Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Leben und Glaube

‚Erzwungener Freitod‘

Am 8. November 2021 widmete sich ein gemeinsames Symposium von Misrachi, dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) und dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) der Erinnerung an jene über…

Am 8. November 2021 widmete sich ein gemeinsames Symposium von Misrachi, dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) und dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) der Erinnerung an jene über 1.000 Wiener Jüdinnen und Juden, die während der NS-Zeit den Freitod wählten. In einer Reihe von Vorträgen wurde die Thematik aus historischer, psychologischer und halachischer Perspektive beleuchtet und diskutiert.

Zum Abschluss des ‒ unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten der Republik Österreich, Alexander Van der Bellen stattfindenden ‒ Symposiums wurden vor dem Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoa die Namen jener Personen verlesen, die ihrem Leben ein Ende setzten; das Stein gewordene Gedenken erhielt so ein Echo.

An der über 90 Minuten dauernden Namensverlesung ‒ die in Bild und Ton aufgezeichnet wurde ‒ beteiligten sich mehrere Dutzend Personen.

Die Aufnahme wurde von den Veranstalter:innen in der Hoffnung in Auftrag gegeben, dass die Aufzeichnung des Erinnerungs- und Gedenkaktes (egal ob in Bild, Ton oder beides) auch in Zukunft im Zusammenhang von Ausstellungen, Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen, aber auch im Geschichte-, Philosophie- und Ethikunterricht in Schulen Verwendung findet und somit dazu beiträgt, dass auch das Angedenken an all jene Jüdinnen und Juden, die während der NS-Zeit den Freitod wählten, in die Erinnerung an die NS-Zeit und die Schoa eingeschrieben wird.

Ziel der Aufzeichnung dieses ‒ sich diesen Geschichtsausschnitt vergegenwärtigenden ‒ Sprechaktes ist es, diese Bild- und/oder Tonmitschnitte sowohl für künftige Ausstellungen als auch für Erinnerungs- und Gedenkveranstaltungen zu Verfügung zu stellen. Darüber hinausgehend soll das Material Eingang in den Geschichts-, Philosophie- und Ethikunterricht finden, um die Erinnerung an jene Jüdinnen und Juden, die während der NS-Zeit den Freitod wählten in die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah zu integrieren.

Selbstverständlich kommen wir der Bitte, dieses Video zu teilen, sehr gerne nach:



Für alle Jüdinnen und Juden, die im Burgenland vor oder während der NS-Zeit den Freitod wählten, soll hier – einmal mehr – stellvertretend der arbeitslose Schuhmachergeselle Schmuli Gellis stehen, der sich am 11. Juni 1938 mit 54 Jahren in Eisenstadt erhängte.
Sowohl seine etwas ältere Schwester Therese als auch deren Ehemann Bernhard Simon wurden 1941 ins Ghetto Lodz transportert und in der Schoa ermordet.

Die Familie Gellis hatte 220 Jahre sicher in Eisenstadt gelebt. Die Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern sind auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts begraben. Siehe vor allem auch unseren Artikel über die Familie Gellis vom September 2018.

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Chanukka 5783

2018 (5778) posteten wir hier im Blog die Chanukkawünsche mit dem kleinsten Objekt unserer Sammlung, nämlich einem wunderhübschen Chanukkaleuchter. Mittlerweile ist dieser Chanukkaleuchter aber nicht mehr das kleinstes Oblekt unserer…

2018 (5778) posteten wir hier im Blog die Chanukkawünsche mit dem kleinsten Objekt unserer Sammlung, nämlich einem wunderhübschen Chanukkaleuchter.

Mittlerweile ist dieser Chanukkaleuchter aber nicht mehr das kleinstes Oblekt unserer Sammlung, denn Anfang Februar 2022 wurde auf einem Acker im Südburgenland, Raum Großpetersdorf, ein Dreidel gefunden, das viel kleiner, nämlich nicht einmal 3x3cm groß ist.

Dreidel (Blei, um 1800), gefunden im Südburgenland, Raum Großpetersdorf.
Schenkung von Gertrude Hutter und Bertie Unger (Finder) sowie Mario Unger

Besonderer Dank und Respekt gebührt der Finderin und den Findern, nicht nur, dass sie uns dieses wunderbare Objekt überlassen haben, sondern auch und vor allem, dass sie es überhaupt als Dreidel erkannt und identifiziert haben!

Auf den vier Seiten des Dreidels befinden sich die hebräischen Buchstaben נ ג ה ש „Nun, Gimel, He und Schin“, die Anfangsbuchstaben von „Nes gadol haja scham“ – „ein großes Wunder geschah dort“ (in Israel). In Israel hat das Dreidel statt dem Schin ein פ Pe „Nes gadol haja po“ – „ein großes Wunder geschah hier“.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest
Happy Chanukka – חג אורים שמח
und außerdem unseren christlichen Leserinnen und Lesern
ein frohes Weihnachtsfest und allen einen guten Start ins Neue Jahr!


Die Spielregeln sowie einen Bastelbogen für ein Dreidel stellen unsere Kolleginnen und Kollegen vom jüdischen Museum Berlin zur Verfügung!


