mitzwa‹ (religiöse Pflicht; Gebot; gute Tat; Anmerkung des Übersetzers), auf den hin wir erzogen wurden. Das entscheidende Element der Wohltätigkeit war, dass sie in einer Form ausgeübt wird, die den Bedürftigen nicht beschämt. Es scheint mir, dass noch über der Wohltätigkeitskasse beim Eingang in die Synagoge von Rabbi Samson Wertheimer die Anfangsbuchstaben Mem, Bet, Jod, Alef eingraviert sind, (ein hebräisches Akrostychon; Anmerkung des Übersetzers) von Sprichwörter, Kapitel 21, Vers 14:

Ein Geschenk im Geheimen verdrängt den Zorn Gottes

Typisch dafür war die Wohltätigkeitskasse, die die Leute der ›Chevra kadischa‹ auf den Tisch im Haus von Trauernden stellten. Viele Münzen lagen schon darin, wenn sie unverschlossen zu den Trauernden gebracht wurde. Und selbstverständlich warf jeder, der kam, um sie in den sieben Tagen der Trauer zu trösten, ‒ durch einen Schlitz an der Oberseite ‒ heimlich etwas von seinem Geld in die Kasse ein; jeder so, wie er dazu imstande war. Die Absicht war, dass die Familie der Trauernden, die in den sieben Tagen ihrer Trauer verhindert war, ihrer Arbeit nachzugehen, am Abend ohne jede Überprüfung die ganze Summe, die für ihre Lebenshaltung notwendig war, aus der Kasse entnehmen konnte. Niemals überprüften die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ den Inhalt der Kasse und ich hätte mich nicht gewundert, wenn man in den Zwanziger Jahren am Boden der Kasse Münzen aus den Tagen des habsburgischen Kaiserreiches gefunden hätte.

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)



Ein Ereignis, dessen Sinn mir erst viele Jahre danach bekannt wurde, grub sich besonders in meinem Gedächtnis ein. An einem Abend besuchte uns Herr N., ein wohlhabender alter Mann, der ehrenvoll von seinen Ersparnissen lebte. Nie gehörte er zu dem engeren Freundeskreis meines Vaters und nie hatte er unser Haus besucht. Er bat, mit Vater ›unter vier Augen zu sprechen‹. Viele Jahre kannten wir nicht die Bedeutung dieser Geheimnistuerei. Erst Jahre, nachdem Herr N. kinderlos gestorben war, deckte mir Vater sein Geheimnis auf: als die Bank, auf der seine Ersparnisse lagen, Konkurs machte, blieb Herr N. in großer Armut zurück. Er wusste nicht, wovon er im kommenden Monat leben sollte und er war aus Schamgefühl nicht dazu imstande, sich an die Wohltätigkeitskasse zu wenden. Mit Hilfe eines geheimen Wohltätigkeitsfonds der Familie Wolf, für den Vater verantwortlich zeichnete, erreichte Vater eine festgesetzte monatliche Rente für Herrn N. bis zu seinem Lebensende, ohne dass jemand in der Gemeinde eine Veränderung in seiner sozialen Stellung wahrnehmen konnte.

Die Teilnahme an den Wohltätigkeitsfonds befreite niemanden vom persönlichen Handeln. Die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ und andere erfüllten selbstverständlich freiwillig ihre Aufgaben, die manchmal mit großer Mühe und erheblichem Zeitaufwand verbunden waren. Das Verrichten einer Mitzwe war mehr Verdienst als eine ernste Pflicht. Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, trug mich mein gottseliger Vater als Neuling in der ›Chevra kadischa‹ ein. Er war verpflichtet, einige hundert Schilling Einschreibgebühr zu zahlen, und nachdem die Vorsteher der Chevra meine Aufnahme bestätigt hatten, wurde ich am Schabbat zur Tora und zum Lesen der Haftara (Text aus den Prophetenbüchern; Anmerkung des Übersetzers) aufgerufen. Was waren meine Rechte und Pflichten von nun an? Es waren nicht viele Wochen vergangen, als ich eine Nachricht empfing: der greise Herr Moritz Machlup ist sehr krank und da auch seine Tochter alt ist, kann sie ihn nicht pflegen. Ich musste die ganze kommende Nacht zur Unterstützung neben seinem Bett sitzen und ihm in allem helfen, wo er bedürftig war. Herr Machlup war früher ein Antiquitätenhändler, aber die Jahre der Wirtschaftskrise ließen auch ihn verarmen. Es lag in der Möglichkeit der ›Chevra kadischa‹, eine Frau anzustellen, die ihn pflegen würde, aber wo ist hier die persönliche Erfüllung der Mitzwa (›der guten Tat‹)? Nichts halfen die Proteste der gottseligen Mutter, dass man dem ›Kind‹ eine schwere Aufgabe wie diese auferlegte; ‒ meiner Reife und der Verantwortung, die mir auferlegt wurde, bewusst, ging ich zur armen Wohnung des Alten und pflegte ihn ein oder zwei Nächte.

Eines Morgens, als wir das Schlagen des Holzhammers auf das Tor des Hauses hörten, das zum Morgengebet rief, wurden wir darauf aufmerksam, dass anstelle von drei Schlägen ‒ ta, ta, ta ‒ nur zwei gegeben wurden.

Wie es scheint, ist Herr Machlup diese Nacht gestorben

Zitat Meir Ayali

sagte Vater, denn dies war das Zeichen, dass ein Beter von nun an in der Synagoge fehlen wird.

Noch ein Bild aus den Tagen meiner frühen Kindheit steigt in meinem Gedächtnis auf. Ich war noch keine sechs Jahre, als ich wegen der Krankheit meiner Mutter den ganzen Winter bei Großvater und Großmutter in Lackenbach verbrachte. Sie hatten ein Lebensmittelgeschäft nahe der Wohnung, aber Großvater war sehr beschäftigt mit den Sorgen der Gemeinde, in der er viele Jahre als Oberhaupt diente. Es schneite stark und ich kniete im gemütlichen Zimmer auf der zum Fenster gelehnten Couch und blickte auf die weiß bedeckte Straße und auf die in ihre Mäntel eingehüllten Gestalten, die auf der Gasse vorübergingen. Da zog ein mit Holz beladener Wagen vorüber und neben dem Kutscher saß Großvater; eine Wollhaube bedeckte seinen Kopf und sein Gesicht. Sooft der Wagen stehen blieb, lud Großvater zusammen mit dem Kutscher neben verschiedenen Häusern gehackte Holzstücke vom Wagen. Großvater übergab die Leitung des Geschäfts für einige Stunden der Großmutter und selbst teilte er Holz an Familien aus, die sich ohne diese Hilfe in dem strengen Winter kein gewärmtes Zimmer hätten leisten können.

