Vor den Augen ihrer Nachbarn, mit denen sie und ihre Väter durch hunderte von Jahren Straße an Straße gewohnt hatten, wurden sie misshandelt, gedemütigt und vertrieben. Die meisten von ihnen wurden am Weg und in den Vernichtungslagern getötet; es gab auch solche, die Selbstmord begingen. Mit schmerzendem Herzen erinnere ich mich an den verdienstvollen Arzt Dr. Pap, der mit dem Titel ›Medizinalrat‹ und danach mit dem Titel ›Sanitätsrat‹ wegen seiner großen Verdienste für das Gesundheitswesen der Stadt ausgezeichnet wurde. Wer kannte nicht die magere Gestalt mit dem asketischen Gesicht und der glänzenden Glatze, die von Haus zu Haus lief, um Heilung zu bringen ‒ auch ohne jegliche Bezahlung. Niemand erhob sich, um zu protestieren, als er geschlagen und gezwungen wurde, eine mit Steinen voll beladene Schubkarre ohne jedes Ziel durch die Gassen der Stadt zu führen und er an jeder Ecke gedemütigt wurde. Mit Schwierigkeit entkam er nach Italien, wo er Selbstmord beging.

Das erste Mal hörte bzw. las ich von Dr. Pap in diesen Kindheitserinnerungen von Meir Ayali 1988. Im Eisenstädter Ortsteil St. Georgen gibt es die “Isidor Pap-Straße” und es gibt sehr viele vor allem ältere Eisenstädterinnen und Eisenstädter, die sich an Dr. Pap erinnern. Gerne und mit großer Liebe an ihn erinnern.

Und es gibt so viele Geschichten über ihn, über seine Großzügigkeit, seine Menschenliebe, sein hohes Berufsethos… Obermedizinalrat Dr. Isidor Pap war von 1923 bis 1938 Arzt in Eisenstadt. Und trotzdem haben wir keine exakte Wohnadresse, keine Adresse seiner Arztpraxis, kein Foto. Wir haben zwar einige Informationen über seine Brüder und seine Schwester, von ihm haben wir weder Geburts- noch Heiratseinträge gefunden.

Was wir wissen:

Isidor Pap, geboren als Isidor Kohn am 07. September 1879 in Tihany (Ungarn). 1898 änderte er seinen Namen von Kohn zu Pap.

In Tihany waren 1880 1.4% der Bevölkerung jüdisch, das waren 14 Jüdinnen und Juden im Ort. Zur Synagoge mussten sie nach Balatonfüred fahren.

Dr. Isidor Pap war Obermedizinalrat und Sanitätsrat in Eisenstadt, wohnhaft Hauptstraße, emigrierte nach Italien und beging dort Selbstmord (so Josef Klampfer, Das Eisenstädter Ghetto, Eisenstadt 1966, Seite 48). Der Selbstmord muss 1942 oder später erfolgt sein.

Aus Mailand (Frau Laura Brazzo von der Fondazione Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea) haben wir erfahren, dass sich Isidor Pap 1942 auf einer Liste mit Juden in Mailand findet und da als Arzt geführt wird mit der Adresse Viale Lombardia Nr. 84, Mailand.

Ausschnitt aus einer Liste mit Jüdinnen und Juden, Mailand 1942

Ausschnitt aus einer Liste mit Jüdinnen und Juden, Mailand 1942



Vater: Ignaz Kohn, gest. mit 70 Jahren am ??? (leider kein Sterbedatum auf der Sterbeurkunde (!), s.u.)
Mutter: Josefine Stern

Sterbeanzeige Ignaz Kohn

Sterbeanzeige Ignaz Kohn



Schwester von Isidor Papp:

Hermine Pap, geboren ca. 1874 (wahrscheinlich in Tihany, Ungarn), verheiratet mit Ignac Schwarz, gestorben 11. August 1950 in Budapest.

Eintrag Sterbebuch Budapest, Hermine Schwarz, geb. Pap (Kohn), 11. August 1950

Eintrag Sterbebuch Budapest, Hermine Schwarz, geb. Pap (Kohn), 11. August 1950



Laut Klampfer (a.a.O., 48) lebte im Jahr 1966 die Tochter einer Schwester von Isidor Pap (mit Namen “Panni”) in England. Das ließ sich von uns (noch) nicht verifizieren.


Brüder:

Zoltan Pap, geboren 26. Juli 1885 in Tihany, Ungarn, geheiratet am 14. April 1926 in Budapest Maria Kuthy, Tochter des Janos Kuthy und der Karolina Gszellmann.

Eintrag Hochzeitsbuch Budapest, Zoltan Pap und Maria Kuthy, 14. April 1926

Eintrag Hochzeitsbuch Budapest, Zoltan Pap und Maria Kuthy, 14. April 1926



Aladar Pap (Selig Ha-Kohen), geboren 1881 in Tihany, gestorben 21. Mai 1940 in Tihany, begraben in Tihany.

Aladar Pap wird noch 80 Jahre nach seinem Tod als “Held von Tihany” verehrt, weil er, ein freundlicher Mann und beliebter Ladenbesitzer, an die Kinder kostenlos Süßigkeiten verteilte. Aber nicht nur deshalb, sondern vor allem, weil er während der Konterrevolution mit seiner Schrotflinte die Abtei von Tihany vor einer bewaffneten Horde rettete.
Als Aladar Pap starb, war nicht nur das ganze Dorf und die Menschen aus den umliegenden Ortschaften beim Begräbnis, sondern Rabbi Esra Menachem Goldstein reiste aus Balatonfüred extra nach Tihany, um die Trauerrede zu halten.


Siehe besonders den am 18. Jänner 2021 erschienenen Artikel “ Egy hős “cukrosbácsi Tihanyból” über Aladar Pap (auch Fotocopyright!).

Ehefrau von Aladar Pap:

Gizella Klein, geboren 22. Dezember 1888 in Tapolca, Ungarn, Tochter des Moritz Klein und der Karolin Kohn (Kun), Hausfrau, ermordet (vergast) 1944 in Auschwitz ( Schoa-Opfer)

Aladar Pap hatte (zumindest) 2 Söhne, die beide in der Schoa ermordet wurden, und 1 Tochter (wahrscheinlich, s. Testimonials):

Tochter von Aladar Pap:

Agnes Somogyi, geboren Papp , verheiratet mit Laszlo Somogyi, unterzeichnete die Testimonials für ihre beiden Brüder Andor und Miklos, lebte 1995 in Budapest II, Ker. Kapás Utca 14-16

Söhne von Aladar Pap:

Andor Pap, geboren 26. Februar 1911 in Tihany, Bäcker, verheiratet mit Dr. Ilona Huszár, wohnhaft Tihany, ermordet am 11. Oktober 1944 in Kiskunhalas ( Schoa-Opfer)

Miklos Papp, geboren 14. Jänner 1919 in Tapolca, Ungarn, Bäcker, ledig, wohnhaft Tihany, ermordet 1944 in Stalino (Donezk), Ukraine ( Schoa-Opfer)


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