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Kein Platz für die Pendeluhr

Über ein kleines, meist übersehenes, aber sehr wichtiges Detail in der Synagoge Synagogen im Burgenland: Ein historischer Miniexkurs Pendel- und Wanduhren, eine Ministatistik fürs Burgenland Die ehemaligen Synagogen des Burgenlandes…

Über ein kleines, meist übersehenes, aber sehr wichtiges Detail in der Synagoge


Synagogen im Burgenland: Ein historischer Miniexkurs

Auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes befanden sich vor 1938 dreizehn Synagogen[1], davon zwölf Gemeindesynagogen und die ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers in Eisenstadt.

Die Gemeindesynagogen wurden im 19. Jahrhundert erbaut (Ausnahme Oberwart 1904), in den meisten Fällen an der Stelle der alten und zu klein gewordenen Synagogen.

Heute existieren nur mehr

  1. die ehemalige Synagoge in Stadtschlaining, die als Ausstellungsraum genutzt wird,
  2. die jüngst renovierte ehemalige Synagoge in Kobersdorf, die für Symposien, Konzerte, Lesungen, Kulturvermittlung für Schüler:innen usw. zur Verfügung steht sowie
  3. die Privatsynagoge im Wertheimerhaus (seit 1972 Österreichisches Jüdisches Museum), die einzige „eingeweihte“ Synagoge (engl.: „living synagoguge“) im Burgenland und die älteste in ihrer ursprünglichen Funktion erhaltene Synagoge Österreichs.


Pendel- und Wanduhren, eine Ministatistik fürs Burgenland

  • In acht von dreizehn der ehemaligen Synagogen des Burgenlandes sehen wir auf historischen Fotos deutlich, dass sich an der Ostfront eine Uhr befand
  • Siebenmal rechts vom Toraschrein, einmal links vom Toraschrein (Schlaining)
  • Sechsmal eine Pendeluhr und zweimal eine Wanduhr (Schlaining und Güssing)
  • Alle Pendeluhren sind Historismus-Uhren, altdeutsche Pendeluhren, die gekauft wurden, nachdem die Synagoge erbaut worden war und eingerichtet wurde.


Die ehemaligen Synagogen des Burgenlandes mit Pendel- oder Wanduhr

Kobersdorf

Die kleine Rundfahrt zu den (ehemaligen) Synagogen des Burgenlandes beginnt ausnahmsweise mit Kobersdorf. Ich gestehe, dass mich die jüngst renovierte ehemalige Synagoge von Kobersdorf auf die Idee zu diesem kleinen Artikel brachte. Denn auf den Infoständen innerhalb des Zubaus zum Synagogengebäude befinden sich Informationsprospekte, auf denen sich das unten abgebildete historische Foto der Synagoge befindet. Auf diesem Foto ist eindeutig die Pendeluhr erkennbar, die sich rechts vom Toraschrein befand. Und ich würde mich wundern, wenn noch keine:r der vielen Besucher:innen gefragt hätte, warum auf dem historischen Foto eine Pendeluhr rechts vom Toraschrein zu sehen ist und in der renovierten ehemaligen Synagoge nicht. Oder auch, was die Pendeluhr eigentlich für einen Zweck hatte? Natürlich hätten mich die Antworten der geschätzten Synagogenführer:innen auch sehr interessiert ;-)


Eisenstadt

Sowohl in der Gemeindesynagoge als auch in der Privatsynagoge im Wertheimerhaus, in dem heute das Österreichische Jüdische Museum untergebracht ist, befand sich rechts vom Toraschrein eine Pendeluhr.



Thomas Petters erwähnt in seiner Diplomarbeit über die Gemeindesynagoge Eisenstadt auch die Uhr mit Verweis auf Naama G. Magnus, 89[2]:

In der Blickrichtung von der Bima gen Süden, befand sich rechts neben dem Toraschrein eine Pendeluhr, welche offenbar eine burgenländische Besonderheit in der Synagogeneinrichtung darstellte.

Thomas Petters, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Eisenstadt, 49[3].

Die Gemeindesynagoge wurde bereits im Juni 1938 von den Nazis innen verwüstet, 1951 an die Gewerkschaft verkauft und abgerissen. Seit 19. Oktober 2022 befindet sich am Standort der ehemaligen Synagoge eine neue Gedenktafel.

Die Wertheimersynagoge wurde zwischen 1694 und 1716 erbaut und im Zuge der Umbauarbeiten am Wertheimerhaus für das Österreichische Jüdische Museum 1979 renoviert. Ob die Pendeluhr damals noch vorhanden war, ist leider nicht bekannt. Ich wüsste allerding keinen Grund, warum sie nach 1945 nicht mehr vorhanden gewesen sein soll, da die Wertheimersynagoge während des Krieges keinerlei Zerstörung erfahren hatte. Sehr schade, dass die Pendeluhr heute fehlt. Jedenfalls kennen wir die Pendeluhr nur mehr von diesem historischen Foto:


Mattersburg

Die Pendeluhr befand sich ebenfalls rechts vom Toraschrein und wird von Veronika Schmid in ihrer Diplomarbeit über die ehemalige Synagoge zwar modelliert, aber interessanterweise bei der Bildbeschriftung nicht erwähnt[4]. In den virtuellen Rekonstruktionen ist die Pendeluhr deutlich zu erkennen[5].