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse



Hätte ich über alle Bräuche in der Judengasse und über die verschiedenen Charaktere in der Gemeinde erzählt ‒ Menschen, die durch ihre Taten hervorragten und einfache Leute, die keine große Rolle spielten ‒ hätte ich noch viele Blätter Papier füllen müssen. Sie alle verschwanden plötzlich und wurden durch eine verbrecherische Hand ausgerottet. Ich könnte mich trösten, wüsste ich, dass alle jene sich hätten aufmachen und ihr persönliches Hab und Gut, ihre Bücher und ihre Bräuche mit sich nehmen können und erhobenen Hauptes Zuflucht gefunden hätten. Aber so war nicht das Los der meisten von ihnen. Vor den Augen ihrer Nachbarn, mit denen sie und ihre Väter durch hunderte von Jahren Straße an Straße gewohnt hatten, wurden sie misshandelt, gedemütigt und vertrieben. Die meisten von ihnen wurden am Weg und in den Vernichtungslagern getötet; es gab auch solche, die Selbstmord begingen. Mit schmerzendem Herzen erinnere ich mich an den verdienstvollen Arzt Dr. Pap, der mit dem Titel ›Medizinalrat‹ und danach mit dem Titel ›Sanitätsrat‹ wegen seiner großen Verdienste für das Gesundheitswesen der Stadt ausgezeichnet wurde. Wer kannte nicht die magere Gestalt mit dem asketischen Gesicht und der glänzenden Glatze, die von Haus zu Haus lief, um Heilung zu bringen ‒ auch ohne jegliche Bezahlung. Niemand erhob sich, um zu protestieren, als er geschlagen und gezwungen wurde, eine mit Steinen voll beladene Schubkarre ohne jedes Ziel durch die Gassen der Stadt zu führen und er an jeder Ecke gedemütigt wurde. Mit Schwierigkeit entkam er nach Italien, wo er Selbstmord beging. Und wer von uns erinnert sich nicht an Sándor Wolf: bis heute existiert niemand, der Eisenstadt mehr liebte als er, der mit seinem Geld und seinen Händen seine Vorgeschichte erforschte und seine Vergangenheit von den Tagen der Römer an aufdeckte und der das berühmte Museum errichtete. Wie viele Demütigungen musste er ertragen, bis es ihm gelang, in völliger Armut zu entkommen und das Land Israel zu erreichen!

Mir blieben alle diese Leiden erspart, denn ich verließ am Beginn der Dreißiger Jahre, als ich fast noch ein Bub war, Eisenstadt und Österreich, wo meine Ahnen und Urahnen durch hunderte von Jahren lebten, und schloss mich der Gruppe der Pioniere in ›Eretz Israel‹ (›Land Israel‹) an.

Mit großer Liebe trage ich in mir das Gedenken an diese Gemeinde, an ihre Größe und an ihre Kleinlichkeiten. Aber die finsteren historischen Ereignisse führten dazu, dass ich Eisenstadt in meinem Gedächtnis von der geographischen Realität getrennt habe und es irgendwo in fernen Sphären schwebt. Erst Kurt und Ursula Schubert halfen mir zurückzukehren und es manchmal als etwas zu fühlen, was wirklich war.

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Jahrzeit

An der Ostwand der Synagoge im Museum befinden sich 755 originale Jahrzeittafeln, die auf einer sieben Meter hohen und drei Meter breiten Stahlgitterkonstruktion zu sehen sind. Die Tafeln wurden durch…

An der Ostwand der Synagoge im Museum befinden sich 755 originale Jahrzeittafeln, die auf einer sieben Meter hohen und drei Meter breiten Stahlgitterkonstruktion zu sehen sind. Die Tafeln wurden durch Zufall im Winter 1994 auf dem Dachboden des Wertheimerhauses gefunden und datieren vom frühen 18. Jahrhundert bis 1938. Die vor allem aus Eisenstadt und den dazugehörigen Gemeinden stammenden Tafeln sind schwarze Metalltafeln in der Größe von ca. 10,5 x 15 cm, die bis 1938 vom Synagogendiener zur Jahrzeit (d. h. die Zeit des jährlichen Gedenkens an verstorbene nahe Verwandte) eines Verstorbenen in der Synagoge aufgehängt wurden.

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Die Jahrzeittafeln geben nicht nur Aufschluss über gebräuchliche jüdische (Vor)Namen in der Gemeinde, sondern sind wertvolle und oft die einzigen Quellen zur biografischen Erfassung einzelner Juden und jüdischer Familien. Selbstverständlich finden wir Jahrzeittafeln von den großen Gelehrten und Rabbinern der Gemeinde genauso wie von den ganz einfachen Gemeindemitgliedern, egal ob Fau oder Mann. Besonders bemerkenswert und für die Geschichte der Juden von enormem Wert ist die Nennung des hebräischen Namens der Mutter auf praktisch jeder Jahrzeittafel. Oft konnten Daten auf Grabsteinen der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt, die schwer oder nicht eindeutig lesbar sind, durch eindeutige Daten auf den Tafeln korrigiert bzw. ergänzt werden. So ermöglichte erst die Erwähnung des hebräischen Namens der Mutter von Regina (Rachel) Breyer, Bella Chaja, eine korrekte genealogische Zuordnung! Ähnlich bei Gemeinderabbiner Moritz (Mose) Kretsch und Ahron Gabriel:

Der Ausdruck ›Jahrzeit‹ bezeichnet das jährliche Gedenken an Verstorbene (im engsten Sinn des Vaters oder der Mutter) mit Anzünden des Jahrzeitlichtes und dem Kaddisch-Gebet in der Synagoge sowie in manchen Gemeinden mit Fasten und Mischna-Lernen. Jahrzeit zu halten gilt als eine der großen Ehren, die man einem Verstorbenen erweisen kann.

Wie alle religiösen Vorschriften gilt die Trauerpflicht auch erst ab Bar bzw. Bat-Mitzwa, also jener der Firmung oder Konfirmation vergleichbaren Feier, mit der ein jüdischer Knabe nach Vollendung seines 13. Lebensjahres (bei einem Mädchen mit Vollendung des 12. Lebensjahres) in alle religiösen Rechte und Pflichten eines jüdischen Mannes bzw. einer jüdischen Frau eintritt. Jahrzeit wird in der Regel am Tag des Todes, nur die erste Jahrzeit meist am Tag des Begräbnisses gehalten.

Jahrzeitlicht Familie Schiller

Jahrzeitlicht Familie Schiller
in der Synagoge unseres Museums

Der Jahrzeittag beginnt mit dem Ma’ariv (Abend)-Gebet des Vorabends und endet mit dem Mincha (Nachmittags)-Gebet des eigentlichen Tages. Sowohl zu Hause als auch, wenn vorhanden, in der Synagoge, soll am Jahrzeittag ein Jahrzeitlicht vom Vorabend bis zum Abend des Jahrzeittages brennen, also 24 bis 26 Stunden. Zwischen Toraschrein und Jahrzeittafel-Installation befinden sich sechs Jahrzeitlichter. Darunter jenes der Familie Schiller, das Herr Oskar Schiller, der nach 1945 nach Eisenstadt zurückgekehrt war, für seine in der Schoa ermordeten Eltern und Geschwister anlegen ließ (siehe besonders auch den Blogartikel “Bild der Woche – Jahrzeit Oskar Schiller“).

Besondere Freuden, wie die Teilnahme an einer Hochzeit, einer Beschneidung, einer Bar-Mitzwa etc., außer wenn diese Feste ohne Musik durchgeführt werden, werden am Jahrzeittag und insbesondere am Vorabend unterlassen.

Am Schabbat vor der Jahrzeit wird der Trauernde zur Tora aufgerufen, das Gedächtnisgebet ›Gott, voller Erbarmen …‹ wird für den Verstorbenen gebetet.

Am Jahrzeittag wird Kaddisch gesagt. Das Kaddisch-Gebet, wohl eines der bekanntesten Gebete des Judentums, welches sich in vier Arten gliedern lässt, ist vorwiegend in aramäischer Sprache verfasst und basiert auf dem biblischen Buch Ezechiel, Kapitel 38, Vers 23 und auf Versen des Buches Daniel. Weiß jemand den genauen Todestag nicht, wird ein Datum ausgewählt und von da an der Jahrzeittag an diesem Datum gehalten.

Zur Berechnung der Jahrzeit

Ausschlaggebend für die Berechnung ist selbstverständlich der jüdische Kalender, ein Schaltjahr mit 13 Monaten wird als ein Jahr gerechnet. Das heißt, wenn der Todesfall in einem Schaltjahr in die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew, Tevet, Schvat oder Adar I fiel, wird die Jahrzeit im jeweiligen Sterbemonat, also in diesem Fall im 13. Monat, begangen. Analog verhält es sich, wenn der Todesfall in einem gewöhnlichen Jahr auf ein Datum der Monate Nisan bis Elul fällt, das nächste Jahr aber ein Schaltjahr ist. Hat sich der Todesfall in einem Schaltjahr im Adar II ereignet, wird in einem gewöhnlichen Jahr der Jahrzeittag im Adar I gehalten, in einem Schaltjahr im Adar II; ereignete sich der Todestag in einem gewöhnlichen Jahr etwa am 5. Nisan, so wird im Schaltjahr darauf der Jahrzeittag ebenfalls am 5. Nisan, also im 13. Monat, gehalten etc.

Fiel der Todestag auf einen Neumondtag, wird der Jahrzeittag immer am selben Neumondtag gehalten (z.B. Todestag erster Neumondtag ist Jahrzeit erster Neumondtag; Todestag zweiter Neumondtag ist Jahrzeittag zweiter Neumondtag). Fiel der Todestag auf den zweiten Neumondtag der Monate Kislew oder Tevet (s.o.), und im nächsten Jahr haben diese Monate nur einen Neumondtag, wird der Jahrzeittag am ersten Neumondtag der jeweiligen Monate gehalten, fiel der Todestag auf einen Tag nach dem Neumondtag in einem Jahr, in dem der betreffende Monat (Kislew oder Tevet) nur einen Neumondtag hatte, der Monat im nächsten Jahr aber zwei Neumondtage hat, wird der Jahrzeittag nicht am zweiten Neumondtag, sondern am Tag nach dem zweiten Neumondtag gehalten.


Historische Objekte wie die Jahrzeittafeln dürfen als Inbegriff jüdischer Geschichte und genuin jüdischer Kultur, deren museale Aufarbeitung und Präsentation eine primäre Aufgabe des Museums ist, gesehen werden. Aber abgesehen davon ist die Installation der 755 Jahrzeittafeln in unserer Synagoge eines meiner Lieblings”objekte” im Museum.

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Die ehemalige Synagoge in Kobersdorf

Seit einigen Monaten ist auch hier im Blog das jüdische Kobersdorf eines unserer Hauptthemen und wird ein solches wohl auch noch einige Zeit bleiben. Vor allem, weil erst ein kleiner…

Seit einigen Monaten ist auch hier im Blog das jüdische Kobersdorf eines unserer Hauptthemen und wird ein solches wohl auch noch einige Zeit bleiben. Vor allem, weil erst ein kleiner Teil (10%) der Grabsteine bzw. Grabinschriften des jüdischen Friedhofs von Kobersdorf aufgearbeitet ist, aber auch, weil wir sehr gerne den Prozess der ehemaligen Synagoge Kobersdorfs, die derzeit restauriert wird, begleiten.

Da wir sowohl von EinzelbesucherInnen als auch bei Gruppenführungen immer wieder auf die Kobersdorfer Synagoge angesprochen werden, ging’s am vorletzten Sonntagvormittag, einem der letzten schönen und wolkenlosen Herbsttage, nach Kobersdorf. Noch zumal die Synagoge vor genau 160 Jahren, am 11. April 1860, feierlich eingeweiht wurde.

In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten innen zerstört, später von der Sturmabteilung der NSDAP als Turnhalle und Vereinsheim verwendet. Eine Sprengung wie den nahegelegenen Synagogen in Deutschkreutz und Lackenbach 1941 blieb der Kobersdorfer Synagoge erspart.
1994 wurde die ehemalige Synagoge vom “Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf” von der Israelitischen Kultusgemeinde erworben, 2010 wurde das Gebäude endlich unter Denkmalschutz gestellt.
2019 kaufte das Land Burgenland die ehemalige Synagoge, die Restaurierungsarbeiten haben schon begonnen. Auf der Webseite der Landesregierung Burgenland erhalten Sie alle Informationen zum Synagogengebäude (Geschichte der Synagoge, Baugeschichte) und dem aktuellen Stand der Restaurierungsarbeiten!

Sitzplan der alten Synagoge, 1. Hälfte 19. Jahrhundert

Sitzplan der alten Synagoge, etwa 1830-1860



Nachdem die alte Synagoge in Kobersdorf Mitte des 19. Jahrhunderts, als die jüdische Bevölkerung mit etwa 600 Einwohnern/Einwohnerinnen ihren Höchststand erreichte, zu klein geworden war, begann man ca. 150m entfernt mit der Errichtung der neuen Synagoge, die am 11. April 1860 feierlich eingeweiht werden konnte.