Der reich geschmückte Toraschrein hatte seinen Platz an der Ostwand des Gebäudes, daneben hing eine Pendeluhr.

Magnus N., a.a.O., 125

Die Gemeindesynagoge von Mattersburg wurde im September 1940 gesprengt. Seit 5. November 2017 erinnert ein Denkmal am Standort der ehemaligen Synagoge an die Synagoge und die jüdische Geschichte des Ortes.


Deutschkreutz

In der Synagoge von Deutschkreutz befand sich die Pendeluhr ebenfalls rechts vom Toraschrein und wird in der Literatur[6], wenn auch sehr kurz, erwähnt.

Die Gemeindesynagoge wurde am 16. Februar 1941 gesprengt, seit 2012 erinnert zumindest eine Gedenktafel im Zentrum des Ortes an die jüdische Gemeinde.


Lackenbach

Die Pendeluhr rechts vom Toraschrein in der ehemaligen Synagoge von Lackenbach wird in der Literatur erwähnt, wenn auch nur mit einer Abbildung in der Diplomarbeit von Benjaim Gaugelhofer[7] (ohne in der Beschreibung darauf einzugehen), als auch von Naama G. Magnus:

Rechts vom Toraschrein hing die obligatorische Pendeluhr.

Magnus, a.a.O., 201

Die Gemeindesynagoge von Lackenbach wurde 1941 oder 1942 gesprengt. Heute erinnert eine kleine, unscheinbare Gedenktafel an die Synagoge.


Bleiben noch die beiden ehemals batthyanischen jüdischen Gemeinden im Südburgenland, in denen sich nachweislich eine Uhr, und zwar eine Wanduhr, jedenfalls keine Pendeluhr befunden hat, Schlaining und Güssing.

Schlaining

In der ehemaligen Synagoge von Schlaining befand sich eine Wanduhr links vom Toraschrein, heute ist in der ehemaligen Synagoge eine Ausstellung zu sehen.


Güssing

Auch in der ehemaligen Synagoge von Güssing befand sich eine Wanduhr, allerdings nicht so wie in Schlaining links, sondern rechts vom Toraschrein. Die Synagoge war 1938/39 in eine Turn- und Festhalle umgebaut und 1953 abgetragen worden. An ihrer Stelle steht heute das Rathaus der Stadt Güssing.

In der Reichskristallnacht (9./10. November 1938) warfen SA- und HJ-Mitglieder alle beweglichen Gegenstände auf den Platz vor dem Tempel und verbrannten sie. Darunter befanden sich Matrikelbücher, Thorarollen, Möbel, vielerlei Dekorationen, Luster, der siebenarmige Leuchter und eine wertvolle Uhr mit römischen Ziffern. Zweimal versuchte man auch den Tempel in Brand zu setzen, doch das Feuer erlosch jedesmal von allein …

Textliche Beschreibung der Synagoge aus der Privatsammlung des Herrn Karl Gober aus Güssing, undatiert, zitiert nach Bezcak Matthäus, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Güssing[8]

Angemerkt werden muss, dass wir von den übrigen ehemaligen Synagogen (Oberwart, Rechnitz, Frauenkirchen, Kittsee und Gattendorf) keine historischen Fotos mit einer Uhr oder Pendeluhr kennen. Dieser Umstand schließt aber selbstverständlich nicht aus, dass sich nicht auch in der einen oder anderen dieser ehemaligen Synagogen eine Uhr oder Pendeluhr befunden haben könnte.


Die Pendeluhr ‒ eine burgenländische Besonderheit?

Naama G. Magnus schreibt (s.o.), dass die Pendeluhr offenbar eine burgenländische Besonderheit in der Synagogeneinrichtung darstellte.

Selbst wenn die Betonung auf Pendeluhr (und nicht nur auf „Uhr“) liegt, darf angezweifelt werden, ob die Pendeluhr in den ehemaligen Synagogen des Burgenlandes wirklich eine Besonderheit waren.
Denn Pendeluhren finden wir auch in ehemaligen Synagogen anderer jüdischer Gemeinden, etwa in Diespeck (Landkreis Neustadt an der Aisch in Mittelfranken, Bayern) oder in der ehemaligen Synagoge von Niederwerrn (Kreis Schweinfurt, Unterfranken, Bayern).

Das jüdische Museum der Schweiz in Basel erhielt im April 2018 eine Synagogen-Pendeluhr, die im jüdischen Gemeindehaus in Gailingen am Hochrhein (Deutschland an der Grenze zur Schweiz) hing und die, 1820 hergestellt, die nationalsozialistische Zeit überlebt hatte. Siehe den Jahresbericht 2018 des Museums (S. 26).

Eine Wanduhr wiederum finden wir etwa in der berühmten Zori-Gilod-Synagoge in Lemberg (Lviv, Ukraine) (2. Bild von oben).

Und schließlich finden wir sogar eine Wanduhr im Arbeitszimmer von niemand Geringerem als dem berühmten Gaon von Wilna (1720-1797), der als Inbegriff des aschkenasischen Judentums litauischer Prägung gilt:

Commemorative Portrait of the Vilna Gaon. Lithograph, 1897. Photo courtesy of the William A. Rosenthall Collection, Addlestone Library, College of Charleston.