Rabbiner war damals Abraham Shag Zwebner.
“Shag” oder “Shog” war der Vulgoname nach dem im jüdischen Volksmund so genannten Aufenthaltsort seines Vaters, Rabbiner Jehuda Löb Shag bzw. Shog, Ipolyság.

Zwebner wurde am 17. April 1801 (04. Ijjar 561) in Hlohovec (deutsch: Freistadl) in der Slowakei geboren, studierte bei Rabbiner Chatam Sofer (1762-1839) in Pressburg, wo er auch die Smicha erhielt, also die formelle Einsetzung als Rabbiner. 1851 kam er als Rabbiner nach Kobersdorf (übrigens im selben Jahr, in dem Rabbiner Esriel Hildesheimer als Rabbiner nach Eisenstadt kam). In seine Amtszeit fiel auch der Neubau der Synagoge von Kobersdorf im Jahr 1860.

Von seinen Werken wurden nur sein Responsenwerk Ohel Avraham” (“Zelt Abrahams”), 1881, und seine Predigten Draschot HaRo’sch” (“Predigten von Rabbiner Abraham Shag”), 1904, gedruckt. Am 19. Mai 1873 (22. Ijar 5633), im Alter von 72 Jahren, ging Rabbiner Zwebner nach Eretz Israel, näherhin nach Jerusalem, wo er am 25. März 1876 (29. Adar 636) verstarb. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof auf dem Ölberg in Jerusalem.

Seine Ehefrau Leni (Rebekka Lea), geb. Spitz, starb schon 1863 und ist am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben.

Leopold Moses, Archivar und Bibliothekar, 1888 in Mödling bei Wien geboren, 1943 in Auschwitz ermordet, besuchte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes, darunter auch Kobersdorf, nicht ohne die Bedeutung von Rabbiner Zwebner ausdrücklich zu erwähnen:

Die Kobersdorfer Juden studieren nicht ‒ vielleicht kommt das von ihrem reichlichen Kohlensäuregenuss ‒ und typisch für ihr Wesen ist jener Jude mit dem Tischa b’Av-Bärtchen in dem von Gesundheit strotzenden Gesicht, den ich da in der Woche vor dem 9. Av breitspurig in der Mitte der großen Gaststube des jüdischen Wirtshauses stehen und ein Glas Rotwein mit Kennermiene trinken sah. So kommt es auch, dass in Kobersdorf, das geistig-jüdische Leben nie so ganz jene Pflege fand, deren es sich sonst überall im Lande erfreute, und dass dort auch das Rabbinat nicht ganz so hervorragende Persönlichkeiten aufwies wie in den Nachbargemeinden.

Und doch finden wir auch in der bescheidenen Reihe der der Nachwelt bekannten Rabbiner Kobersdorfs einen Mann von großem Zuschnitt, der auch unserer Zeit noch viel bedeutet, und das ist der im Jahre 1801 in Freistadtl geborene Schüler des Chatam Sofer R. Abraham Zwebner, der nach dem Aufenthaltsort seines Vaters Ipolysag, meist nur R. Abraham Schag genannt wurde. Von diesem Manne rühren die Schriften Ohel Abraham und Deraschat ha Rosch her, aber noch bedeutender als durch diese wurde er für die innere Entwicklung der ungarischen Judenschaft durch die Tatsache, dass er auf der Versammlung der orthodoxen Rabbiner, die gegen den Kongress der Reformfreunde im Jahre 1865 einberufen worden war, gegen die Trennung der Gemeinden auftrat und als sein Standpunkt nicht durchdrang, nach Erez Jisrael ging, wo er im Jahre 1876 starb. Er mochte dabei wohl gedacht haben, dass allem Streit innerhalb der Judenheit des Exils keine Bedeutung innewohnt, wenn man ihn unter dem Gesichtswinkel des seiner Kinder beraubten Landes Jisrael betrachtet, und dass es nur darauf ankäme, die Erlösung herbeizuführen, um den Streit über den Standort des Almemor, über die ungarische oder deutsche Predigt und dergleichen weltbewegende Dinge mehr verstummen zu machen.

Leopold Moses, Bilder aus Österreich, in: Jüdische Presse 11 (1925) 51-52 (18.12. 1925), 338f

In der Tat war die Diskussion über den Standort der Bima / des Almemors, also des Vorlesepults, auch in die jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes übergeschwappt (zur Begriffserklärung siehe den Artikel Bima” in der Jüdischen Allgemeinen). Orthodoxe Synagogen haben meist die Bima / den Almemor in der Mitte der Synagoge, reformierte Synagogen haben sie nach vorne zum Toraschrein gerückt (“geostet”). So wurde zum Beispiel die Bima in der Synagoge von Schlaining erst nach vorne zum Toraschrein, später wieder zurück in die Mitte gerückt. Oder auch Rechnitz: Der Gemeindevorstand plante die Verlegung der Bima, worauf Rabbbiner Gabriel Engelsmann (Rabbiner von 1822 bis 1850) antwortete “Gut, dann verlasse ich morgen Rechnitz”, worauf die Bima in der Mitte und der Rabbiner in Rechnitz blieb (siehe Jüdische Presse 8 (1922), 37-38, 6.10.1922)…

In Kobersdorf war die Bima schon in der ersten Synagoge natürlich in der Mitte (siehe Sitzplan oben), auch in der nun neugegründeten Synagoge kam ein Verrücken nicht in Frage. Dafür war Rabbiner Zwebner Garant, hatte er doch bei Mose Schreiber, dem Chatam Sofer, in Pressburg studiert, der ein glühender Verfechter der mittigen Position der Bima war:

Für Chatam Sofer repräsentiert die Bima den Altar im Tempel, der auf dem Innenhof des Tempels stand und zwar genau in der Mitte. Die Synagoge sei ein kleiner Tempel, ‘Mikdasch me’at’ (Orach Chajim 28).

Bima” in der Jüdischen Allgemeinen)

Der ehemalige Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erklärt die Position der Bima in der Mitte als Symbol für die Tatsache, dass die Israeliten um den Berg Sinai lagerten, als sie die Tora
empfingen (Eisenberg Paul Chaim, Erlebnisse eins Rabbiners. Geschichten und Geschichte, Wien 2006, 66ff).
Die auf dem Foto erkennbaren Stufen führten zum Toraschrein!



Ebenfalls ein Schüler von Chatam Sofer war zur selben Zeit der Rabbiner von Deutschkreutz: Rabbi Joachim Katz (Menachen Katz-Proßnitz) trat sein Amt in Deutschkreutz nur wenige Monate nach dem Tod seines Lehrers 1840 an und übte dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1891, also über 50 Jahre aus. Rabbiner Katz-Proßnitz war ein Vertreter der strikten Orthodoxie, duldete keine Neuerungen, das gesamte Gemeindeleben war in Übereinstimmung mit der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, geregelt. Er galt aber nicht nur als ausgesprochen gelehrt und äußerst fromm, sondern sogar als wundertätig.