Commemorative Portrait of the Vilna Gaon. Lithograph, 1897. Photo courtesy of the William A. Rosenthall Collection, Addlestone Library, College of Charleston.


Wir finden also zwar gelegentlich in der Literatur die Erwähnung einer Pendeluhr oder einer Wanduhr in den ehemaligen Synagogen, offensichtlich hat sich aber niemand Gedanken gemacht, warum diese Uhren eigentlich angebracht wurden. Ich habe den Eindruck, dass die Uhr in der Synagoge vielfach nur als Schmuckstück, nur als Wanddekoration gesehen wird.

Und damit kommen wir zum letzten und wichtigsten Punkt:

Warum gab / gibt es Pendeluhren oder Wanduhren in Synagogen?

Es sind wohl vor allem drei Gründe anzuführen:

  1. Zur Überwachung der Gebetszeiten sowie zum korrekten Einhalten von Schabbatbeginn und -ende.
    Der Schabbat beginnt bekanntlich nicht mit dem Sonnenuntergang am Freitag Abend (Erev Schabbat), sondern mit dem Anzünden der Kerzen, also eine gewisse Zeit vor Sonnenuntergang. In Wien etwa werden die Kerzen zehn Minuten vor Sonnenuntergang gezündet, in anderen Gemeinden sind es 18 Minuten, 21 Minuten wie in Tel Aviv oder 40 Minuten wie in Jerusalem. Diese Zeit vor dem Sonnenuntergang wird als „Tosefet Schabbat“ („Zusatz zum Schabbat“) bezeichnet. Für mehr Informationen zum Schabbatbeginn siehe den Artikel „ Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums“ von Chajm Guski. Auch am Kalender für Gebetszeiten und Shabbat Beginn in Wien“ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien fällt auf, dass 10 Minuten nach dem „Schabbatbeginn“ (sprich nach dem Kerzenanzünden) das Wort „Skie“ steht. Das bedeutet ‎שְׁקִיעַת הַחַמָּה (schkiat hachama) oder ‎שְׁקִיעַת הַשֶּׁמֶשׁ (shkiat haschemesch), also „Sonnenuntergang“. Damit soll es aber hier genug sein. Es sollte nur klar werden, wie wichtig der exakte Zeitpunkt des Schabbatbeginns ist, dessen korrekte Einhaltung die Pendeluhr oder Wanduhr in der Synagoge gewährleisten soll. Im Regelfall ist der korrekte Schabbatbeginn noch wichtiger als der Zeitpunkt des Schabbatendes (v.a. wegen des „Tosefet Schabbat“). Natürlich mit Ausnahme von Jom Kippur, denn an diesem ist wohl der Zeitpunkt des Jom Kippurendes nach dem fast 26stündigen Fasten zumindest genauso wichtig.

    Screenshot Website IKG Wien (www.ikg-wien.at)

    Screenshot Website IKG Wien (www.ikg-wien.at)


    Interessant ist jedenfalls, dass Uhren auch in Synagogen von Gemeinden waren, die einen Eruv, also eine Art Schabbatgrenze, hatten (wie Eisenstadt!). Denn innerhalb dieser Grenze werden die Schabbatregeln nicht im selben Maße angewendet. Für mehr Informationen zum Eruv siehe den Artikel Eruv“ von Chajm Guski.
    Heute, ganz am Rande angemerkt, gibt es im deutschsprachigen Raum nur in Wien einen Eruv, der, immerhin 25km lang, selbstverständlich vor jedem Schabbat und jedem Feiertag kontrolliert wird, erkennbar an der Ampel, die, wenn der Eruv in Funktion ist, auf grün schaltet. Siehe auch ein Interview zum Wiener Eruv auf der Website von SFR «Der Eruv hat ein enormes Aufleben des jüdischen Lebens bewirkt».

    Screenshot Ampel von https://www.eruv.at

    Screenshot Ampel von https://www.eruv.at




  2. Einerseits trugen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Menschen noch keine Armbanduhr und andererseits trugen/tragen am Schabbat manche keine Armbanduhr.
    Generell verboten am Schabbat sind elektrische Geräte, die Handhabung und Betätigung aller Geräte, die irgendwie mit Licht zu tun haben, bergen ebenfalls die Gefahr, gegen das Verbot, ein Feuer anzuzünden, zu verstoßen. Vielleicht waren manche in den ehemaligen heiligen jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes etwas sensibler in der Frage der Uhren, weil es von alters her intensive Diskussionen der Gelehrten zur Frage um die Verwendung von Uhren am Schabbat gab und weil es in diesem Zusammenhang auch eine Lehrmeinung von Rabbi Meir Eisenstadt (gest. 1744 und begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt) in seinem Responsenhauptwerk „Panim Me’irot“ („Leuchtendes Antlitz“) gab. Es geht dabei um das Ziehen der Ketten, was dem Aufziehen der Uhren entspricht. Die eigentliche Gelehrtendiskussion, hier nur sehr grob beschrieben, drehte sich um die Frage, ob das Ziehen dieser Ketten (um den Betrieb der Uhr zu beginnen) als das Herstellen oder Reparieren eines Gerätes angesehen wird oder ob dies nur als Art der Verwendung eines bereits vorhandenen Gerätes angesehen wird, eine Meinung, wie sie R. Meir Eisenstadt in Panim Me’irot II, 123 vertritt.