Und dieser fromme, gelehrte Mann besuchte einmal Kobersdorf und äußerte Kritik am Gitter der Frauenabteilung in der Synagoge. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie er reagiert hätte, wäre die Bima nicht in der Mitte, sondern vor dem Toraschrein gewesen … Aber lesen Sie den Reisebericht von Otto Abeles:

Otto Abeles, Journalist, Zionist, 1879 in Brünn (Mähren) geboren, Deportation nach Bergen-Belsen, 1945 kurz nach seiner Befreiung gestorben, kommt Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts auch nach Kobersdorf:

Sie sind einfache Leute, die Kobersdorfer. Eine Kehilla “prosterer” Juden, meist Viehhändler und Hausierer, die tagsüber auswärts sind oder gar erst vor Sabbateingang nach Hause kommen und wenig Zeit, auch nicht besondere Neigung zum “Lernen” haben. Aber sie sind fromm und treu, ein kräftiger, mit der Natur vertrauter Judenschlag und sie haben ihre Grundsätze.

Vor vielen Jahrzehnten wirkte hier eine Leuchte in Israel, der milde, liebevolle Rabbi Abraham Zwebner. Von ihm erzählen alle; die Jungen nach der Überlieferung, die Ältesten ‒ das einfache, ruhige Leben lässt viele Greise und Greisinnen mit frischen Sinnen und frischen Augen den siebzigsten und achtzigsten Geburtstag feiern ‒ weil sie ihn noch persönlich kannten und mit der ganzen Gemeinde ein Stück Weges geleiteten, als er nach Erez Israel zog, noch in rüstigem Mannesalter, um dort auf heiligem Boden sich der Lehre hinzugeben. Bevor er seine Gemeinde verließ, erbaute er die schöne, würdige Synagoge. Sie ist sein Denkmal.

Als der gestrenge Rabbi von Zelem (Deutsch-Kreuz) anlässlich eines Leichenbegräbnisses nach Kobersdorf kam, stellte er entrüstet aus, das Gitter der Frauenabteilung in der neuen Schul sei nicht undurchsichtig genug und forderte die Balbattim auf, ein so dichtes Drahtnetz anzubringen, wie es in Zelem die Frauen vor den Blicken der Männer einwandfrei bewahre. Er kam bei den Kobersdorfern nicht gut an. Sie meinten, wenn dieses Holzgitter ihrem großen Rabbi Abraham Zwebner genügt habe, so sei die Absonderung der Frauengalerie durch ein Drahtnetz bestimmt nicht erforderlich. So wird denn vermutlich die Drohung des Zelgemer, nie wieder nach Kobersdorf zu kommen, wenn man nicht das Holzgitter der Weiberschul durch ein dichtmaschiges Sieb verstärkt, von ihm erfüllt werden müssen. Die Kobersdorfer dürften kaum die gewünschte Änderung in ihrer Synagoge vornehmen. Allerdings bemerkte der fromme Handwerker, in dessen Begleitung ich die Synagoge besichtigte: Die Zeiten sind anders geworden. Stimmt. Und mit ihr die Tracht der Frauen.

Kobersdorf ist ein jüdischer Luftkurort. Hier ist den Gesetzestreuen verstattet, ungestört jüdische zu leben. Sie werden von der Kehilla brüderlich aufgenommen, von der Bauernbevölkerung, in deren Häuser sie wohnen, auf das freundlichste behandelt. Man hat hier die herrlichsten Föhrenwälder, einen köstlichen Gesundbrunnen und den feierlichsten Sabbat.

Otto Abeles, Ein Sommertag in Kobersdorf, in: Die neue Welt, 2 (1928), Heft 50 (31.8.1928), 427f


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Ein ganz besonderer Freiwilligeneinsatz

Im Burgenland gibt es heute so gut wie keine Juden mehr. Jene Nachfahren der Toten, die die Schoa überlebten, leben heute in den USA, in Israel, in Südamerika usw. Die…

Im Burgenland gibt es heute so gut wie keine Juden mehr. Jene Nachfahren der Toten, die die Schoa überlebten, leben heute in den USA, in Israel, in Südamerika usw. Die Pflege der 14 jüdischen Friedhöfe muss daher durch die öffentliche Hand erfolgen und/oder durch Freiwilligenarbeit.

Dass diese aber von Schülerinnen und Schülern der MS Kobersdorf gemacht wurde, ist nicht selbstverständlich und wirklich in höchstem Maße erfreulich.

Vor einigen Wochen wurde ich von Herrn Michael Bauer aus Brooklyn/NY gebeten, jemanden zu organisieren, der die vier Grabsteine seiner Familie am jüdischen Friedhof Kobersdorf vom Grünbelag befreien würde. Ich kontaktierte umgehend die Direktorin der MS Kobersdorf, die sich spontan bereit erklärte, mit Schülerinnen und Schülern ihrer Schule, die sich freiwillig melden, die Arbeit zu machen.

Schon heute Vormittag ging die Aktion über die Bühne. Wir reinigten nicht nur die gewünschten 4 Grabsteine von Gedalja Bauer und Sarl Bauer sowie von Mordechai Gerstl und Resl Gerstl, sondern noch weitere stark durch Grünbelag belastete Grabsteine.

Da die Schülerinnen und Schüler der MS Kobersdorf im Rahmen des Religionsunterrichts jährlich auch den örtlichen jüdischen Friedhof besuchen, freute ich mich sehr über die Gelegenheit, über die hebräischen Inschriften oder die Symbole auf den Grabsteinen zu erzählen sowie den einen oder anderen interessanten Grabstein zu zeigen.

Besonders erwähnt werden darf, dass alle Schülerinnen und Schüler mit größtem Einsatz und mit unglaublicher Genauigkeit und Freude die Arbeit verrichteten. Originalantwort einer 13jährigen Schülerin, nachdem wir ihr sagten, dass sie den Sockel des Grabsteins nicht so genau vom Grünbelag reinigen müsse wie den Teil mit der Inschrift:

Natürlich reinige ich den ganzen Grabstein. Wenn ich das Haus putze, putze ich ja auch nicht nur das halbe Haus…

VORHER:

NACHHER:

Die “Nachher”-Fotos entstanden einige Tage später nach heftigem Regen, da nach der Reinigungsaktion die Sonneneinstrahlung zu stark für aktzeptable Fotos war.