  3. Die Uhr in der Synagoge, egal ob Pendel- oder Wanduhr, erinnert alle, die die Synagoge besuchen, daran, sich der Zeit allgemein, besonders aber, sich auch ihrer eigenen Zeit stets bewusst zu sein.

    אָ֭דָם לַהֶ֣בֶל דָּמָ֑ה יָ֝מָ֗יו כְּצֵ֣ל עוֹבֵֽר׃
    Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.

    Psalm 144,4

    Rabbi David Kimchi (RaDaK, 1160-1235) fügt hinzu:

    כמו הבל שעובר במהרה בהתפשט השמש או פירושו כצל העוף העובר בעופפו:
    Der Schatten eines Baumes verschwindet, wenn die Sonne untergeht, aber der Schatten eines Vogels bewegt sich gleich dem Vogel im Flug.

    RaDaK zu Psalm 144,4, zitiert nach Rabbi Gershon Winkler, Walking Stick Foundation Cedar Glen, CA

    Das Thema „Zeit“ im Judentum füllte schon und würde weiter viele dicke Bücher füllen. Selbstverständlich wird die Antwort je nach der religiösen Position innerhalb des Judentums ausfallen. Sie reicht von der Zeit als Einsteins vierte Dimension bis hin zur religiösen Tradition, dass die Zeit auch eine heilige Dimension hat (s.o. die Uhr im Arbeitszimmer des Gaon von Wilna).

    תניא היה רבי מאיר אומר חייב אדם לברך מאה ברכות בכל יום
    Es sagte R. Meir: Der Mensch ist verpflichtet, täglich 100 Segenssprüche zu sagen.

    Babylonischer Talmud, Traktat Menachot 43b

    Diese Verpflichtung ermöglicht dem Menschen, viele heilige Momente bewusst zu erleben, die sonst nicht als heilig betrachtet werden würden, der Mensch hat dadurch sozusagen die Möglichkeit, permanent das Heilige im Alltäglichen zu finden. Schneur Salman (1745-1812), der Begründer der chassidischen Chabad-Lubawitsch-Bewegung sah schon die Zeit als wesentlichen Faktor für die jüdische Praxis, jede verpasste Gelegenheit zur Erfüllung einer Mizwa kann niemals wieder gut gemacht werden, für seinen Nachfolger Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902-1994) hat jeder Zeitpunkt unendliches Potenzial, unabhängig davon, was voher war oder in Zukunft passieren wird.

    אֲפִילּוּ אִי בַּר נָשׁ קַיָּים אֶלֶף שְׁנִין, הַהוּא יוֹמָא דְאִסְתַּלַּק מֵעַלְמָא, דָּמֵי לֵיהּ כְּאִילּוּ לָא אִתְקְיַּים בַּר יוֹמָא חַד:
    Wir könnten selbst 1.000 Jahre leben und es würde sich noch immer anfühlen, als hätten wir nur einen einzigen Tag gelebt.

    Zohar 1:223b


Die Pendeluhr schlägt heute im Burgenland nicht mehr.



Fußnoten

[1] Eisenstadt: Gemeindesynagoge und Wertheimersynagoge, Frauenkirchen, Gattendorf, Kittsee, Mattersburg, Kobersdorf, Lackenbach, Deutschkreutz, Schlaining, Oberwart, Rechnitz, Güssing. [Zurück zum Text (1)]

[2] Magnus Naama G., Auf verwehten Spuren ‒ Das jüdische Erbe im Burgenland, Teil 1: Nord- und Mittelburgenland, Wien 2013 [Zurück zum Text (2)]

[3] Petters Thomas, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Eisenstadt, Wien 2016. [Zurück zum Text (3)]

[4] Schmid Veronika, Virtuelle Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge in Mattersburg (Nagymarton; Mattersdorf), Wien 2016, 97. [Zurück zum Text (4)]

[5] Schmid V., a.a.O., 116. [Zurück zum Text (5)]

[6] Literatur: Braimeier Bernhard, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge in Deutschkreutz, Wien 2015, 55; Magnus N. G., a.a.O., erwähnt die Uhr nicht. [Zurück zum Text (6)]

[7] Literatur: Gaugelhofer Benjamin, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge Lackenbach, Wien 2016, 94 [Zurück zum Text (7)]

[8] Literatur: Beczak Matthäus, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge in Güssing, Wien 2015, 13 [Zurück zum Text (8)]


Vielen Dank an Claudia Markovits-Krempke, Israel, Traude Triebel, Landesrabbiner Schlomo Hofmeister und Motti Hammer, Wien.