Nach gut 2 Stunden noch rege Diskussionen mit Direktorin, Lehrerinnen und SchülerInnen

Nach gut 2 Stunden noch rege Diskussionen mit Direktorin, Lehrerinnen und SchülerInnen



Ich bedanke mich in aller Form bei der Direktorin Carina Werba, allen Lehrerinnen für katholische und evangelische Religion und vor allem bei den 21 Schülerinnen und Schülern der 3a- und 3b-Klassen für ihre schnelle Zusage, ihre Bereitschaft und die so akribisch ausgeführte Arbeit.


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Über das Waschen der Hände

Eines der schönsten, wertvollsten und interessantesten Objekte unserer Dauerausstellung ist das aus der Judaica-Sammlung Sándor Wolfs stammende Handwaschbecken. Das Handwaschbecken, eine typische Jugendstilarbeit, unter Verwendung islamischer Ornamentik, dürfte wohl für…

Eines der schönsten, wertvollsten und interessantesten Objekte unserer Dauerausstellung ist das aus der Judaica-Sammlung Sándor Wolfs stammende Handwaschbecken.

Das Handwaschbecken, eine typische Jugendstilarbeit, unter Verwendung islamischer Ornamentik, dürfte wohl für den synagogalen Gebrauch bestimmt gewesen sein. Aus welcher Synagoge es stammt, lässt sich nicht mehr feststellen.

Synagogales Handwaschbecken, vermutlich Bezalel, 1910

Synagogales Handwaschbecken, vermutlich Bezalel, 1910; Dauerleihgabe des Landesmuseums Burgenland, Inv.Nr.: 53.223



Material(ien): Messingblech, Glasfluss gefasst, gedrückt, getrieben, punziert, gegossen.
Hergestellt: um 1910, vermutlich Bezalel
Höhe: 63 cm, Breite: 40 cm, Tiefe: 24 cm [1].

Auf der oberen Seite des Handwaschbeckens befinden sich die beiden Gesetzestafeln mit den Anfangsworten bzw. -buchstaben der 10 Gebote, flankiert von zwei Löwen, an den beiden Seiten jeweils eine Hirschkuh. Sowohl der Löwe, das Wappentier des Stammes Juda, als auch die Hirschkuh, das Wappentier des Stammes Naftali, repräsentieren ganz allgemein das Judentum. Vor allem die in Jagdszenen gerne als gejagtes Tier dargestellte Hirschkuh ist die in Sprüche Kapitel 5, Vers 19 genannte Geliebte, die zum Symbol für das trotz aller Verfolgungen Gott die Treue haltende Judentum wird.

Unmittelbar über dem eigentlichen Becken findet sich in vier Zeilen der Segensspruch über das Händewaschen in hebräischer Sprache und Schrift.

בּרוּך אתה ה’ אלהינוּ
מלך העולם אשר קדשנוּ
בּמצותיו וצונוּ על
נטילת ידים

Die Übersetzung lautet:

Gesegnet seist Du, Gott, unser Herr, König der Welt, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns auf das Waschen der Hände verpflichtet hat.

Da es eher ungewöhnlich ist, dass sich dieser Segensspruch auf einem Handwaschbecken, das für den synagogalen Gebrauch bestimmt ist, findet, soll hier näher auf Bedeutung und Verwendung dieses Segensspruches eingegangen werden.

Gesegnet seist Du, Gott, unser Herr, König der Welt

Als Segensspruch im eigentlichen Sinn wird der ‒ meist standardisierte ‒ ausgesprochene Segen, näherhin jener, mit dem die Menschen Gott loben und danken, bezeichnet. Diese Segenssprüche werden hebräisch ›Brachot‹ (Singular: ›Bracha‹) genannt und dürfen als Kernelement des jüdischen Gebetes bezeichnet werden. Denn es sind die Segenssprüche, die den Menschen zur richtigen Gottesfurcht führen, wie es im Traktat Menachot 43b des babylonischen Talmud zur Stelle 5. Buch Mose, Kapitel 10, Vers 12:

Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir …« heißt: »Rabbi Meir sagte: Der Mensch ist verpflichtet, täglich hundert Segenssprüche zu sprechen …

Die Vorschrift, täglich hundert Segenssprüche zu sprechen, finden wir auch im Schulchan Aruch (›gedeckter Tisch‹), dem für das orthodoxe Judentum maßgeblichen Gesetzeskodex des Josef ben Ephraim Karo (Erstdruck 1565), wo es heißt:

Der Mensch ist verpflichtet, jeden Tag wenigstens hundert Brachot zu sprechen; der König David hat dies angeordnet ….

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 6, § 7

Die jüdische Religion kennt drei Arten dieser Segenssprüche:

  1. jene, die vor Erfüllung einer religiösen Pflicht (hebr. ›mitzwa‹) gesprochen werden,
  2. die sogenannten Genuss-Brachot, also Segenssprüche, mit denen wir Gott für alle Dinge, die uns gut tun und die wir von ihm erhalten haben (z. B. Brot und Wein oder die Tora) danken, sowie
  3. Segenssprüche, die reine Lobpreisungen oder Danksagungen sind.

Gemeinsam allen drei Segenssprüchen sind jeweils die direkte Anrufung Gottes (Gott, unser Herr) sowie die ausdrückliche Nennung seiner Eigenschaft als Herrscher der Welt (König der Welt).

Der Segensspruch auf dem Handwaschbecken ist der erste der morgendlichen Segenssprüche und wird täglich nach den ersten Versen des Morgengebetes gesprochen. Unmittelbar auf diesen Segensspruch folgt ein Segensspruch der 2. Art (s. o.), mit dem Gott als Schöpfer des Menschen und als ›Arzt alles Fleisches und Wunder vollbringend‹ gelobt wird. Während diese ersten beiden Segenssprüche im Morgengebet Gott für die Existenz des Menschen generell danken, folgen danach mehrere Segenssprüche, mit denen Gott für die Gabe der Tora gedankt wird bzw. solche über die ›mitzwot‹, also die Verpflichtung(en), sich der Tora zu widmen sowie eine Gruppe von Segenssprüchen, mit denen der Mensch Gott dankt, dass er ihm die 613 Ge- und Verbote erteilt hat und schließlich mehrere Segenssprüche über Dinge, die dem Menschen guttun.

Da dieser Segensspruch über das Waschen der Hände eben schon zu Hause während des Morgengebetes als erster Segensspruch des ganzen Tages gesagt wird, gilt er als für den ganzen Tag gesagt und muss in der Synagoge eigentlich nicht mehr wiederholt werden.

Das Vorhandensein des Segensspruches auf unserem Objekt ist auch der Grund, warum man grundsätzlich auch an ein Handwaschbecken für den häuslichen Gebrauch denken könnte. Dagegen und doch für ein Handwaschbecken für den synagogalen Gebrauch spricht aber die Größe des Beckens und die Tatsache, dass wir doch öfter auch auf älteren Handwaschbecken für den synagogalen Gebrauch (19. und frühes 20. Jahrhundert), vornehmlich aus dem Osten, sehr wohl den Segensspruch finden.