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Die Gedenktafel – NEU

Eine kleine Nachlese Schon 2010 kritisierten wir die „alte“ Gedenktafel an jenem Haus, an dessen Standort sich die Gemeindesynagoge von Eisenstadt befunden hatte. Gestern Abend enthüllten der Bürgermeister der Freistadt…

Eine kleine Nachlese

Schon 2010 kritisierten wir die „alte“ Gedenktafel an jenem Haus, an dessen Standort sich die Gemeindesynagoge von Eisenstadt befunden hatte.
Gestern Abend enthüllten der Bürgermeister der Freistadt Eisenstadt, Thomas Steiner und Seine Exzellenz, der Botschafter des Staates Israel, Mordechai Rodgold, eine neue, zeitgemäße Gedenktafel.

Neue, zetigemäße Gedenktafel an dem Gebäude, das heute am Standort der ehemaligen Gemeindesynagoge steht

Neue, zetigemäße Gedenktafel an dem Gebäude, das heute am Standort der ehemaligen Gemeindesynagoge steht


Nach der Enthüllung wurde der Innenraum der Gemeindesynagoge in Originalgröße auf das Gebäude projiziert.

Die eigentlich für nur einen Tag geplante Mikroausstellung „Die Schul‘. Eine Mikro-Ausstellung über die ehemalige Gemeindesynagoge Eisenstadt“ gefiel und wird daher noch bis 26. Oktober verlängert.
Und das Buffet, das die Freistadt Eisenstadt ausrichtete, war unglaublich gut!

Danke allen, die mitgewirkt und gekommen sind!



Projektion des Innenraums der ehemaligen Gemeindesynagoge in Originalgröße

Projektion des Innenraums der ehemaligen Gemeindesynagoge in Originalgröße




Alle Fotos bekamen wir von der Freistadt Eisenstadt, vielen Dank Peter Opitz!


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Mikro-Ausstellung und ein historischer Abend

In der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge von Eisenstadt befand sich eine Tafel zur Begrüßung. Wir haben die Tafel sehr sachte renovieren lassen und präsentieren sie heute erstmals in unserer Mikro-Ausstellung…

In der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge von Eisenstadt befand sich eine Tafel zur Begrüßung. Wir haben die Tafel sehr sachte renovieren lassen und präsentieren sie heute erstmals in unserer Mikro-Ausstellung „Die Schul‘. Eine Mikro-Ausstellung über die ehemalige Gemeindesynagoge Eisenstadt“.

Tafel in der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge in Eisenstadt, 1913

Tafel in der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge in Eisenstadt, 1913 (Tafel: Leihgabe des Landesmuseums Burgenland)

זה השער לה’ צדיקים יבואו בו
נתחדש בשנת נפשי תער“ג עליך אלקים
לפ“ק

Das ist das Tor zum HERRN, die Gerechten ziehen hier ein (Psalm 118,20).
Erneuert im Jahr, als meine Seele nach dir, oh Gott lechzte (Psalm 42,2),
nach der kleinen Zeitrechnung (= 1913)

Die kleine charmante Ausstellung (danke meinen Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern Sonja Apfler, Monika Gruber und Christopher Meiller) können Sie nur heute sehen und zwar bis ca. 20 Uhr.

Denn am Abend wird eine neue Gedenktafel an jenem Gebäude enthüllt, das heute an der Stelle der ehemaligen Gemeindesynagoge steht. Außerdem wird ein historisches Foto der Gemeindesynagoge in Originalgröße auf dieses Gebäude projiziert.

Wir laden alle sehr herzlich ein, am Abend nach Eisenstadt in die Unterbergstraße zu kommen, siehe unseren Newsletter mit dem Programm des historischen Abends: Newsletter 12. Oktober 2022.


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Der Herr segne und behüte dich. Von Mr. Spock bis zur Schlange der Ewigkeit I

Symbole auf jüdischen Grabsteinen Prolog Der Artikeltitel war der Titel meines kleinen Vortrages in der Langen Nacht der Museen gestern, am 01. Oktober 2022. Die Idee zum Thema kam eigentlich…

Symbole auf jüdischen Grabsteinen

Prolog

Der Artikeltitel war der Titel meines kleinen Vortrages in der Langen Nacht der Museen gestern, am 01. Oktober 2022.

Die Idee zum Thema kam eigentlich zufällig, als ich am jüdischen Friedhof Kobersdorf vor einigen Monaten ein Symbol aktiv wahrnahm, das ich zuvor noch nie auf einem anderen jüdischen Friedhof des Burgenlandes gesehen hatte: Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, der Ouroboros, der auch als „Schlange der Ewigkeit“ bekannt ist. Nun galt es einerseits zu verifizieren, ob diese spezielle Form der Schlange nur auf Grabsteinen am jüdischen Friedhof Kobersdorf zu finden ist oder auch auf anderen jüdischen Friedhöfen. Ich darf es vorwegnehmen, so viel sei schon verraten: ja, den Ouroboros gibt es nicht nur in Kobersdorf, nicht aber in Eisenstadt!

Bei der Suche stieß ich allerdings zu meiner großen Verwunderung auf viele andere, vielleicht nicht ganz so spektakuläre, aber sehr schöne Symbole, besonders auf dem älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt: Tiere, Blumen, Namenssymbole usw.

Mit diesem Artikel soll eine kleine Serie beginnen, bei der die Symbole auf jüdischen Grabsteinen, vor allem auf jüdischen Friedhöfen im Burgenland, nicht nur vorgestellt, sondern auf ihre jüdische Tradition hin untersucht werden.