Da kam die Zeit wo die Abendmahlzeit gehalten wird, alle standen auf um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große, silberne, mit getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam mit den Augen, und schlich sich zur Türe hinaus. Die schöne Sara folgte ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes, eilig zog er sie fort, durch die dunklen Gassen Bacherachs, eilig zum Tor hinaus, auf die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt.

Heinrich Heine, Der Rabbi von Bacherach, insel taschenbuch, Frankfurt/Main (1)1985, 22

… der uns durch seine Gebote geheiligt und uns auf das Waschen der Hände verpflichtet hat

Das Händewaschen selbst diente so wie alle anderen Reinigungsbräuche ursprünglich wohl der Abwehr von Dämonen und hatte im heißen Orient naheliegender Weise auch hygienische Gründe. Man wusch und/oder badete sich vor einem Besuch bei einem Höhergestellten, insbesondere natürlich, wenn man vor Gott erschien, um ein Opfer darzubringen (1. Buch Mose, Kapitel 35, Vers 2; 2. Buch Mose, Kapitel 30, Verse 19-21). Das Händewaschen als ausdrücklich genanntes Ritual vor und nach dem Essen findet sich erst im Neuen Testament (Matthäus, Kapitel 15, Vers 2 u. a.) sowie im Traktat Chullin des babylonischen Talmud 105a:

Das Waschen vorher und nachher ist Pflicht, das in der Mitte [also zwischen zwei Speisen, Anm. d. V.] ist freigestellt.

Heute wird der Segensspruch über das Waschen der Hände auch vor dem Essen von Speisen mit Brot verwendet, nach dem Essen müssen die Hände gewaschen werden, jedoch immer ohne Segensspruch:

… wenn das Brot die Größe eines Eies hat, sagt er Bracha über das Waschen; bei weniger als dies sagt er keine Bracha über das Waschen.

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 40, § 1

Später wurden die Vorschriften, die Hände zu waschen, auf andere Bereiche ausgedehnt, so nach dem Verrichten der Notdurft, dem Schneiden und Reinigen der Nägel, nach dem Besuch des Friedhofes, vor dem Beten etc.

Das Händewaschen morgens nach dem Erwachen hat außer der Gesundheit schätzenden Sauberkeit noch die Bestimmung, unsere Hände, und durch sie unser ganzes leibliches Wesen, das im Schlaf nur ein physisches Dasein hatte, für ein Gott dienendes tätiges Leben zu weihen. Ähnlich wie der Priester sich durch Händewaschen (2. Buch Mose, Kapitel 30, Vers 20) zum heiligen Tempeldienst zu weihen hatte.

Hirsch Samson Raphael, Israels Gebete, Basel 1992, 6

Hebräisch heißt dieses ›Händewaschen‹ נטילת ידים ›netilat jadajim‹, womit eigentlich ein Heben der Hände, nämlich

aus der niederen, bloß physischen Natur zu ihrer höheren sittlichen Bestimmung

Hirsch Samson Raphael, Israels Gebete, Basel 1992, 6

angedeutet sein soll (hebräische Wortwuzel נטל ›ntl‹). Damit geschieht mit dem Händewaschen schon konkrete Vorbereitung auf den beginnenden Gottesdienst. Lau leitet das Wort ›netila‹ vom aramäischen Wort ›natla‹ ›Gefäß‹ her und sieht darin die Aufforderung, dass das Händewaschen

nur mit einem mit sauberem Wasser gefüllten Gefäß vorgenommen werden muss…

Lau Israel Meir, Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh (4)1997, 7

Das vorliegende Handwaschbecken dient(e) zum Waschen der Hände vor und nach dem Synagogenbesuch, der Segensspruch wird jedoch, da schon am Morgen geschehen, nicht gesprochen:

Man soll vor dem Gebet die Hände bis zum Gelenk mit Wasser waschen (Rambam). Darum, wenn man auch seine Hände am Morgen gewaschen hat …, wenn man nachher mit den Händen irgendeine unsaubere Stelle berührt hat, das sind die Stellen, die beim Menschen bedeckt sind, an denen sich Schweißkügelchen vorfinden, oder wenn man den Kopf gerieben oder wenn man sie am Morgen nicht bis zum Gelenk gewaschen hat, muss man sie vor dem Gebet nochmals waschen. Wenn man kein Wasser hat, muss man sich danach bemühen, vier Mil (18 Minuten gleich ein Mil) weiter zu gehen (wohin man doch gehen wollte) oder ein Mil zurück. Wenn man aber fürchtet, inzwischen könnte die Zeit des Gebetes vorübergehen, reinige man seine Hände an einer Erdscholle oder mit Staub oder jeder Sache, die reinigt, und bete: ›denn es heißt (Psalm, Kapitel 26, Vers 6), ich wasche in Reinheit meine Hände … ich wasche mit Wasser, wenn es möglich ist, und wenn nicht, in Reinheit, mit jeder Sache, die reinigt‹.

Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1978, I, Kapitel 12, § 5


[1] Die Bezalel-Akademie für Kunst und Design wurde 1906 vom Bildhauer und Maler Boris Schatz (1867-1932) in Jerusalem gegründet, bereits 1911 studierten etwa 460 Studenten an ihr. Sie wurde 1932, nach dem Tod Schatz's geschlossen und 1935 unter dem Maler und Graphiker Joseph Budko (1888-1940) als ›New Bezalel‹ wiedereröffnet. Für die kunsthistorische Analyse des Handwaschbeckens danke ich Frau Dr. Felicitas Heimann-Jelinek, Wien. [Zurück zum Text (1)]


Erstpublikation als Printversion: Johannes Reiss, Über das Waschen der Hände, in: Forscher ‒ Gestalter ‒ Vermittler. Festschrift Gerald Schlag, hrsg. von Wolfgang Gürtler und Gerhard Winkler, (WAB) Band 105, Eisenstadt 2001, 357-361.

Der Blogartikel ist eine überarbeitete Version des gedruckten Artikels.


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Heute ist Sonntag, der 8. Tevet 383…

Der Beitragstitel ist ein Zitat aus der Grabinschrift des ältesten jüdischen Grabsteins von Ebenfurth vom 11. Dezember 1622. Ein Sensationsfund: 28 Grabsteine und Grabstein-Fragmente in Ebenfurth Überblicksseite 28 Grabsteine und…

Der Beitragstitel ist ein Zitat aus der Grabinschrift des ältesten jüdischen Grabsteins von Ebenfurth vom 11. Dezember 1622.