Aber wir beginnen heute sozusagen mit „Adam und Eva“, mit den wohl schon bekannten segnenden Priesterhänden.

Quasi ein PS: Ich gestehe, mich bisher noch nie mit den Symbolen (außer den gängigen genuin jüdischen) intensiver beschäftigt zu haben, was bis zu einem gewissen Grad auch damit zusammenhängt, dass ‒ unterm Strich ‒ einerseits der Befund auf beiden jüdischen Friedhöfen in Eisenstadt relativ dünn ist und andererseits viele der Symbole auf den Grabsteinen heute ohne intensive vorsichtige Bearbeitung praktisch so gut wie nicht zu sehen oder zu erkennen sind.


Segnende Priesterhände

Beim Segen erhebt der Priester seine Hände mit der charakteristischen Fingerhaltung, bei der kleiner Finger und Ringfinger sowie der Daumen von Zeige- und Mittelfinger abgespreizt werden. Damit soll der hebräische Buchstabe ש „SCHIN“ assoziiert werden, der Anfangsbuchstabe des Wortes אֵ֣ל שַׁדַּ֔י „(El) Schaddai“ (der Allmächtige).

Mini-Exkurs

Der Priestersegen heißt Hebräisch „Birkat Kohanim“ oder „Nesijat Kapajim“ (wörtl: „Heben der Hände“) und ist unter aschkenasischen Juden auch als „Duchanen“ (s. u. das Video mit Leonard Nimoy) bekannt (s. auch The Mitzvah of „Duchening“ – Birchas Kohanim„). („Duchan“ ist das aramäische Wort für die Plattform vor dem Toraschrein, siehe etwa babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 118b „וְאָמַר רַבִּי יוֹסֵי: מִיָּמַי לֹא עָבַרְתִּי עַל דִּבְרֵי חֲבֵרַי. יוֹדֵעַ אֲנִי בְּעַצְמִי שֶׁאֵינִי כֹּהֵן, אִם אוֹמְרִים לִי חֲבֵירַי: עֲלֵה לַדּוּכָן — אֲנִי עוֹלֶה. „Ferner sagte R. Jose : Nie im Leben habe ich die Worte meiner Genossen übertreten. Ich selber weiß, dass ich kein Priester bin, trotzdem würde ich die Plattform besteigen, wenn meine Genossen mich dazu auffordern würden.“)


Die segnenden Priesterhände stehen für die Abstammung aus dem aaronidischen Priestergeschlecht. Die Priester, hebräisch Kohanim (Einzahl: Kohen), waren im Tempel für die Opferdarbringung und für das Sprechen des Segens (Priestersegen / Aaronitischer Segen, 4. Buch Mose (Numeri) 6,22-26) zuständig:

Inschrift Aaronitischer Segen: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[Num 6,22] Der HERR sprach zu Mose: וַיְדַבֵּ֥ר יְהֹוָ֖ה אֶל־מֹשֶׁ֥ה לֵּאמֹֽר׃
[Num 6,23] Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: דַּבֵּ֤ר אֶֽל־אַהֲרֹן֙ וְאֶל־בָּנָ֣יו לֵאמֹ֔ר כֹּ֥ה תְבָרְכ֖וּ אֶת־בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל אָמ֖וֹר לָהֶֽם׃ {ס}
[Num 6,24] Der HERR segne dich und behüte dich. יְבָרֶכְךָ֥ יְהֹוָ֖ה וְיִשְׁמְרֶֽךָ׃ {ס}
[Num 6,25] Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. יָאֵ֨ר יְהֹוָ֧ה ׀ פָּנָ֛יו אֵלֶ֖יךָ וִֽיחֻנֶּֽךָּ׃ {ס}
[Num 6,26] Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden. יִשָּׂ֨א יְהֹוָ֤ה ׀ פָּנָיו֙ אֵלֶ֔יךָ וְיָשֵׂ֥ם לְךָ֖ שָׁלֽוֹם׃ {ס}


Der 2016 verstorbene Singer-Songwriter, Dichter und Maler Leonard Cohen wurde als Kohen geboren und 1996 zum buddhistischen Mönch ordiniert. Am 24. September 2009, am Ende seines Konzerts in Tel Aviv, spricht er den Priestersegen:


In der hebräischen Bibel wird das dritte Buch Mose (Levitikus; hebr.: Wa-jikra) auch als „Torat haKohanim“ (Weisung für die Priester) bezeichnet, weil es in diesem Buch vor allem um die Arbeit der Kohanim im Stiftszelt und später im Jerusalemer Tempel geht. Die Kohanim kommen aus dem Stamm Levi, sind also eine Untergruppe der Leviten.
Aaron, der Bruder des Mose, wurde von diesem zum ersten „Großen Kohen“ geweiht, alle späteren Kohanim stammen daher von Aaron ab.

Da die Abstammung über die männliche Linie vererbt wird, findet man das Symbol vor allem auf Grabsteinen von männlichen Angehörigen aus dem Priestergeschlecht, meist mit dem Namen, später dem Beinamen „Kohen“, „Kohn“, „Kahn“, „KaZ“ usw. Siehe zum Beispiel Samuel Cohen, gestorben 1791 und am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben.
כ“ץ „KaZ“ ist eine Abkürzung für „Kohen Zedek“ „gerechter Priester“ wie bei Rabbiner Karl Klein (gestorben 1930 und begraben am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt), hebräisch: Chaim Akiba KaZ (oder Ka’tz), Zeile 6.

Der Kohen darf sich nicht rituell verunreinigen. So ist es ihm verboten, mit einem toten Körper in Berührung zu kommen oder sich auch nur unter dem selben Dach aufzuhalten, unter dem sich auch ein Leichnam befindet. Der Kohen darf keinen Friedhof betreten, außer er achtet im Freien auf die Distanz von 192cm zum Grab oder zum Sarg. Kohanim werden häufig auch am Rand des jüdischen Friedhofes oder in einer Ecke des Friedhofes begraben, damit sie sich beim Besuch eines Grabes eines oder einer Verwandten nicht verunreinigen. Allerdings muss der Kohen am Begräbnis der nächsten Verwandten (Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Brüder väterlicherseits und nie verheirateten Schwestern väterlicherseits) teilnehmen und sich dabei verunreinigen.

Kohanim-Gräber an der Mauer, jüdischer Friedhof Lackenbach

Kohanim-Gräber an der Mauer, jüdischer Friedhof Lackenbach. Selbstverständlich war vor 1938 die Friedhofsmauer nicht so hoch!


Wenn aus der Tora gelesen wird (also am Schabbat, an Fastentagen oder am Montag und Donnerstag während des Morgengebetes…), werden je nach Anlass fünf, sechs oder sieben Personen zur Tora gerufen. Der erste Aufruf (die erste Alija) gilt immer einem Kohen, der zweite einem Levi. Wenn kein Kohen anwesend ist, wird er durch eine andere Person ersetzt, ist kein Levi anwesend, dann soll er durch den zuvor aufgerufenen Kohen ersetzt werden.

Viele weitere Regelungen, die den Kohen vor allem in Bezug auf die kultische Reinheit betreffen, siehe etwa Die Reinheit des Kohens„.

Dazu passt eine Geschichte, die uns vom berühmten, wundertätigen und langjährigen Rabbiner der jüdischen Gemeinde Deutschkreutz übermittelt ist: Rabbi Menachem Wannfried KaZ-Prossnitz (geb. 1795, Rabbiner in Deutschkreutz von 1840 bis zu seinem Tod 1891) hatte beim großen Chatam Sofer in Pressburg studiert und galt als dessen gelehrigster Schüler. So wurde er für seine Treue von Chatam Sofer sogar in dessen privaten Studierstube in die Kabbala, die jüdische Mystik, eingeweiht. Als Chatam Sofer am Sterbebett lag, besuchte ihn Rabbi Menachem Prossnitz und wurde vom Grauen gepackt, als er die Hand seines Lehrers ergriff, die sich wie aus Stein anfühlte. Chatam Sofer freute sich über den Besuch und deutete dann dem Rabbi Menachem das Zimmer zu verlassen, denn „ich sterbe“. Rabbi Menachem Prossnitz war ein Kohen und durfte sich daher nicht unter einem Dach mit einem Toten befinden [1].

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass sich am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt bei 1.100 Grabsteinen nur 8 Grabsteine mit dem Symbol der segnenden Hände befinden.
Am jüngeren jüdischen Friedhof findet sich kein einziges Symbol der segnenden Hände, begraben sind, soviel wir wissen, nur der o.g. Rabbiner Karl Klein KaZ (ohne Symbol) und eine Frau, Rachel Kohn (verheiratet mit einem Kohen) und mit dem Symbol der Trauerweide am Grabstein.

Eine alte, v.a. mündlich überlieferte Geschichte aus dem ehemaligen jüdischen Viertel von Eisenstadt erklärt uns, dass sich vor allem in der neueren Zeit Kohanim nicht in Eisenstadt ansiedeln wollten. Weil sie nicht wussten, wo sich der jüdische Friedhof des mittelalterlichen jüdischen Viertels von Eisenstadt befunden hat. Mit der Nichtansiedelung wollten sie vermeiden, irrtümlich sozusagen Friedhofsgelände zu betreten.

Am Rande nur angemerkt sei, dass der Priestersegen in der Fernsehserie „Star Trek“ auch als vulkanischer Gruß bekannt ist. Wie es dazu kam, also die jüdischen Hintergründe, erklärt Leonard Nimoy (Mr. Spock), der selbst zwar in eine orthodoxe jüdische Familie geboren wurde, aber kein Kohen war:


In wenigen Tagen, zu Sukkot (Laubhüttenfest, heuer ab 9. Oktober Abend), wird der Priestersegen in Israel von hunderten Kohanim gesprochen und über Lautsprecher an die Westmauer in Jerusalem übertragen (genauso zu Pesach; siehe etwa den Birkat Kohanim Sukkot 2015).



[1] Siehe v.a. Shlomo Spitzer, Die jüdische Gemeinde von Deutschkreutz, Wien 1995 [Zurück zum Text (1)]


2 Kommentare zu Der Herr segne und behüte dich. Von Mr. Spock bis zur Schlange der Ewigkeit I

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