Ein Sensationsfund: 28 Grabsteine und Grabstein-Fragmente in Ebenfurth


Landesrabbiner Schlomo Hofmeister

Landesrabbiner Schlomo Hofmeister beim Besichtigen der Grabsteine im Schloss Ebenfurth


Anfang 2020 wurden bei Renovierungsarbeiten im Schloss Ebenfurth im Fundament einer Mauer, die als Schutz gegen den osmanischen Vormarsch 1683 errichtet worden war, 28 jüdische Grabsteine bzw. Grabstein-Fragmente aus dem 17. Jahrhundert gefunden. Der älteste Grabstein hat das Sterbedatum 8. Tevet 383 = 11. Dezember 1622. Der Fund darf jedenfalls als Sensation bezeichnet werden, da bis dato nicht bekannt war, dass diese Grabsteine bzw. Grabstein-Fragmente aus der Blütezeit der jüdischen Gemeinde Ebenfurth noch existieren.

Restaurierte Mauer im Schloss Ebenfurth, in deren Fundament die 28 jüdischen Grabsteine bzw. Grabstein-Fragmente 2020 gefunden wurden

Restaurierte Mauer im Schloss Ebenfurth, in deren Fundament die 28 jüdischen Grabsteine bzw. Grabstein-Fragmente 2020 gefunden wurden



Zur Geschichte der Juden in Ebenfurth

Als 1994 das Gebäude der ehemaligen Synagoge von Ebenfurth geschleift wurde, begannen auch die Recherchen zur jüdischen Geschichte der Stadt.[1]
Die Synagoge befand sich am Annaplatz, später das Häuschen des Schuhmachers Mayer, mitten im jüdischen Viertel.[2] Ein Toreingang zur Synagoge mit dem hebräischen Zitat “Dies ist das Tor zum Herrn, Gerechte werden dahin eintreten” (Psalm 118,20 als Notarikon ז”ה”ל”ייצ”י”ב”) konnte gerettet und renoviert werden.

Möglicherweise befand sich bereits im Mittelalter, vor der sogenannten “Wiener Gesera“, der vollständigen Vernichtung bzw. Vertreibung der Juden aus dem Herzogtum Österreich, eine jüdische Gemeinde in Ebenfurth.

Die Wiederbesiedlung dauerte jedenfalls sehr lange, erst die Ausweisungen aus den Herzogtümern Steiermark und Kärnten 1496/97 führten zu einer neuerlichen Ansiedlung von Juden in Österreich unter der Enns. Mit kaiserlicher Erlaubnis ließen sich jene Juden, die nicht nach Görz, Triest oder Istrien bzw. nach Ungarn, Böhmen und Mähren gezogen waren, zunächst in der ungarischen Grenzregion auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes nieder, wenig später auch in Niederösterreich. 1614 sind erstmals Juden in Ebenfurth belegt.[3]

Zwischen 1652 und 1671 war Ebenfurth die größte jüdische Gemeinde von insgesamt 48 jüdischen Gemeinden in Niederösterreich. Das Urbar der Herrschaft Ebenfurth aus 1644 (HKA, Urbar Nr. 944) zählt in der Stadt 25 Häuser auf, die von Juden bewohnt werden. 1652, 1662 und 1666 sind in Ebenfurth 24 jüdische Familien registriert, 1669 sind es sogar 45 Familien. Den Grund für das in nur drei Jahren starke Anwachsen der jüdischen Bevölkerung kennen wir nicht, die jüdische Bevölkerung stellte damals jedenfalls etwa 20-30% der Ebenfurther Bevölkerung.

Die Ebenfurther Juden waren vor allem im Münzwesen tätig, Handwerk und ähnliche Tätigkeiten waren den Juden verboten.

…in einem Bericht des Hofkammerarchivs vom 28. 4. 1622 wird über ‘Gold, Silber, Groschen, Halbpazen in den Truchen’ von Israel Marxen und dem Salomon, beide ‘Judt von Ebenfurth’ berichtet… Ein Deputierter der Landjuden war ein ‘Phöbus aus Ebenfurth’, der um 1666 für die Steueraufteilung mitverantwortlich war. Weiters wird in einer Abrechnung vom 24. Juli 1662 ein Schätzungsdeputierter ‘H. Feibisch Ebenfurter Judt dem Herrn Unverzagt gehörig’ genannt. Die Steuerbemessung am 3. 8. 1662 war: 116 Gulden 24 Kr, der Rest war am 17.4. 1663 in der gleichen Summe fällig.[4]

Am 26. August 1671 begann die Vertreibung der Ebenfurther Juden, ab 1671 haben wir kaum noch Informationen über jüdisches Leben in der Stadt. Erst nach 1867 siedelten sich einige Familien wieder in Ebenfurth an.

Der sogenannte Anschluss im März 1938 besiegelte den Anfang vom endgültigen Aus jeden jüdischen Lebens in Ebenfurth, 1941 waren in Ebenfurth 47 Juden unbekannter Herkunft Zwangsarbeiter der Gutsverwaltung.


[1] Philapitsch Anton, Die Juden in Ebenfurth, in: David, 7. Jahrgang, Nr. 26, September 1995, 12f. [Zurück zum Text (1)]

[2] Glatz Sandra, Synagogen des Mittelalters und der frühen Neuzeit im Raum Niederösterreich. Virtuelle Rekonstruktion der Synagogen von Oberwaltersdorf und Ebenfurth (Diplomarbeit), Wien 2013, S. 60ff; Genée Pierre, Synagogen in Österreich, Wien 1992, 40. [Zurück zum Text (2)]

[3] Brugger Eveline, Keil Martha u.a., Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2013, 237ff; Staudinger Barbara, Gantze Dörffer voll Juden, Wien 2005, bes. 93 [Zurück zum Text (3)]

[4] Philapitsch Anton, Die Juden in Ebenfurth, in: David, 7. Jahrgang, Nr. 26, September 1995, 12f. 1581 wurde Ebenfurth Pfandbesitz der Herren von Unverzagt, 1589 erwarben sie durch Kauf die Stadt, die sie 1747 an Leopold Suttner v. Gundacker weiter verkauften. In ihre Zeit fiel die Gründung der jüdischen Gemeinde, das Schloss erhielt sein heutiges Aussehen. [Zurück zum Text (4)]



Obwohl aus jüdischer Sicht sozusagen off-topic, darf ein fast unglaublicher Netzfund hier auch noch erwähnt werden: Die einzig erhaltene Tonaufnahme der österreichischen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (als Tante Boulotte) im Schloss Ebenfurth, am 23. Mai 1904. Danke Silvia Freudensprung-Schöll für Fund und Hinweis!



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